Der Segen des kritischen Rationalismus

Posted on 27. Oktober 2017

SB1710_achimseiter_1200Versuche wieder mehr zu lesen. Hin und wieder gibt es Momente des Glücks, dass ich an etwas hängen bleibe. Das kann ein Buch, eine Geschichte sein. Etwas dass mir in Erinnerung bleibt. Für kurz oder lang. Das ist nicht entscheidend. Allein der Moment. Das gute Gefühl ist ausreichend. Ausreichend gut. Kleiner Widerspruch in sich. Gut und ausreichend. Klingt so nach geradeso das Ziel erreicht. Die Sache mit den guten Pferden, der Höhe und dem Springen.  Ist nicht gemeint. Ausreichend wie – es genügt mir für diesen Moment. Aber schon Lust auf mehr.

Oder ich stolpere über einen Text. Eine Formulierung die zu einer Erklärung wird. Nicht unbedingt für etwas nach dem ich suche. Nein, einfach plopp. Stolpern. Da war es. Say Yeah. Glücksmoment.

»Aber von allen politischen Idealen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefährlichste. Ein solcher Wunsch führt unvermeidlich zu dem Versuch, anderen Menschen unsere Ordnung und Werte aufzuzwingen, um ihnen so die Einsicht in Dinge zu verschaffen, die uns für ihr Glück am wichtigsten zu sein scheinen; also gleichsam zu dem Versuch ihre Seelen zu retten. Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, produziert stets die Hölle.«

Karl Popper

Genau das ist es. Es ist eine Definition von Hölle, wenn ich eines Anderen, einer Anderen Bestes will. Ohne zu wissen was das ist. Nur aus dem heraus, was meine eigene Deutung zum Beispiel des Glücksbegriffes ist.

Klingt kompliziert. Nicht auf alles übertragbar. Auch klar. Leben ist ein einfaches Ding. Meistens. Manchmal. Nie und immer.

Zum kurz oder lang, zum vergessen. Die ganz wichtigen Dinge bleiben in Erinnerung.  Und noch ein Popper: »Man kann nicht mehr wissen, als man weiß«.

 

Aufstehen #1

Posted on 17. Oktober 2017

IMG_7404Heute früh bevor ich mich auf den Weg begab, bin ich aufgestanden (wie eigentlich jeden Morgen) um danach aufzustehen gegen Rassismus. Besser abgekniet.
Wie die Hertha. Keine Dame (vielleicht doch), sondern ein Fußballverein vor dem Heimspiel gegen Schalke. Die Hertha, die laut »taz« bisher eher nicht als politischer Verein, sondern eher als Kämpfer für mehr Parkraum in den Berliner Nobelbezirken aufgefallen ist. Böse Zungen behaupten ein cleverer Markenbildungs-Schachzug. Weltweite Presse. Lassen wir mal so stehen. Ich kann mit der Hertha eh nicht. Von daher…
Hintergrund des Protestes ist, dass in den Vereinigten Staaten zunächst schwarze Sportler beim Abspielen der Nationalhymne niederknieten, um gegen Diskriminierung und Polizeigewalt gegen Schwarze zu protestieren.
Hertha steht für Vielfalt, Toleranz, Verantwortung und Weltoffenheit heißt es in einer Erklärung des Vereins. WOW. Ich auch. Ich habe es in Facebook sofort geliked und geteilt.
Wie ich finde – eine gute Aktion. Aufstehen. Mal etwas laut sein. Etwas tun. Im Kleinen. Nicht ratlos den Kopf schütteln über die ach so böse Welt.

Während Vereine überwiegend die Fresse halten oder wie der Meinige eine politische Aussage in Photoshop weg retuschiert, zeigt die Hertha Flagge.
Das ist bewundernswert. Und wird von mir gelobt.

Ab heute bis zumindest dem Fest der Liebe (genannt Weihnachten)  werde ich an jedem Tag zu irgendeiner Uhrzeit abknien. Gegen Rassismus. Und Bilder posten über die sogenannten sozialen Medien. Als stillen Reminder.
Da ich keinerlei Markenbotschaften verfolge, es mir ausschließlich um die Sache geht,  nutze ich auch nicht den weitbekannten Hashtag TakeAKnee, sondern meinen eigenen #superseiterknietab.

