Arizona

Veröffentlicht in 29. Oktober 2020

Herbst. Ich trage wieder Birkenstock’s an meinen Füßen. Ist Füße richtig? In der schwäbischen Sprache verwendet man Worte gelegentlich in einer anderen Form, die für Missverständnisse sorgen kann. Gilt nicht wenn sich nur Schwäbinnen und Schwaben unterhalten sollten.

Also Schuhe. Von Birkenstock. Mal wieder? Über Jahre hinweg hatte ich genug davon. Nicht in der Menge. Es war nicht die Zeit. Es war nicht mehr meine Zeit diese Art von Schuhen zu tragen. Abstoßen, das was für viele Jugendjahre „State-of-Art“ war. Ob geschlossen. Mit Riemen. Eins, zwei oder dreien. Hinten geschlossen oder offen. Breit schmal. Leder Filz. Arizona oder Boston. Wie sie heute noch heißen.
Ich trug sie. Klar bequem. Aber es war so eine Ansage. Ein Lebensgefühl. Ein Statement. Hippiesandalen. Hinter einem Menschen mit liebevoll „Birkis“ genannt an den Füßen war ein gewisses Bild gemein. Gelassen. Eher christlich orientiert. Eher langweilig. Sexy-Faktor 0. Die Grünen wurden 1980 gegründet – was wurde davor gewählt?
Ich erinnere mich an Poster mit „Birkenstock-Business“ in Chef-Büros. Hier durften Menschen beim Eintritt auf eine Gütigkeit hoffen. Ich erinnere mich an einen Notar, der genau dieses Bild widerspiegelt, in seinem Chaosbüro voll mit Pflanzen, alten Schreibmaschinen und Modellautos. Trotzdem war ich gerne dort. Umgeben vom Charme der Gesundheitslatschen. Bis eines Tages auch der Notar, die dann den Markt beherrschende Crocs an den Füßen hatte. Kunststoffschuhe. Leuchtend bunt. Schnelltrocknend, wenn du durch den Matsch des Zeltplatzes schreitest. Eine kleine Welt bricht zusammen. Und ich wechsle auch das Schuhwerk.

Irgendwann verschwinden meine beiden Sandalenpaare – #1 mückenblutfarbiges Wildleder offen mit zwei Riemen und #2 geschlossen mit karamellbraunem Leder – im Nirwana des Schuhregals. Verstaubt. Zusammengefallen. Fristen beide ihr Dasein hinter Spinnweben und alten öligen Kartonagen. An eine Entsorgung nicht erinnernd. Und suchen? Ne. Ich vermisste, vermisse meine Birki’s nicht.

Die Wiedergeburt. Berühmte Menschen beginnen Birkenstock’s oder sagt man Birkenstöcke (?) zu tragen. Eine Schauspielerin sogar bei der Oscar-Verleihung. SchwuppdiWupp von Hippie auf Hip.

Mhhh…. ne. Nicht auf jeden Zug aufspringen. Auf einmal wieder mit Birki’s auftauchen. Ne. Auch nicht mein Ding.

Es vergehen weitere Jahre. Bis meine Blicke auf eine Limited Edition (das fieseste was Industrie machen kann um das muss-ich-haben-Gefühl zu erzeugen) mit einer farbig-auffallenden Sohle fallen. Oh. Schön. Es könnte mal wieder Zeit werden für Birkis, denke ich mir. Höchste. Und so unter uns – tragen tun sich die Dinger schon verdammt gut.

Jetzt wenn Winter kommt. Dicke Socken an. Füße hoch. Kerzenlicht, Kekse und warme Getränke. Es könnte gemütlich werden – in Arizona, äh mit.

SOMEWHERE OVER THE RAINBOW

Veröffentlicht in 27. September 2020

Es kommt die Zeit, da musst du raus. Das innere Verlangen. Der Anflug von Unzufriedenheit. Den Ablauf des Tages zu kennen. Und das Finale. Und den Ausgang. Bereits am Mittag. Und du änderst nichts. Und am Abend war es genauso, wie du es dir vorgestellt hast. Bereits am Mittag. Es geht nicht um gut oder nicht gut. Es geht um den Drang nach draußen.

