Ein Zahn mit Loch

Veröffentlicht in 29. März 2026

Die Nacht war heute eine Stunde kürzer, Umstellung auf Sommerzeit. Man kann das gut finden oder nicht. Es ist entschieden, also lasse ich es ziehen und verschwende keine Gedanken daran. Ich sitze früh vor dem Haus, trinke einen Kaffee, 7:35 Uhr. Zwischen den Häusern schiebt sich die Sonne. Es ist kühl, eher kalt, ich bin warm eingepackt in eine Daunenjacke. Die Aussenschicht ist am Reißverschluss leicht eingerissen ist. Ich sollte sie nähen oder lassen, denke ich, damit Wärme bleibt. Irgendwie ist alles gemacht um kaputt zu gehen, wird weniger. Kleiner Senti-Push. Mhhhh.

Gestern Abend habe ich noch, entgegen meiner Vorsätze, den Kachelofen nochmals angezündet. Den ganzen Tag im Freien gewesen, unbewusst durchgefroren, verlange ich nach Wärme. Weil frieren irgendwie lauter ist als jede Disziplin. Undiszipliniert die Zeit auf dem Sofa verbracht um meine Gedanken in Form bringen – es gelingt mir nicht. Also habe ich Zeit totgeschlagen. Am linken Daumen fast eine Blase vom scrollen. Es war trotzdem ok. Scheinbar unnütz, aber mal wichtig.

Jetzt ist Palmsonntag. Ein Sonntag zwischen den Dingen. Noch nicht Ostern, aber auch nicht mehr einfach Alltag. Ein Dazwischen, das etwas ankündigt und gleichzeitig innehält. An meinem Ort ist noch leise, eine seltene Ruhe, die nicht leer ist, sondern voll. Gefühlt länger als andere Sonntage. Ich könnte jetzt aufstehen, spazieren gehen, den Ort von außen betrachten, aber ich sitze und merke, dass selbst das Aufstehen eine Entscheidung ist.

Die Wanderhose mit Zip liegt inzwischen hier, ein Paket vor der Tür, irgendwann gebracht. Der Paketdienstleister hat seine Touren umgestellt, bekomme Pakete erst spät. Im Laden in der Stadt gab es nur die normale Länge, meine Beine wollen mehr, Long. Sie sagen, sie können sie mir bestellen. Ich hätte sie in der Stadt abholen müssen, habe dann aber direkt bestellt. Beim selben Laden. Habe dort eine Kundennummer. Diese bindet und gibt Bonus. Es hätte keinen Sinn gemacht, es anders zu tun. Ich fühle mich nicht als Beratungsdieb, nur jemand, der weiß, was er braucht. Jetzt bleibt nur noch, es auch zu tun: wandern.

Mein Zahnarzt hat ein Loch gebohrt. Eine Entzündung freigelegt, wie sich herausstellt. Diese hat mich den ganzen Winter begleitet, mal mehr, mal weniger, mal gar nicht. Früher dachte ich, ein Loch im Zahn ist das Ende der Welt. Jetzt, wo der Zahn offen ist, fühlt es sich wie Erleichterung an, ein Widerspruch, den ich nicht ganz verstehe. Die Krankenkasse stuft den Zahn als nicht erhaltungswürdig ein – im Leistungskatalog nicht enthalten. Ist Zahn 47 bereits versorgt, die Nachbarzähne ebenso – mehr als drei Wurzelbehandlungen, höre ich meinen Zahnarzt sagen. Derweil meine Zunge fremdes inspiziert. Eine Reparatur ist kostenintensiv, der Erfolg ungewiss. Mein Backenzahn, unten ganz hinten rechts. Alles mit und im System. Selbst der hat seinen Platz, mitten im Dschungel der Regulierungen deutscher Ordnung. Ich weiß nicht, ob ich lachen soll, schließe meinen Mund. Entspanne im Liegen angestrahlt vom Scheinwerferlicht des Hightech-Stuhles. Bei ebay-Kleinanzeigen wird ein solcher verschenkt. Man müsste ihn selber abbauen und abholen. Mein Kauen ist etwas eingeschränkt. Im April wird der Zahn gezogen, ich werde weniger. Es kommt etwas auf mich zu.

Ich strecke meinen Arm aus

Veröffentlicht in 25. März 2026

»Diese Weiber … « – ein Satz, der hängen bleibt. Bruno Morawitz, der Fernsehkommentator aus einer anderen Zeit, hat ihn gerufen, als zwei Frauen ins Bild liefen – in eine Loipe, die nicht für sie gedacht war. Ein kleiner Moment, ein großes Wort. Als wäre da eine Grenze gewesen. Als wäre da ein Vergehen gewesen.