Zwei Tage nach der Bundestagswahl, genau am 26.09.2017 um 20:51 stellte ich mich einer Challenge. Nun gehts los. Voll vor Vorfreude auf Weihnachten. Mit einem vollen Sack an Überraschungen.

Anleitung zum gelegentlichen Anderssein

Posted on 16. Oktober 2017

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Morgengedanken Bottwartal Marathon 2017

Jesus von Nazareth war ein Meister des Überraschungseffekts. Aber nicht weil er eine Show machen oder die Menschen überrumpeln wollte. Nein, dadurch, dass er die Menschen überrascht hat, hat er sie das Leben tiefer verstehen lassen und sie etwas von Gott spüren lassen. Sei es dass er die üblichen Rangordnungen auf den Kopf gestellt hat – durch Sätze wie »die Ersten werden die Letzten sein« oder dass er die Erwartungen der Leute unterlaufen hat. Wenn er sich zum Beispiel von einer Frau von schlechtem Ruf die Füße salben ließ. Immer ging es ihm darum den Menschen gut zu sein, ihnen gut zu tun, ihnen zu helfen zu sich selbst gut zu sein. Weil so und nur so das spürbar wurde was er »Reich Gottes« genannt hat. Ein Reich nicht von dieser Welt, aber schon in dieser Welt zu fühlen, zu ahnen. Wenn etwas so wohltuend anders, so erfrischend frei, so tief und intensiv wurde, dass er die Menschen zu sich selbst und so zu Gott geführt hat. Ein Text des Künstlers Josef Beuys hat etwas davon. Mit diesem Text will ich Beuys natürlich keine jesuanischen Qualitäten andichten, er lädt aber auch zu viel Überraschendem und Ungewöhnlichem ein, das einen näher zu sich selbst führen könnte. Diesen Text möchte ich euch weitergeben. So frei nach dem Motto »Überrasche Dich immer mal wieder mit Dir selbst«.

»Lass Dich fallen« beginnt er, »lerne Schlangen beobachten, pflanze unmögliche Gärten, lade jemanden Gefährlichen zum Tee ein, mache kleine Zeichen, die ‚Ja‘ sagen und verteile sie in deinem Haus. Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit. Freue dich auf Träume. Weine bei Kinofilmen. Schaukle so hoch wie du kannst mit deiner Schaukel im Mondlicht. Pflege verschiedene Stimmungen, verweigere dich „verantwortlich zu sein„, tu es aus Liebe. Glaube an Zauberei, lache eine Menge, bade im Mondlicht. Träume wilde phantasievolle Träume, zeichne auf Wände. Lies jeden Tag. Stell dir vor du wärst verzaubert. Kichere mit Kindern, höre alten Leuten zu, spiele mit allem, unterhalte das Kind in dir, du bist unschuldig. Baue eine Burg aus Decken, werde nass, umarme Bäume, schreibe Liebesbriefe.«

So… jetzt wünsche ich euch viel Freude beim Anderssein.
Tut es aus Freude. Glaubt daran, dass alles möglich ist. Englisch: Anything is possible. Dem Motto der eisernen Frauen und Männer. Wie heute Nacht Patrick Lange beim IRONMAN HAWAII bewiesen hat. Oder der meist genannte Sieganwärter Jan Frodeno, der schmerzverzerrt in 9:15 etwas, als Held die Ziellinie passiert.
Lacht in die Menge. Tanzt bei der Musik. Habe Spaß bei jedem Schritt. Und wenns zwickt… dann werden dich deine Träume tragen.

Überrasche Dich immer mal wieder mit Dir selbst.

Guter Gott, sage dem Engel an der Pforte des Alten,
er möge mich gehen lassen
und mich ermutigen, auch wenn ich zögere.
Und, guter Gott, sage dem Engel des Überganges,
er möge mich segnen, wenn ich losgehe,
er möge mich halten, wenn ich stehen bleibe,
er möge mich trösten, wenn ich stolpere,
und mich begrüßen, wenn ich ankomme.
Dass ich lache, wenn ich da bin.

Jetzt geht raus. Lacht. Tanzt. Habt Spaß.

Amen.