Freitag war es soweit. Dem Plan folgend. Wenn überhaupt Plan. Dinge erledigen. Abhaken. Wohl wissend, dass neue Aufgaben entstehen. Auch daraus. Arbeit geht nie aus. Was ein Wortspiel. Und „fertig“ sein – nein auch unvorstellbar.
Und JA. Ich habe sie noch. Die To-Do-Liste. Sogar zwei. Zwecks des Vergessens. Der Angst etwas nicht zu erledigen. Nicht rechtzeitig. Nicht zu vertrauen darauf, dass jemand anderes mitdenkt. Reminder. Klar. Wenn ich einen Anspruch habe, dann darauf. Zuverlässig. Vertrauensvoll. Nicht der Typ sein, dem man immer hinterher rennen muss. Nein, das bin ich mit Sicherheit nicht. Meine ich.

Und in dieser Zerissenheit, den Freestyle des Lebens finden.

Freitag war es soweit. Kurzfristig meine sieben Sachen gepackt. Nein. Gewiss kein Abenteuer. Die Strecke nach Bad Wildbad – dem Enztalweg folgend – kenne ich zur Genüge. Musste nichts denken. Rechts – links – rechts. Ich mag ihn. Überschaubar und mit der Bahn zurück. So’n Nachmittag-Trip.

Das Wetter-App sagt kein Regen. Und liegt falsch. Eine Regenjacke habe ich nicht eingepackt. Geht trotzdem – und komme ziemlich trocken an. Irgendjemand meint es gut mit mir. Vergelts Gott!

Von Bietigheim-Bissingen Bahnhof zurück nach Hause. Auf dem Bahnhofsvorplatz Regen. Umtriebige Menschen flüchten unter die Vordächer. Ich fahre los. Plötzlich Sonne und Regen. Ich bleibe stehen. Was absolut keinen Sinn macht. Wenn schon nass, dann durchziehen. Weiterfahren. Die Wegezeit kurz halten. Ich bleibe stehen. Lehne mein Rad an einen Baum. Hole mit klammen kalten Fingern meinen Foto aus der Tasche. Den Moment festhalten. Bizarr. Der Regenbogen. Die Sonne mit letzter Kraft bevor sie hinter den Wolken in die Nacht verschwindet.

Israel Kamakawiwi’ole singt „and I think to myself, what a wonderful world„. Ja.

Plitschnass fahre ich die letzten Kilometer nach Hause. Summe die Melodie. Es war ein guter Plan nach draußen zu gehen. Und stehen zu bleiben. Innehalten. Und ich träume davon, dass „and the dreams that you dreamed of, dreams really do come true“.

Die Regenjacke soll Standard werden. Es ist Herbst. Es wird unberechenbar. Freestyle Wetter. OK. Ein- und verstanden.

Eier

Veröffentlicht in 18. August 2020

Ich sitze am Küchentisch. Das große Fenster ermöglicht mir den Blick auf meine Straße. Ich sitze nicht dem Fenster zugewandt. Aber eine kleine Kopfdrehung nach rechts verschafft mir Überblick über einen kleinen Bereich „meiner“ Straße. Eine Straße in der wenig los ist, bis gar nix. Ich wohne gerne hier.
Alles im Rhythmus. Ich sehe Menschen die zu sehr ähnlichen, fast gleichen Zeiten durch die Straße laufen oder aus ihren Garagen heraus kurven. Täglich. Außer Sonntag.
Nicht dass ich das Super-Eye bin, der alles abspeichert und spioniert. Aber ich habe ein Gefühl und ein Erinnerungsvermögen für Wiederholungen. Manche Menschen nennen es Rituale. Obwohl ich mir nicht sicher bin ob Menschen Automationen als Rituale wahrnehmen. Da eher unbewusst. Und freue mich daran. Selbst wenn eine lange Zeit dazwischen sein sollte. Und ich vermisse es, wenn solche Abläufe unterbrochen sind, gar enden.
Die Mutter, die dem Kind auf dem Weg zum Kindergarten hinterherrennt. Die Frau mit ihrem Hunden und den schwarzen Adidas-Turnschuhen mit pinker Sohle. Menschen auf dem Weg zum Einkauf (P. dreimal täglich immer den Korb unterm rechten Arm eingeklemmt). Und vieles andere mehr.