Weiber. Ein Wort wie ein Schnipsen. Kurz, hart, abgetan. Und ich höre es wieder. Nicht im Fernsehen, sondern neben mir. Im Freundeskreis. Im Gespräch. Im Lachen. Weiber …

Ich widerspreche nicht immer. Um des Friedens willen. Und doch ist da kein Frieden. Es arbeitet in mir, leise, aber beharrlich, wie ein Riss, der nicht laut ist, aber spürbar. Immer wieder. Weil ich merke, dass ein Wort reicht, um Menschen ein Stück nach unten zu schieben. Nicht viel. Aber genug.

Und ich sitze dazwischen: zwischen Dazugehören und Dagegenhalten, zwischen Schweigen und Stolpern, zwischen Freundschaft und Haltung. Es ist kein lautes Zerreißen, kein Drama. Eher dieses leise Daneben: So will ich nicht sprechen. So will ich nicht hören. Und trotzdem bleibe ich still.

Ich will nicht superschlau mit der Moralkeule den Finger erheben. Das macht mich nicht besser. Aber dieses Zwiegefühl reißt und reibt sich in mir. Das Wort bewegt sich – in mir – zwischen Hirn und Darm wie ein Echo, das sich immer wieder zurückschleudert.

Ich sage es nicht, weil es nicht zu mir passt.

  • Weil ich Menschen nicht reduzieren will.
  • Weil »Weiber« aus individuellen Frauen eine Masse macht.
  • Weil ich den Ton spüre – dieses Harte, dieses Abwertende, selbst dann, wenn es locker gemeint ist.
  • Weil für mich Respekt der Standard ist. »Frauen« ist klar, ruhig, auf Augenhöhe.
  • Und weil ich nicht in dieses Rollen- oder Macho-Ding will. Sprache ist auch immer Positionierung.

Aber wie sage ich das, ohne mich über andere zu stellen? Wie halte ich das aus, ohne mich selbst zu verlieren?

Ich strecke meinen Arm aus wie ein Schwimmer beim Straucheln. Nicht, um zu schlagen, sondern um nicht unterzugehen. Vielleicht berührt er jemanden. Vielleicht auch nicht.

Wir Männer können so vieles nicht. Mehr als wir denken. Ich mache mich nicht klein. So groß bin ich nicht. Kein Rosenkranz. Kein Büßen. Das ist/wäre ne Kack-Rolle. Aber: Ich habe die Fähigkeit abzuwägen und zu lernen. Und die Pflicht. Darin liegt meine Hoffnung: im Gespür, in der kleinen Verschiebung, in der Wirkung meiner Worte. Keine Ahnung. Vielleicht liest jemand diese Zeilen. Ohne Gelb. Ohne Rot. Steht mir eh nicht zu, das weiß ich.

Bell ruhig. Köter.

Veröffentlicht in 23. März 2026

Es ist ruhiger diese Woche, diese Wochen. Nicht, weil alles klar ist, sondern weil weniger drängt. Eine Stille, die nichts sortiert, sondern offen lässt. Mein Chef sagt: mach nichts. Mhhh – ich lächle.

Weniger tun macht nicht zufriedener. Es franst eher aus, verheddert sich im Klein-Klein. Dienstag? Mittwoch? Verschwimmen. Ich könnte planen, Listen schreiben, abhaken, die Straße kehren, das Auto putzen – so tun, als wäre Ordnung gleich Bedeutung. Ist sie aber nicht.

Also raus. Bewegung. Solange der März noch kühl ist und die Finger erst nach ein paar Kilometern wieder dazugehören. Die Pflanzen wollen. Die Bäume. Ich auch. Eine Schicht weniger, ein bisschen leichter werden. Außen milder, innen beweglicher – das ist so ein leiser Deal mit mir selbst.

Und dann diese Schlagzeile: Schnee auf Teneriffa. Ein Radfahrer verpasst fast seinen Flug. Alles ein wenig verschoben. Als hätte jemand an der Welt gedreht, nur ein paar Grad. Ist das schon Klima oder nur ein Moment? Keiner weiß es genau, aber alle ahnen etwas.

Irgendwo zwischen Dorfstraße und Gedankenkarussell taucht er auf, dieser kleine Funke: Was wäre, wenn wir einfach mal nicht tanken. Aus dem nichts. Nicht aus Wut, nicht aus Trotz. Zehn Tage Pause. Die Zapfsäulen stehen da wie beleidigte Flamingos (Pinguine?), die Preistafeln blinken ins Leere. Und irgendwo kratzt sich ein Konzern am Kopf und denkt: Hä? Vermutlich kratzt es diese nicht am Arsch. Klingeling.