Inspiration: Kirche im SWR

Foto: Marbacher Zeitung

Plusquamperfekt

Posted on 2. Oktober 2017

Logo Seiterblick

Ab sofort lächle ich dich an.

Wochenlanges überlegen. Europaweite Ausschreibung. Brainstorming. Flip-Charts. Ein Hin-und-Her. Abwägen. Erste Entwürfe. Bohnenkaffee aus großen Tassen. Festlegen. Anonyme Feldversuche und Beratungen. Waldspaziergänge – um einen klaren Kopf zu bekommen.
Zweifel. Ist die richtige Zeit für den Wechsel? Doch lieber noch Warten.

QUATSCH! War alles nicht notwendig!

Idee: Brille, Ohren und Käppi. Umsetzung einfach. 1000 Dank an twistdesign. Tage des Wartens,  die sich gelohnt haben. Herrlich.

Habe wirklich getestet. Vergelts an die Zwei. Einfach so. Ohne Vorwarnung. »…ich schmeiss mich weg……das ist gut!!«, war eine der Reaktionen.

Mein erster Eindruck:

  • bin GEFLASHT
  • WOW…… YEAHHHHHH
  • love it
  • es sieht so »unfertig« aus…. wie ich
  • und krumm…. Bin gerade glaube ich in mich selbst verliebt ;-)

Krumm und unfertig. Was ist schon perfekt, außer dem Plusquamperfekt.

Ab sofort lächle ich dich an.

Gestrandet

Posted on 19. September 2017

170918_barRaucherkneipe. Eintritt ab 18 Jahre. Kioske Kühlschränke mit Flaschenbier. Zapfanlage und fortlaufender LED-Lichterkette hinter der Theke. In grün und lila. In gelb und orange übergehend. Wiederholend. Verschafft Atmosphäre. Barhocker an der Theke. Zwei junge Männer im gehen. Im Gastbereich leuchten die LED’s in rot und sind in Bewegung. Nicht hektisch. Die Wanduhr steht auf 23:30.
Die Spielautomaten mit wechselnden Bildern. Wartend auf Gäste. Kommt wohl keiner mehr.

Am kleinen Tisch links eine Frau mittleren Alters und ein Mann. Sie scheinen über Belangloses zu reden, während ich diese Zeilen schreibe. Hin und wieder eine Zigarette ansteckend. Und dass das mit einer Frau für ihn schon passen müsste, höre ich beiläufig. Große Ansprüche habe er keine.

Ich würde jetzt für mein Leben gerne ein Buch lesen. Denke ich im Stillen.

Gestrandet. Der 22:38-Bus weg oder gar nicht war. Willkommen in der Provinz.

Also rüber in die Bar. Feierabend-Bier. »Die Zapfanlage ist defekt,« sagt die Dame hinter der Theke. Ist der Begriff »Bedienung« politisch korrekt, überlege ich kurz ohne ihn zu benutzen. »Cappuccino und eine Afri. Bitte.« Ich bezahle sofort.

Setze mich an einen der kleinen Tische. Dunkel. Nicht unangenehm. Beginne zu schreiben. 80er-Musik aus der Box. Gefühlt immer dieselben Songs.

Der Bus im Stundentakt. Ich verlasse rechtzeitig die Bar und höre »Wolf Alice, Bros«:

You tell me all the time
I got plans
Oh
Jump that 43

Klingt. Springe lieber nicht die 43. Wüsste nicht wie.

Die letzten Meter zu Fuß. Schritt für Schritt. Keine Menschenseele unterwegs. Genieße den Sternenhimmel. Mein Plan war ein anderer.

untersommert

Posted on 18. September 2017

170917_untersommert

DIE ZEIT macht seit Monaten eine Umfrage »Wie geht es uns?«. Mögliche Antworten: Gut/Schlecht. Und es wird nach einem Eigenschaftswort (Adjektiv – muss auch googeln) gefragt. In der Grundschule wird auch von einem Wie-Wort gesprochen. Was den Nagel ziemlich auf den Kopf trifft.
Über eine Million Menschen antworteten und antworten auf ihr Wohlbefinden. Und geben einen Einblick wie sich ihr Zustand beschreiben lässt. Über 6.000 Wörter wurden genannt. Über 4.500 Wörter wurden bisher neu erfunden. Mein Lieblingswort »untersommert«.