Alles außerhalb dieses von mir gespeicherten Ablaufes fällt zumindest auf. Was in Dorfgemeinschaften ja auch negativ ausgelegt werden kann. Positiv ist, dass man auf sich gegenseitig aufpasst.

Kommt diese Pärchen angeschlichen. Also Mann und Frau. Beide jünger. Keine Ahnung ob sie es sind, ein Paar meine ich. Kurzer Blickkontakt. Wer darf, besser muss. Der Mann. Sie läuft weiter. Wie Zeugen Jehovas sahen die beiden nicht aus. So zwischen leger gekleidet und ungepflegt.

Ich wusste natürlich schon was jetzt kommen wird. Nur nicht inhaltlich. Verstecken zu spät. Er stolpert in Richtung meines Fensters. Mustert mich und greift sich mit der linken Hand an seine Eier. Also sein Gemächt, die äußeren Genitalien des Mannes.
OK. Tief durchatmen. Keine Ahnung ob das eine tiefenpsychologische Bedeutung hat. Verarbeiten von Unsicherheit. Oder „du Arschgesicht“. Oder „Scheiss-Job.“ Als Gesprächseinstieg eher ungeeignet. Dementsprechend reserviert war ich.
ER: Erzählt was von Zirkus und Corona in saloppen traurig fröhlichen Worten. Und streckt mir, vermutlich, seinen abgelaufenen Schülerausweis entgegen. Landläufig die Legitimation um an fremden Türen zu klingeln. So von der Dauer von maximal 3 Sekunden.
ICH: Bin ebenfalls von Corona gebeutelt, erwidere ich ihm. Kurz und knapp. Manchmal habe ich – je nach Lust und Laune – eine Strategie von möglichen Antworten auf Fragen. Auch gerne mal abwechseln und ausprobierend. Meist freundlich.
ER: Wir bieten auch Hilfsarbeiten wie Maler- und Gartenarbeiten an.
ICH: Zucke mit den Schultern. Macht mein Problem nicht kleiner. Klingt egoistisch, aber er versteht was ich meine mit Geldspende und so. Und das hier nichts zu holen ist.

Er dreht sich weg und macht noch einen kleinen skeptisch kritischen abfälligen Rundumblick. Ich überlege noch kurz ein freundliches aber bestimmtes „ich möchte keine Ziege in einem Piss-Zirkus sein, der vor drittklassigen Möbelhäusern und Festplätzen von Kack-Dörfern ihr Dasein verbringen muss. Mein Verständnis von Leben ist ein anderes“ hinterher zurufen.
Lass es dann aber doch lieber sein. Das Business des Klingelns an fremden Haustüren des Geldes wegen, ist eine miese menschenunwürdige Aufgabe. Und der Griff an die Eier, maximal in der Manege eine billige clowneske Aktion für einen billigen Lacher vor billigen Menschen.
Ich schaue aus dem Fenster. Heute ist ruhig. Bisher.

… keine Freunde.

Veröffentlicht in 8. August 2020

Alles gepackt. Klamotte und das Rennrad. Aufgewacht. Tee. Stück Hefekranz. Ohne Rosinen.

Bereit. Und doch nicht.

Stur irgendwelchen Ideen hinterher zu hecheln? Zwang oder Freiheit?
Bedingt durch die Corona-Pandemie hat sich bei mir vieles verändert. Kein Grund zu jammern. Ist so.