Ich radle weiter. Nächstes Dorf. Ein Hund bellt. Bell ruhig, Köter. Depp. Ich bin weg. Meine Rädelsführerschaft in Sachen http://www.spritstreik.de auch. Es waren gute Minuten. Die Kette läuft. Ölen? Die Kette wachsen ist gerade angesagt. Muss mal kucken. #loveit.

Gestern noch dieses Gespräch über Männerbilder. Nichts Neues, und doch trifft es. Weil es nicht abstrakt bleibt. Weil ich gemeint bin. Wir. Und Wissen allein reicht nicht. Es bleibt hängen, irgendwo zwischen Brust und Alltag. Fröhlich voranschreiten. Kein weiter so. Werben für Veränderung, da, wo ich bin. Nicht die Welt retten – aber meinen kleinen Winkel bewegen. Und gleichzeitig dieses Gefühl: zu viel altes Denken in einer längst veränderten Welt. Bleibt sie gleich? Schreitet sie zurück? Zu viel Macht, die sich selbst genügt. Zu viel Mann, Männer – Namen möchte ich hier keinen Raum geben. Das Bild des Mannes aus welcher Perspektive betrachten? Die ehrlichste Frage: Wo schaue ich weg? Bewusst? Aus Müdigkeit? Aus Bequemlichkeit?

Es ist kalt. Meine Finger frieren beim Tippen. Alles wird langsamer. Ich hole mir noch einen Kaffee. Lese weiter. Lasse Dinge liegen. Ein DPD-Wagen hält. Paket für den Nachbarn. Unsere Blicke treffen sich. Der SeiterBlick. Wortspiel. Vielleicht denkt er: Was ein fauler Sack. Vielleicht auch nicht. Ich nicke. Er auch. Reicht.

Bin gespannt, woran ich mich am nächsten Wochenende erinnert haben werde. Ich suche eine Wanderhose mit Zip. (M)eine Aufgabe.

Bell ruhig. Köter.

Kleines anschieben,

Veröffentlicht in 19. März 2026

Als wäre es gestern: Am Dampf von Neckarwestheim vorbeigeradelt. Keine Angst, kein Schrecken – aber dieses Gefühl, das bleibt. Nicht laut, nicht panisch, eher ein leises: Hier stimmt etwas nicht. Etwas, das größer ist als ich und gleichzeitig unsichtbar.

Als wäre es gestern. Mittwoch. Fußball. Grüne Wiese. Alles wie immer – und doch nicht. Tschernobyl (April 1986) hing irgendwo zwischen den Bäumen. Nicht sichtbar, aber da. Die Expert:innen sagten, es bestehe keine Gefahr. Man solle vielleicht kein Wild essen, wenn möglich. Dieses »wenn möglich« blieb hängen, wie ein Komma, das nicht weitergeschrieben wird,

Heute also: Small Modular Reactor. Schon der Name. Small. Als wäre es ein Gadget, ein Campingkocher der Energiepolitik. Ich tippe »SRM«. Mein Gerät denkt an Fahrräder, an Sitzrohrmaß, an Rahmenhöhe. Wie passend – es bleibt menschlich, greifbar. Bis ich nachschärfe: Small Modular Reactor. Und plötzlich wird aus Technik wieder etwas anderes,

Als wäre es gestern. Wir sitzen am Waldrand. Ravioli, Esbit, zwei Löffel. Ein kleines Feuer auf metallenem Klappgestell. Das man sieht und versteht. Das man im Notfall austreten kann. Und jetzt stelle ich mir vor: Du, ich, jede und jeder – ein kleines Stück Uran, verpackt wie Kaugummi. Bitte vorsichtig entfalten. Energie zum Mitnehmen,

Es klingt absurd. Und gleichzeitig wird genau so darüber gesprochen. Klein, modular, beherrschbar,

Ich habe keine Ingenieurskenntnisse, keine Reaktorphysik. Nur dieses Gefühl, dass Dinge, die man nicht versteht, nicht automatisch harmlos werden, nur weil man sie »small« nennt,

Ein Ministerpräsident sagt, man sei bereit für einen Test. Ein Land als Versuchsanordnung. Ich denke an Abstimmungen, an Winterspiele, an Stimmen, die Nein sagen können – und manchmal auch überhört werden,

Ich weiß nicht, wohin mit dem Müll. Ich weiß nicht, wie lange er bleibt – wohl verdammt lang. Ich weiß nicht, wie viel Uran es gibt. Einfach zu besorgen oder ähnlich der fossilen Energie mit Kriegen in der Luft? Ich weiß nur: Zeit spielt hier anders. Es darf in Generationen gedacht werden. Kurioserweise gilt das in der Politik nicht für alle Bereiche – warum auch immer,

Acht-Familien-Haus groß, sagen sie. Modular. Skalierbar. Effizient. Mein Garten ist dann doch zu klein. Und selbst wenn nicht – was würden die Nachbarn sagen?

