Beiträge von Achim Seiter

Typ 1 Diabetes

Veröffentlicht in 2. Dezember 2015

Kurz einen Cappuccino trinken. Noch etwas Zeit haben. Sammeln für den nächsten Termin. Zu früh zum Termin kommen geht gar nicht. Lieber eine Bin-leider-zu-spät-Mitteilung, als eben zu früh. Ich für meinen Teil mag es nicht. Könnte auch daran liegen, dass ich immer etwas zu tun habe. Wir Schwaben kruschteln dann, wie wir im Nachhinein gerne betonen. Kleine Dinge. Es ist nicht so dass ich gelangweilt auf den Minutenzeiger starre. Kreisend um sich der Zeit zu nähern. Niemals zu früh. Kurz einen Cappuccino trinken. In einem Café das in jeder Stadt sein könnte. Und Dorf. Die Deutschen haben was undeutsches entdeckt. Was früher den Italiener vorbehalten. Espresso-Bar. Hat lange gedauert bis es über die Alpen gefunden hat. Immer Menschen drin in den Café’s. Nie ein Leeres gesehen.…

Tante Hilde

Veröffentlicht in 30. November 2015

Ich mag Weihnachten und ich mag blinkende Lichterketten. Ich mag Stechpalmenzweige mit roten Beeren, Sternenreigen an Fensterscheiben, ich mag glitzernd-leuchtende Fußgängerzonen, auch wenn ich weiß, dass das ökologisch bedenklich ist. Von Zimtgeruch und Orangen kann ich nicht genug kriegen und jedes Jahr wieder stelle ich mich unter einen Mistelzweig. Einen Tannenbaum will ich und der soll nicht nur mit drögem Stroh geschmückt sein. Ich will englische Weihnachtslieder, weil die so heiter klingen, ich will Gold, ich will Silber, und wenn es nur angemaltes Blech ist. Ich will einen Blick in den Festsaal werfen. Ich will glauben: Heute ist alles gut, auch wenn nicht alles gut ist. Ich will einen Vorgeschmack aufs große Ganze. Sehen, wie es wäre, wenn Frieden wäre und Glück und Schönheit…

AMORE

Veröffentlicht in 26. November 2015

Es fängt an als alles vorbei schien. WANDA war in der Stadt. Naja… Nicht ganz. Heidelberg. Halle 02. Irgendwo am Rande der Stadt. Industriegebiet. Dort, wo Kultur niemand stört. Innenstadt sind ja meist schicke Wohnungen und Menschen die sich gestört fühlen. Einerseits verständlich. Andererseits… die immerwährende Geschichte mit Huhn und dem Ei. WANDA. Gefeiert und doch unbekannt. Über das Radio wird vermutlich nur ein Song gespielt. Vermutlich? Höre für gewöhnlich kein Radio. One-Hit-Wonder und so. Dabei sein, weil man die Sensation der Stunde mit eigenen Augen sehen will! Solange sie noch lichterloh brennt. Wanda kommen aus dem Nichts. Es fängt damit an dass ein Großteil der Zuschauer textsicher mitsingt. OK. Wow. Nicht so erwartet. Hatte eher auf Neugierde gesetzt. Guter Auftakt. Fröhliche Stimmung. Und…

Naive Träume

Veröffentlicht in 18. November 2015

Es ist ein verlockender Gedanke: Terrornester irgendwo da draußen auszuräuchern, dem islamistischen Spuk mit Militärschlägen ein Ende zu bereiten. Ein Endkampf, der die Brut ausrottet, die immer wieder morden lässt. Ein Gedanke, so verlockend, weil er Stärke für sich in Anspruch nimmt und Heldentum und internationale Waffenbrüderschaft im Kampf gegen den einen, den gemeinsamen Feind. So beruhigend, weil er unsere niedersten Bedürfnisse von Rache und Vergeltung befriedigt und so bequem, weil er jeden weiteren Gedanken überflüssig macht. Die alttestamentliche Sehnsucht nach Ausrottung aller Gottlosigkeit, sie lässt uns auch in diesen Tagen nicht los, sie kleidet sich nur neu in Worte von »gezielten Militärschlägen« und »europäischer Solidarität«. Aber es ist und bleibt ein Wunschgedanke, ein naiver Traum vom Endsieg über den Terror. Ein gefährlicher Traum…

