Dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.

— aus: G.W.F. Hegel in ‘Phänomenologie des Geistes’

[BALD]

05. Juni | Weinstadt

06./07. Juni | Bonn Triathlon

Berlin

Der Auslöser? Ich weiß es nicht mehr. Wir wussten wenig. Aber wir wollten dabei sein.

Es war eine andere Fußballverbundenheit. Ein anderes Fantum. Ob es Merch gab, ob wir ein weißes oder rotes T-Shirt trugen – es spielte keine Rolle.

Da war nur diese Idee:
Wir fahren nach Berlin. Zum Endspiel. »Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin« wurde noch nicht gesungen. Vielleicht war es unser Gedanke. Noch ohne Melodie. Noch keine ritualisierte Fußballfolklore. Keine Stadionchoreografie aus dem Baukasten. Ein paar Fahnen aus Bettlakenstoff.

1986. Deutschland war noch geteilt. Ost und West. Der Fall der Mauer nicht einmal ein Traum. Strenge Grenzkontrollen. Transitstrecke. Berlin als Insel. Eine Stadt aus einer anderen Zeit. Westdeutschland fuhr durch Transitstrecken. Kontrollpunkte. Schlagbäume.

Wir waren Buben vom Dorf. Behütet. Bewahrt. Aufgewachsen. Und fuhren unbewusst in eine Großstadt, die größer war als alles, was wir kannten. Berlin. Eine andere Welt. Groß. Laut. Fremd. Verheißungsvoll. Auch ein Stück Eintritt in die Welt der Kinder vom Bahnhof Zoo. Eine Geschichte, die mich geprägt hat. So sehr, dass ich bis heute sage: nie. Bewusst nie. Keine Drogen in meine Nähe.

Als Erstes wollten wir die Mauer sehen. Irgendwo in der Nähe des heutigen Pariser Platzes. Bemalt. Ein Treppengerüst als Aussichtspunkt. Dahinter freie Fläche. Der Blick in den Ostblock. Im Radio lief Irresistible. Ein Hit. Eine Prinzessin aus Monaco. Und irgendwie hat sich genau dieser Moment einzementiert. In mir. In Berlin. In allem, was später kam. Es ist meine Melodie für Berlin – bis heute.

Dann gingen wir Karten kaufen. Oder vielleicht – wir hatten noch gar keine. Ich weiß es nicht mehr genau. Wir waren noch weit entfernt von dem heutigen Hype. Keine Lotterie, keine Warteschlangen im Internet, keine digitale Hoffnung auf einen Zufallstreffer. Tickets waren damals Papier. Aus der Hand verkauft. Von Hand abgerissen.

Wir schliefen mit Luftmatratzen und Schlafsäcken in einer Kirche in Charlottenburg. Ich kannte jemanden, der jemanden kannte. Ein Anruf. »Ja klar, kommt. Seid herzlich willkommen.« Die Kirche: integriert in ein Mietshaus. Auch das war Berlin.

Wir liefen los. Entdeckten. Verloren uns.

An einem der Tage besuchten wir Ost-Berlin. Gekachelter Übergang. Zwangsumtausch. Alexanderplatz. Eintritt in eine andere Welt. Und doch: Menschen wie wir. Menschen, die spazieren gingen. Einkauften. Mit Hund. Kinderwagen. Einfach lebten. Da wurde mir klar, dass diese Ideologie des Kalten Krieges keinen Sinn macht. Nicht für mich. Nicht für Menschen.

Eine Woche zuvor hatten wir (der VfB) die Bayern zum Meister gemacht. Vielleicht hofften wir auf Revanche. Aber das ist nicht die Idee vom Sport. 5:2 verloren wir. Chancenlos. Die Zeitung schrieb von Hinrichtung. Egal.

Wir waren Teil des Endspiels.
Teil dieser Tage.
Teil von Berlin.

Vor ein paar Tagen schrieb mir einer der Buben:
»Hey Achim, 40 Jahre Berlin. Werde ich nie vergessen.«

Und während ich diese Zeilen schreibe, bekomme ich Tränen in die Augen. Verdammt gute Zeit.

Berlin war damals kein Wochenendtrip mit Handyticket. Berlin war eine Erzählung. Eine Mutprobe. Ein Versprechen. Und irgendwo zwischen Bahnhof Zoo, Olympiastadion und dieser seltsamen Freiheit einer eingeschlossenen Stadt begann etwas Neues.

Nicht der Fußball allein. Das Erwachsenwerden.

Jungschar Murr: Ralf. Ralf. Harald. Thomas. Stefan. Michael. Hartmut. Achim.