Wahrscheinlich das Gleiche wie ich: Es ist nicht die Größe, die uns unruhig macht. Es ist dieses Gefühl, dass wir etwas anschieben, das wir nicht mehr zurückholen können,

Punkt. Ich weiß nicht weiter. Meinung haben ist einfach,

Dein Reich komme

Veröffentlicht in 9. März 2026

Gebet zum Internationalen Frauentag (nach Lukas 19, 57-62)

du
guter gott,

heute stehen wir hier.
weil leben uns geschenkt wurde.
es hätte anders kommen können.

am heutigen – internationalen frauentag erinnern wir uns
nicht nur an das unrecht, das frauen tragen mussten und tragen.
sondern an ihre stärke.

an frauen, die getragen haben,
an frauen die gesprochen haben,
an frauen die gegangen sind, wo man sie festhalten wollte.

wir danken dir
für ihren mut,
für ihre klugheit,
für ihre widerständige kraft.

reiß ein, was klein hält.
beende, was würdelos macht.
lass eine welt wachsen, in der die stärke der frauen nicht mehr überrascht, sondern selbstverständlich ist.
lasst uns gemeinsam – männer wie frauen – die rechte der frauen verteidigen und damit das prinzip einer offenen gesellschaft.

und wenn wir unsere hand an den pflug legen,
lass uns nicht zurückschauen in alte muster, sondern nach vorn in dein reich der freiheit.

dein reich komme…

wir beten zu gott,
der uns vater und mutter ist,
und sprechen gemeinsam das vaterunser.

Frühlingsgedanken

Veröffentlicht in 1. März 2026

Zum HaWei 50

wenn die mütze
die ohren nicht mehr wärmt,
weil die luft weich geworden ist.

wenn wir nebeneinander laufen,
ruhig –
im gleichen tempo.
keine zieht.
keiner bleibt zurück.

dann bekommt die freude zeit.
sie läuft mit.
sie drängelt nicht.
sie muss nichts beweisen.

wohl dem.
wohl der,
die den winter durchgelaufen sind.
durch kalte tage.
durch frühe dunkelheit.
jetzt – fällt es leichter.

doch stopp.
wir laufen nebeneinander –
aber nicht zum plaudern.
jeder schritt eine ansage.
keiner schenkt einen meter.
am ende zählt nicht freundschaft,
sondern wille.
wettbewerb.

wir lieben den blick auf den sekundenzeiger.
tick.
tick.
wie er uns reizt.
sekunde für sekunde.

wir lieben es, außer atem zu sein –
weil genau dort
das leben schneller schlägt.

und doch:
jede minute gleich lang.
sonnenaufgang.
sonnenuntergang.
außerhalb unserer reichweite.

draußen,
wenn der kaffee
nicht mehr dampfen muss,
um zu sagen: hier bin ich.

wenn wärme
nicht erkämpft werden muss,
sondern einfach da ist.

und doch:
vor vier jahren stand ich hier.
ein land wurde überfallen.
mit ihm ein stück gewissheit.

vier jahre später.
vier jahre älter.
und manches
erschreckend gleich.

schattige weltwolken über uns.
und wir?

wir laufen weiter.
zusammen.

das glück ist nicht laut.
es atmet.
mit uns.

danke.
ich weiß es zu schätzen.
sehr.

und jetzt –

noch fünf minuten.
der countdown läuft.
der puls klopft im takt.
eins – zwei – drei – vier.

spannung im beat.
füße bereit.
blick nach vorn.

gleich geht’s los.
Hardtsee.
Weiher.