Auf die mir gestellte Frage »Wie geht’s?« antworte ich in den letzten Tagen mit »untersommert«. Und erkläre.

Ist immer ein schmaler Grad zwischen, willst-du-mich-auf-die-Schippe-nehmen, Fragezeichen im Blick und einem Lächeln. Da mein Wesen und Denken nicht ganz unbekannt ist – ich bei Fremden eher freundlich vorsichtig agiere – überwiegt das Lächeln. Oder ich erkläre mehr. Häufig notwendig.

Aber mal ehrlich. Der Sommer heuer war/ist ein Schöner. OK – die letzten paar Tage unerwartet kühl. Und Regen. Zum Teil heftig.
Beim Pendeln (Radfahren mit beruflichem Hintergrund, also mit dem ersten Ziel der Wegstrecke machen und nicht des Spaß machen’s – was es aber trotzdem gemacht hat) an fünf Tage viermal pitschnass geworden. Und wenn schon. Irgendwie trotzdem geil. Regen spüren. Die Nass-Sein-Strecke war absehbar. Trockene Kleidung auch. Danach das Warmduscher-Dasein frönen. Herrlich.
Zusammengefasst mit Augenzwinkern ein klares »untersommert«.

Vorfreude auf die Herbstsonne. Die Zeit, wenn die Sonne den Tag über ihre Kraft verliert. Auf DIE ZEIT-Frage antworte ich dann mit »herbstversonnt«.
YEAH.

Die beiden letzten Zimmer

Posted on 8. September 2017

»Bleiben Sie so verrückt.«

»Bleiben Sie so freundlich.«
Es bedarf keiner Vorgeschichte. Eine Sache von wenigen Minuten. Vielleicht zehn. Keine Ahnung.
Ein wunderschönen Tag. Irgendwie über mich selbst gewundert. Was macht, dass ich so fröhlich bin.
Ankommen. Nach einigen Stunden im Sattel – mit dem Fahrrad unterwegs – noch eine Runde schwimmen. Das Hotel mit privatem Zugang zum See. Ein kleiner Park. Mit Tieren. Die mir im ersten Moment nicht auffallen. Doch je mehr ich schaue, desto mehr entdecke ich. Immer mehr Details.
»Mein Lebenswerk«, sagt mir der ältere Herr.
Auf meine Frage, dass es hier meiner Vorstellung von Paradies sehr nahe kommt. So könnte es sein.
War es überhaupt eine Frage, denke ich.
Und dann wechseln sich Sätze um Sätze. Wenn du gefühlt und wissend nur ein kurze Zeit des Redens hast – erzählst du dir die wichtigen Dinge. Die Wende. Die Arbeit. Die Würde. Was Leben ist. Was wichtig. Wirklich wichtig.
Er mehr als ich.

Er wiederholt sich mit seinem Lebenswerk. Dem Hotel. Den Gästen. Den Tieren und dem Park.

Nicht stolz. Zufrieden.

Wie eingefroren. Die Zeit. Es hätte gerne länger dauern können. Mir fröstelte. Nach dem Schwimmen nur wenig bekleidet. Das Handtuch über die Schulter gelegt. FlipFlops an den Füßen. Die Sonne am untergehen.

»Wie lange bleiben Sie?« »Wir reisen morgen weiter.« Ein sehr schade als Antwort. Einfach auf Wiedersehen zu sagen schien mir zu poor (wie Engländer sagen).

»Bleiben Sie so verrückt,« wünschte ich zum Abschied.

»Bleiben Sie so freundlich wie Sie sind,« er zu mir.
Tief berührt fast sprachlos ein gegenseitiges Alles Gute.

Noch Tage später, immer wieder, denke ich an diesen Moment. Ein ganz ganz Großer. Mein Herz hüpft. Den Tränen nahe. Möglicherweise hat er Recht, der alte Mann.

Vielleicht bekommt man von Unbekannten den wahren Spiegel des Lebens vorgehalten. Schonungslos offen. Nicht taktierend. Ist ja nur eine kurze Begegnung. Von kurzer Dauer.

Ich werde mich bemühen. Versprochen.

Die Hotelzimmer haben wir knappe zwei Stunden zuvor gebucht. Es waren die beiden Letzten.