Neben der gewonnenen Mehrzeit… Mehr Zeit gibt es nicht. Zeit ist immer Zeit. Immer gleich lang. 60 Sekunden eine Minute. Minute zu Stunde. Stunde zu Tag und Woche, Monat und Jahr. Neben der gewonnenen Zeit andere Dinge zu tun als das Gewohnte. Statt Moderation – den Ort zu besuchen. Mit dem Fahrrad. Orte, wo ich sonst in anderer Funktion gewesen wäre. Die Veranstaltungen abgesagt.
Heute steht Ravensburg auf dem Plan. Der Triathlon am Flappach-Bad. Alles gepackt. Die Klamotte. Das Rennrad.

Aufgewacht. Mitten in der Nacht. Ohne Wecker.

Es geht nicht darum Pläne zu ändern, wofür sie angeblich da sind. Wie Menschen gerne meinen. Es geht nicht um sturen Willen. Es geht um das „bereit zu sein“.

Es ist 4 Uhr 28 Minuten. Ich schneide mir noch ein Stück Zopf vom Kranz. Trinke in aller Ruhe eine Tasse Tee. Frisch aufgebrüht.

Heute bin ich es nicht. Heute bin ich nicht bereit. Kein Versuch einer Entschuldigung oder Erklärung. Nicht für mich. Für niemand. Da kein muss. Heute werden Ravensburg und ich keine Freunde. Ich hole es nach. Irgendwann. Später. Wort drauf.

Dann schnüre ich meine Laufschuhe. Bin ja schon wach. Und mache mich auf meine Runde. Die Uhr zeigt 04 Uhr 52 Minuten. Wenn ich zurück bin, setze ich mich hin – im Garten – und warte auf den Tag.

#1000

Veröffentlicht in 28. Juli 2020

Es war der 17. Oktober 2017. Die Diskussion um die „take a knee-Aktion“ des Colin Kaepernick (Quarterback der San Francisco 49ers) nehmen zu. Es ist ein Symbol des Widerstandes gegen rassistische Gewalt. Ein Akt während des Abspielens der US-Nationalhymne. Am 14. Oktober 2017 kniet das Fußballteam von Hertha BSC vor Anpfiff des Heimspiels gegen Schalke 04 ab. Als Zeichen für Vielfalt, Toleranz und Verantwortung. Die Bild-Zeitung (und nicht nur die) schreibt „dumm und unangebracht“.

Für mich der Anfang jeden Tag ein Bild auf einer privaten Fotodatenbank zu veröffentlichen. So eine Art Fototagebuch.

Meine Begründung in 2017: Der Anfang einer Idee: Ich werde jeden Tag und zu jeder Zeit ein Knie nehmen. Gegen Rassismus. Für die Freundschaft. Für die Menschenwürde. Und für Menschenrechte. Im Sinne des deutschen Prinzips (Artikel 1), dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

Irgendwann habe ich mich von „kniend“ verabschiedet. Die Bilder wurden „normaler“. Mein Motto: The Ultimate Shots Of High-End Middlingness.

Heute habe ich das 1.000 Bild veröffentlicht.

schieben

Veröffentlicht in 12. Mai 2020

Von Gut Stikelkamp nach Holtland (Etappe 5)

Dominik ruft an. Bin fast fertig mit dem Aufbau. Ein Sportplatz wo alles begann. Den Erfinder des Ossiloop lerne ich dort kennen. Von weitem. Übte mit Jugendlichen den Hammerwurf. Könnte so gegen Viertel nach 5 Uhr gewesen sein. Es ist was passiert. Herz. Unfall. Intensivstation. Koma.

Eine unglaublich irreale Zeit. 10 Jahre her. Ein Wahnsinn. Versuche zurückzuschauen, zu erinnern was alles gewesen ist. Vergangenes – mit welchen Auswirkungen auf das heute. Es ist nie alles gut. Es ist nie alles schlecht. Nie … das Wort gibt es eh nicht.