Frühlingsgedanken by Seiter, Mond & Sterne

Avocado

Veröffentlicht in 27. Februar 2026

liebe avocado,

es tut mir leid.

ich habe dich missbraucht. als bild. als vergleich. als projektionsfläche für dinge, die nichts mit dir zu tun haben. ich habe dich aufgeschnitten, nicht nur mit dem messer, sondern mit gedanken. habe deinen kern zum symbol gemacht für härte, für etwas braunes, für etwas, das ich ablehne.

dabei bist du einfach nur eine frucht.

du hängst nicht an laternenstangen. du schreibst keine wahlprogramme. du führst keine debatten. du wirst weich, wenn du reif bist. mehr nicht. dein kern ist kein gedankengut, sondern biologie. möglichkeit. vielleicht sogar zukunft.

es war nicht fair, dich in meine politische unruhe hineinzuziehen. nicht fair, dir bedeutungen überzustülpen, die du nie wolltest. du wolltest vermutlich nur auf einem holzbrett liegen, halbiert, mit etwas zitrone, ein wenig salz. vielleicht auf einem brot. einem mürben hörnchen daneben.

ich entschuldige mich für die schwere, die ich dir angedichtet habe. für das pathos. für die überfrachtung.

viel freude
achim
… der manchmal zu viel hineinliest

Schneeglöckchen

Veröffentlicht in 26. Februar 2026

Mit feuchter Zunge den roten Briefumschlag ablecken, dieses kleine Dreieck zurück auf das Papier führen, drücken, streichen. Es klebt. Umschlag verschlossen. Die Wahl getätigt. So schnell geht das. So leise.

Diesmal mache ich alles anders! Ja, ich habe sie gewählt. Die Alternative. Vielleicht braucht es für DIE DA OBEN einmal einen Schreck. Als Warnung. Meinen Rachefeldzug an der Urne. »Ihr Nachbar wählt uns schließlich auch« hängt an Laternenstangen und trotzt im feuchten Februarwind. Vielleicht muss man sie einfach mal lassen. Vielleicht sind sie besser als der Rest vom Schützenfest. Vielleicht?

Schweißgebadet wache ich auf. Der graue Umschlag der Wahlbenachrichtigung liegt wirklich auf dem Küchentisch. Briefwahl. Noch offen. PUUH. Nur geträumt. Noch einmal Glück gehabt.

Ein Wahlvorgang hat nichts mit Glück zu tun. Nichts mit Rache. Nichts mit Abrechnung. Nichts mit Schwäche oder stark sein. Eine Wahl ist keine Faust auf dem Tisch. Sie ist eine stille Analyse. Was war. Was trägt. Was trägt nicht mehr. Und was ich mir wünsche für meine Zukunft und für die der anderen, begrenzt auf die fünf Jahre Verantwortung der Wahlperiode.

Wenn ich frustriert, narred (wie wir im Schwäbischen sagen) bin, laufe ich. So schnell. Mehr als mein Limit hergibt. Bis die Lunge brennt. Roter Kopf, dünne Gedanken. Irgendwann merke ich, wie blöd ich gerade bin. Das ist der gute Moment, wenn sich mein Denken bei normalnull (nach Seiter) nivelliert. Der Moment, in dem Ruhe zurückkommt.

Zu meinem Traum. Die »Alternativen« Menschen an den Straßenecken sind freundlich. Ich habe mit ihnen gesprochen. Das Gespräch war okay. Und doch bleibt da dieser Kern. Dieser v e r d a m m t e unbekannte Kern. Wie bei einer Avocado. Außen glatt, irgendwann weich, angeblich gesund. Geschmeidig, für mich ungewohnt, das Fruchtfleisch. Innen aber dieser harte, braune Kern. Man kann ihn nicht essen. Man kann ihn nur einpflanzen oder wegwerfen. Abweisen als für mich nicht gut. Dieser Kern ist für mich das, was ich nicht übersehen kann. Das Braune, das sich nicht klar genug löst vom eigenen Schatten. Solange das nicht benannt, nicht abgeschnitten, nicht wirklich verabschiedet ist, bleibt es Teil des Ganzen.

Ich mache mein Kreuz. Zwei Stimmen. Eine links, eine rechts. Wünsche an die Zukunft. An meine. An unsere. Die Summe der vielen Kreuze ist der Wille der anderen. Das halte ich aus. Das ist Demokratie. Nicht Euphorie. Nicht Untergang. Sondern Aushalten.

Ich werfe den roten Umschlag in den Briefkasten am Rathaus. Ein dumpfer Ton. Das Fallen in den Postkorb. Angekommen. Erledigt. Wenn ich schon da bin, hole ich mir noch ein mürbes Hörnchen beim Bäcker. Drei sind im Angebot. Ich kaufe Drei. Eines für den morgigen Tag. Die Sonne scheint. Zweiter Frühlingstag 2026. Schneeglöckchen stehen wie kleine weiße Ausrufezeichen im Gras.