100 Fragen nach Paris

Veröffentlicht in 17. November 2015

100 Fragen. Keine Antworten. 1. Warum? 2. Warum hat das niemand verhindert? 3. Wozu die ganze Polizei, Überwachung, all die Geheimdienste und Militäreinsätze? 4. Wozu wird unsere Telekommunikation überwacht, wozu haben wir Geheimdienste, wozu wissen die Behörden, was wir im Internet machen, wenn nicht zur Verhinderung von Taten wie dieser? 5. Bin ich Deutschland, Frankreich oder Europa? 6. Warum bin ich nicht Polen, obwohl ich viel mehr Polen bin als Frankreich? 7. Bin ich Deutscher oder Europäer – und was ist der Unterschied? 8. Stehe ich hinter Thomas de Mazierè? 9. Steht Thomas de Mazierè hinter Angela Merkel? 10. Schreibt man »de Mazierè« mit accent aigu oder accent grave? 11. Warum verspüre ich seit einigen Wochen das starke Bedürfnis, Angela Merkel Mut zuzusprechen, Trost zu…

Auf dem Weg zu Gott

Veröffentlicht in 9. November 2015

Um dahin zu kommen, alles zu schmecken, suche in nichts Geschmack. Um dahin zu gelangen, alles zu wissen, suche in nichts etwas zu wissen. Um dahin zu kommen, alles zu besitzen, suche in nichts etwas zu besitzen. Um dahin zu kommen, alles zu sein, suche in nichts etwas zu sein. Um zu erlangen, was du nicht schmeckst, geh wo du nichts schmeckst. Um zu erlangen, was du nicht weißt, geh wo du nichts weißt. Um zu besitzen, was du nicht besitzt, geh wo du nichts besitzt. Um zu erlangen, was du nicht bist, geh wo du nicht(s) bist. Sowie du bei etwas verweilst, gehst du nicht mehr zum Alles. Um in allem zum Alles zu kommen, ist im Alles alles zu lassen. Und wenn…

Blau ist Bielefeld

Veröffentlicht in 31. Oktober 2015

Ein Autobahnparkplatz mit Raststätte in Nirgendwo. Ein Polizeikastenwagen. Zwei Busse voll mit vollen Fußballfans. Eine Hütte in Entfernung. 30 Minuten Pause. Und pissende Männer. Nicht Pinkeln. Pissen. Kein SaniFair. Raus aus dem Bus. Und dem kleinen Manne die große weite Welt zeigen. Und Pissen. »Übel krass«, sagt mein Gegenüber im Bus um halbsieben. Treffend. Irgendwie ein wohl gewohntes Bild. Scheint niemand zu stören. 360 Grad Pissen. Mich schon. Überzahl macht es nicht gewöhnlich. Für mich keine Option. Ich wähle SaniFair und mit meinem 50-Cent-Gutschein einen überteuerten Cappuccino. Die Hütte ist achtzig Meter von der Parkfläche weg. Am Waldrand gelegen. Eine Hütte in der Art, dass pinkelnde Männer in Unterzahl dort Zuflucht für ihre Erleichterung finden. Schamgefühl. Gewöhnlich. Und Graffitis. Auch ein gewohntes Bild. Und…

Der Blick der Blicke

Veröffentlicht in 28. Oktober 2015

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Nebel. Der Tag bricht an. Schöne Stimmung, wenn sich die Lichter in der Luftfeuchtigkeit spiegeln. Einigermaßen in der Zeit. Grundregel: Übermäßiges Warten an der Haltestelle ist verschenkte Lebenszeit. Heute: Keine Eile notwendig. Morgens Rennen ist keine Option. Sieht so nach verschlafen aus. Wenn Rennen unabdinglich, dann möglichst unerkannt. Also dort wo du nicht gesehen wirst. Besser wo du meinst, dass du nicht gesehen wirst. Hört sich ähnlich an ist aber ein Riesenunterschied. Und dann rapide Tempo drosseln. Puls und Atmung reduzieren. Wie Biathleten (ich mag den Sport nicht, was aber eine andere Geschichte ist) kurz vor dem Schießplatz. Nur von elementarer Bedeutung. Kein Nachladen, Strafzeit oder Strafrunde. Schlimmer, den aufmunterten Blick des Ja-Ja-Gerade-Noch-Geschafft. Achim, der Mann ohne Nerven. Meine-Güte-Reicht-Doch-Dicke. Oder Dann-Steh-Halt-Früher-Auf. Menschen. Volk. Ahnungslose. Alles hat seinen Grund. Ich bin nicht mal so versehentlich in Eile.
Viele Menschen bewegen angeblich (wissenschaftliche Untersuchungen sind mir nicht bekannt) wegen diesem Abfahrzeitendruck  statt öffentlichem Nahverkehr ihr Vehikel. In der Rushhour Teil der Autoschlange zu sein. Sich schleichend vorwärts zu bewegen ist auch eine Form der Entschleunigung.
Eben wegen diesem Verkehr gefühlte tausende von Verbotsschildern entlang der Straße. Verkehren. Verkehrt. Seltsames Wortspiel.
In meinem nächsten Leben vermiete ich jedenfalls Verkehrszeichen. Wie es offiziell heisst.
Mhh… Nicht nur der Morgen – auch mir dämmert, dass die Parkverbotsschilder irgendwie auch für mich eine Bedeutung haben könnten. Nicht könnten. Haben. Baustelle in der Ortsmitte. Mhhhh (in h mehr wegen der morgendlichen Langsamkeit des Denkens)… Wo ist eigentlich die Bushaltestelle?
Nicht den blassesten Schimmer im Schimmerlicht. Eine gute Vorbereitung in die Woche sieht jedenfalls anders aus. In Gedanken stelle ich mir vor, wie der Bus an mir vorbeifährt. Verpasst. Die schläfrigen Gesichter der Pendler, die denken Ja-Da-Hätte-Er-Sich-Mal-Besser-Kundig-Gemacht. Danke.
Ich gehe davon aus, dass ich nicht als Einziger am heutigen Tag überrascht werde. Überrascht nicht im Sinne einer Überraschung, einer plötzlichen Freude. Überraschung als eigene Dussligkeit. Was soll’s.
Ich weiß nicht einmal wie der Bus jetzt fährt, stelle ich fest. Vielleicht gut, dass mir der Blick der Blicke erspart bleibt.
Normalen Schrittes – definitiv kein Renntempo – gehe ich zur alternativen Bushaltestelle. Next Bus up… Wohl den Menschen die nicht punktgenau von A nach B müssen. Oder einen Zeitpuffer haben. Oder gar beides.