Der Rucksack & der Schnee

Veröffentlicht in 26. Januar 2026

Ich habe mir geschworen, dass … na ja. Man kann ja wenigstens mal schauen. Googeln ist schließlich noch kein Kaufen. Googeln ist eher ein vorsichtiges Blinzeln in Richtung der möglichen Möglichkeiten

Und dann stolpere ich über die Maße eines Rucksacks in Inches und lande beim Umrechnen in Zentimeter – mir deutlich mehr vertraut – bei:

0.0267313982 m⁻⁵·kg²·s⁻⁴·a⁻³ bytes

Ein Wert, der klingt wie ein Scherz, den das Universum sich erlaubt hat. Physik. Bytes. Irgendwas mit hoch minus irgendwas. Nichts davon gehört zu meiner Kernkompetenz. Wobei ich mich ohnehin frage, ob ich so etwas wie eine Kernkompetenz habe. Das ist keine Unsicherheit. Eher eine nüchterne Bestandsaufnahme. Mein Kopf ist kein Werkzeug. Er ist ein Streuner. Er kommt und geht, behält Dinge für sich, wirft mir andere ungefragt vor die Füße.

Ich kann ein belangloses Lied von Wolfgang Ambros (Nein, nicht Schifoan. Der Baum vor meinem Haus.) Jahrzehnte später fehlerfrei aufsagen. Aber den Satz, den ich gerade gelesen habe, der ist schon wieder weg. Mein Buch klappt zu. Kein Lesezeichen. Keine Eselsohren. Und plötzlich ist alles verloren. Ich lese Passagen doppelt, dreifach, ohne es zu merken. Du weißt schon.

Apropos Rucksack. Man kann nicht genug davon haben. Und ich suche immer noch den Endgegner. Den letzten. Den einen, der mich den Rest meines Lebens begleitet. Oder andersrum. Ich trage. Er wird getragen. Das ist so meine Herangehensweise, bevor ich mich suchend Richtung Schrank, Bühne und Keller begebe.

Idee eins: bestellen. Derzeit verboten. Eine Vereinbarung mit mir selbst. Schwierig, aber bindend.

Idee zwei: alte Rucksäcke über Kleinanzeigen verkaufen. Refinanzierung. Wäre eine gute Möglichkeit. Das gestehe ich mir zu. Ich müsste nur anfangen.

Es hat geschneit. Fünfzehn Zentimeter. Hier – in meiner Heimat – ist das fast ein kleines Wunder. An Kleinanzeigen, zu Stöbern im Vorhandenen usw. ist nicht zu denken. Es gibt Wichtigeres. Und das ist mein zweites Problem: die Gewichtung des Notwendigen.Ich lasse gerne mich ablenken. Also nicht gerne, aber im schwäbischen verniedlicht man es gerne so. Ablenkung mit Begeisterung. Mit Hingabe. Eigentlich sollte ich konzentriert arbeiten. Stattdessen sitze ich hier und schreibe diese Zeilen, während mein Herz sagt: Raus. Auf die Felder. Durch den Schnee stampfen. Heute Abend werde ich gewußt haben was ich vorhatte.

Oh Leute.
Leben ist schwierig.
Und schön zugleich.

Richtig schön. Heute in weiß.

Leben leben eben.

Veröffentlicht in 21. Januar 2026

Ich habe das Gefühl, ich sitze auf einem Baum. Auf einem Ast. Meine Beine baumeln. Blick nach unten. Es ist nicht hoch. Kein Absturz. Und trotzdem Bedenken. Vielleicht passiert nichts. Vielleicht genau das. Die Leute sagen, es gibt Schutz. Für Schwangere. Für Betrunkene. Ich bin beides nicht. Oder doch. Betrunken vor Lebenslust. Betrunken vor Sehnsucht. Nach Glück. Nach Losgehen. Ohne Sicherung. Schwanger? Dem Kommenden Gestalt geben. Verantwortung für Anfänge übernehmen. Zukunft verkörpern. Dem Leben Raum und Traum geben. Leben leben eben.

Ich habe das Gefühl, ich sitze auf einem Baum. Auf einem Ast. Meine Beine baumeln. Blick nach links. Politik. Geräuschkulisse. Die Stimmen werden leiser, nicht weil es ruhiger wird, sondern weil sie sich ähneln. Zustimmung, Empörung, richtige Haltung. Mehr Gedanken, mehr Reflexion, mehr Selbstvergewisserung. Wir verändern uns für etwas, das wir angeblich wollen, aber eigentlich nur verteidigen, weil es einmal richtig war. Ist es mein Fehler? Meine Wahrnehmung eines vermeintlich Guten, das längst nicht mehr schützt, sondern sich selbst verwaltet? Vielleicht ordne ich falsch ein. Vielleicht halte ich Loyalität für Fortschritt. Vielleicht ist es einfach mein Ding, mir die Welt so zurechtzulegen, dass ich sie aushalte. Und irgendwo dazwischen diese Frage, die sich festsetzt wie ein Splitter: Endet die Macht des Volkes in der Wahlkabine oder …?Wenn ich nur nach links denke, denke ich im Kreis. Immer dieselbe Kurve. Immer wieder Start. Das selbe Ziel.

Ich habe das Gefühl, ich sitze auf einem Baum. Auf einem Ast. Meine Beine baumeln. Blick nach rechts. Ich mag das Wort nicht mehr. Rechts. Es fühlt sich kalt an. Schwer. Dieses politische Rechts hat Masse bekommen. Es wächst. Es schiebt. Und niemand ruft Stopp. Niemand: Haltet die Fresse! Es ist ein leichtes, anonym einen FCKAFD-Sticker an einen Laternenmast zu kleben. Alles fließt weiter. Gleiche Geschwindigkeit, eher zunehmend gar, falsche Richtung. Vielleicht ist es wieder mein Ding. Meine Wahrnehmung. Meine Projektion. Aber wer nur nach rechts schaut, dreht sich genauso im Kreis. Nur anders herum. Eine Gemeinschaft unter Gleichen. Menschsein nach Vorschrift. Und raus bist du. Abgesch(l)ossen.

Ich habe das Gefühl, ich sitze auf einem Baum. Auf einem Ast. Meine Beine baumeln. Blick nach oben. Woher kommt mir Hilfe? Himmel. Fragezeichen. Ist das Religion? Oder Hoffnung mit besseren Klamotten? Glaube. Liebe. Hoffnung. Und die Liebe ganz oben, sagt man. Und wenn nicht? Darf man zweifeln? Oder muss man mutig sein, einfach los? Bereit sein zu kämpfen. Für ein Leben, das sich richtig anfühlt. Und wenn ich fluche – Himmelherrgottssakramentnochmal – dann nicht gegen Gott. Sondern gegen die Leute und mich.

Ich sitze auf diesem Ast und schaue in die Weite. Mehr Blick. Ungewohnte Perspektive. Gedanken pendeln. Hin. Her. Vielleicht sollte ich wirklich wieder auf einen Baum klettern. Echtes Holz. Raue Rinde. Beine baumeln lassen. Nicht bequem. Nicht sicher. Nicht für lange. Kippelig. Hände brauchen Halt. Leichter Druck auf dem Allerwertesten. Der Ast bewegt sich. Ich bewege mich mit. Nicht fallen. Nicht erstarren. Balance ist Arbeit.

Balance. Ich falle nicht aus Versehen.

Die Tagesschau

Veröffentlicht in 15. Januar 2026

Wie ist dein Ritual, dich upzudaten? Zu festen Zeiten, zu festen Bildern, zu festen Stimmen und Stimmungen? Ich frage mich das immer öfter, denn ich schaue Nachrichten weder morgens noch abends. Nicht aus Desinteresse und nicht aus Trotz. Eher aus dem Gefühl heraus, dass mir beides im Moment nicht guttut. Diese Phase läuft seit Monaten, Jahren gar. Der Morgen ist mir zu offen dafür, der Abend zu voll. Ich kenne das Ritual, ich respektiere es, für viele ist es richtig. Für mich nicht. Ich bin eher ein Leser. Zeitungen, unterschiedliche. Am liebsten einen Tag später. Nicht der Bericht darüber, was passiert ist, sondern der Versuch zu verstehen, was es bedeutet. Kommentare, Meinungen, Reibung, Pro und Contra. Nicht, um mir eine Wahrheit zu leihen, sondern um mir selbst eine zu bilden. Das gelingt nicht immer, dafür reicht oft weder Zeit noch Kraft, aber der Versuch bleibt. Vielleicht fällt es mir deshalb schwer, meine Meinung in ein paar Zeichen irgendwo abzuladen – etwa auf X, ehemals Twitter. Dort, wo ein sehr reicher Mann sich aktuell, mit KI generiert, als junges Mädchen im Bikini zeigt, ironisch gemeint, angeblich lustig, angeblich harmlos. Viele lachen, klopfen sich auf die Schenkel und scrollen weiter. Ich frage mich: Warum genau dieses Bild? Wenn es wirklich nur Spaß wäre, warum nicht als Elefant, als Frosch, als Pavianarsch? Gerade weil er das nicht tut, ist es ein Symbol, und Symbole sind selten unschuldig. In der Zeitung Der Freitag bin ich auf ein Zitat von Slavoj Žižek gestoßen: »In einer idealen Welt würden wir anfangen, Wladimir Putin festzunehmen, Benjamin Netanjahu und Donald Trump selbst. Zusammen mit Maduro sollen sie sich alle die gleiche Zelle in Den Haag teilen.« Žižek bietet keine Lösungen an, er stört. Er sagt Dinge, die nicht machbar sind, damit Gedanken möglich werden, die notwendig sind. »Manchmal muss man das Falsche sagen, um das Richtige denken zu können.« Genau das tut meinem Denken gut. Es bewahrt mich davor, alles hinzunehmen, verändert meinen Ton im Kleinen und gibt mir die Kraft, nicht stehenzubleiben. Ein anderer Satz begleitet mich: »Krisen sind keine Ausnahmen des Systems, sie sind die Momente, in denen das System ehrlich wird.« Das Reale ist dabei oft brutal, nicht laut, sondern nüchtern. Ehrlichkeit, ehrlich sein, die fehlen. Mir. Ich mag kluge Sätze von klugen Menschen; sie sind für mich Filter, keine Beruhigung, eher Verarbeitungshilfe. »Macht zeigt sich oft dort, wo dir gesagt wird, du seist frei, und du dich trotzdem gezwungen fühlst.« Also gehe ich weiter, einen Schritt nach dem anderen. Ja, das klingt nach Durchhalteparole, nach Kalenderblatt, nach zu einfach. Mag sein. Aber es ist mein Weg, meine Meinung. Ich will lauter werden und leise sein zugleich. Ich versuche mit an der Balance zwischen zuhören und reden. Ich will. Das ist 0 Vorsatz. Vorsätzliches handeln wirkt sich nicht strafmildernd aus. Um 20 Uhr habe ich besseres vor. Frei.