amol nonder

Veröffentlicht in 12. Oktober 2015

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Auf der Heimfahrt spricht der Wetterbericht was von Hochnebel. Das Lautertal im Schwäbischen Wald sonnenüberflutet. Ein Traum von Oktobertag. Es hätte anders kommen können. Womöglich schlimmer. »Dem Lautertal-Bikemarathon eilt eher der Ruf eines Schlammrennens voraus«, meint Siggi. Womit wir beim Rennen sind.
Dass ich überhaupt rechtzeitig (sogar 10 Minuten zu früh) an der Startlinie stehe war Wettkampf eins. 10 nach 10 der Start. Fünf-Vor-Dreiviertelneun (für Nichtschwaben 08:40 Uhr) überlege ich – gerade dem Bett entstiegen (wegen swim-frodo-run) – Frühstück oder nicht. Zuhause wohlgemerkt. Ein weiterer hektischer Tag in Seiters-Leben scheint seinen Anfang zu nehmen. Frühstück. Gemütlich ist anders.
Rein in der Fahrradkluft. Dass am Vorabend nichts hingerichtet versteht sich von selbst. Ärgert mich immer ungemein. Alles gefunden. Einzig der linke Handschuh fehlt. Mist. Mangels Alternative (Zeitmangel) Entscheidung für die wärmere Windstopper-Variante. Ist ja Hochnebel angesagt… OK. Natürlich wusste ich im Vorfeld nicht wie das Wetter wird. Blick aus dem Fenster. Sonne. Alles gut.
Dann lief es wie am Schnürrle, wie man so sagt. Hinfahrt super (21 km über Berg und Tal). Die Sonntagsfahrer waren noch frühstücken. Die wenigen Ampeln auf grün. Parkplatz ohne Not. Startunterlagen ohne Anstehen. Als einer der Letzten war verständlicherweise das Trikot-Geschenk in meiner vorbestellten Grösse M aus. Bei der Online-Anmeldung gab es die Option kein Shirt nicht. Hätte sie gewählt. »Wollen Sie ein XL«? »Nein. Vielen Dank«. »Wirklich«? »Ja«. Bin eh nicht scharf auf die Teile. Für viele ein existentielles Gimmick. Der Pokal des kleinen Mannes. Für mich halt nicht. Passt und gut so.
Blick auf die Uhr. Wow. Schnell noch nen Kaffee aus der Kanne. Erstaunlicherweise 10 Minuten Restzeit vor dem Start. Gemütlich fahre ich mein SALSA zum Start. Getreu dem Motto: Wenn du schon nicht mit den schnellen Jungs mithalten kannst, dann falle wenigstens auf. »Bevor wir fall’n, fall’n wir lieber auf«, singen die Fantas. Das ist mir gelungen. Drei fröhliche Hallos mit lieben Menschen. Dann folgen 1:48 irgendwas. Bin nicht in der Ergebnisliste – deshalb irgendwas. Why ever. Nicht entscheidend. Die Zeit nicht berauschend. Berauschend einzig das Biken. War das (mit langem a) schön (langes ö). Irgendwo stöhnte (extrem kurzes ö) einer im schönsten (normal ö) schwäbisch »Goats hier amol au nonder«? Es ging. Und wie. Mit freundlichen Grüssen.