Korona

Veröffentlicht in 4. Januar 2026

Ich liebe die Zeit zwischen den sogenannten Jahren. Etwas wird langsamer. Die Tage, vielleicht auch der Mensch. Ich. Eine Ruhe breitet sich aus, die man sonst in Kursen über Resilienz und Aufmerksamkeit sucht, oft teuer bezahlt und doch vermisst.

Ganz frei bin ich nicht. Drei feste Arbeitstermine liegen in diesen Tagen. Und gerade deshalb mag ich sie. Sie gehören dazu, wie Markierungen in einer ansonsten offenen Landschaft. So wie meine Radstrecke. 500 Kilometer. Kein Pappenstiel. Irgendwo habe ich einmal geschrieben, es sind nicht die Tage, sondern die Kilometer die zählen. Dieser Satz passt – für eine Weile.

Meine, die Welt steht nicht still. Ich weiß das. Aber sie fühlt sich an, als würde sie kurz anhalten. Dieses gute Gefühl reicht. Es schenkt mir Ruhe. Gleichzeitig Zweifel. Und Mut. Den Mut, wieder nach vorne zu denken, ins neue Jahr hinein. Ich bin noch Stunden davon entfernt und bleibe bewusst hier. Ich koste jede Sekunde aus.

Seit ein paar Tagen steht eine Sauna im Garten. Ein Weihnachtsgeschenk auf Zeit. Ein Versuch, ein Test einen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Ein paar Holzscheite genügen, um eine Wärme zu erzeugen, die mehr ist als Temperatur. Sie tut gut. Sie macht Freude.

Der Weg durch den Garten ist kurz. Leicht bekleidet gehe ich durch die Kälte. Es ist dunkel. Still. Familie trifft sich – ungewöhnlich Ort. Macht es besonders. Ein Hauch von »Geheimnis«. Die Nachbarn sind fort oder zurückgezogen in ihre warmen Häuser. Die Rolladen runter. Der Schnee knirscht bei jedem Schritt. Ein Zentimeter hat gereicht, um alles zu verändern. Was ein Glück.

Klamotten aus. Wärme an. Später laufe ich nackt durch die Nacht, geschützt vor fremden Blicken – so hoffe ich zumindest. Wer will schon einen nackten Mann sehen? Der Gedanke des Schreckens und Grauen taucht in mir auf, verschwindet wieder. Es ist dunkel. Es ist kalt. Ich bin sicher. Niemand sieht mich. Also genieße ich den Moment (Adiletten sind die Gamechanger) und schleiche zurück in die Wärme.

Auf dem Rückweg ins Haus, es sind nur ein paar Meter, passiert etwas Unerwartetes. Meine Brille beschlägt von der Wärme meines Körpers. Um den Mond liegt ein regenbogenfarbener Ring. Auch um den beleuchteten Stern im Garten. Ein stilles, fast übersehenes Schauspiel. Zu kalt, um mich sattzusehen.

Man nennt es Korona. Mit »K«.