Man wirft mir zu Recht vor zu „think pink“ zu sein. Was kann ich in welcher Situation auch immer Gutes abgewinnen. Suche damit nach dem Kleinen, um für mich Antworten zu finden. Fröhlichkeit zu bewahren. Was auch immer.

Bin auf dem Rückweg meiner Runde. Vielleicht nur Halbzeit. Man weiss es ja „nie“. Meine heutige Strecke als Dankeschön an den Murrer Volkslauf. An die Menschen die mich beeinflusst haben mit dem Laufen zu beginnen. Es sind Viele denen ich zu Dank verpflichtet bin. Meist ist es nicht der eigene Antrieb. Sondern das mitnehmen. Bestimmt ist deshalb das „für eine Sache werben“ eines meiner Credos.

Ich seh bei meiner Etappe einen Mann sein Rad schieben. Es geht leicht bergauf. Leicht ist menschlich. Für die Einen einfach. Für Andere schwer. Für Manche gar unmöglich. Allein das zu Verstehen hilft ungemein in „Liebe“ miteinander zu leben und einen guten Umgang zu haben. Ich muss nicht alles, nicht jedes, jede und jeden verstehen. Bin da nahe bei Hegel.

Für den Mann ist der Anstieg schwer. Zu schwer. Wo andere mit Leichtigkeit hochbrezeln, schiebt er sein Fahrrad. Es ist gut mit seinen Kräften hauszuhalten. Tempo rausnehmen. Das „entschleunige dich“ klingt MIR zu sehr nach einer Mantra. Mach dies. Mach jenes. Räum dein Leben auf um glücklich zu sein. Alles nach einem Plan. Eingetragen in die unnützen Notizbücher und Apps der Welt. Der nächste dann noch bessere Plan schlummert schon. #fickdichsymplifyyourlife.

Das Fahrrad. Gewohnt im Rollen zu sein. Schnell. Mal langsam. Es ist gut, wenn dich jemand schiebt. Es ist gut, wenn dich jemand an den Händen nimmt. Die Kraft von außen. Die dich auch sonst nur in Bewegung bringt und hält. Im Wissen, dass beides gebraucht wird. Das Rad und den Menschen – im übertragenen Sinn. Alles.

Irgendwie ist mir die heutige Etappe unglaublich leicht gefallen. Es drückt sich nicht in der Zeit aus. Bin einfach gelaufen. Strategen nennen es Soul-Running. Einen Fuß vor den anderen zu setzen. Mehr nicht. Bei 1:00:28 bleibt die Uhr stehen.

Freitag steht die letzte Etappe an. Dann bin ich ein Dörloper.

Soundtrack: Marteria „Live im Ostseestadion“

nomm ond romm

Veröffentlicht in 8. Mai 2020

Von Holtrop nach Bagband (Etappe 4)

Der Ossiloop ist mir ans Herz gewachsen. Sagen Menschen so, wenn ihnen etwas besonders gefällt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Der Aufwand dafür – der schließlich auch zum „Ende“ geführt hat, beträchtlich.
In den Anfangsjahren bin ich meist unter der Woche vor Ort geblieben. Meist auf dem Dünencamping-Platz in Bensersiel. Eine herrliche Zeit. Wenig los und das Meer – wenn es mal da war. Gefühlt wegen der Gezeiten mehr weg als da. Isso. Ebbe und Flut. Schöne Spaziergänge im Watt. Barfuß. Arbeiten und Leben im Wohnmobil. Ein ganz eigener Rhythmus.
An den Wochenenden immer nach Hause gefahren – weil andere Arbeit wartet. Sprich: Mit den Systemern per Sprinter nach Köln-Deutz fahren. Gegen 2 Uhr in der Früh da. Kleiner Walk über die Eisenbahnbrücke (wo die Schlösser hängen) und Gevatter Rhein. Kaffee im Backwerk am Seitenausgang des Bahnhofs. Ich liebe das „menschenleer“, wo sich sonst die Massen bewegen. Hat einen ganz besonderen Charme. Nur: Macht das Normal schwerer erträglich.

Der erste Zug in den Süden gegen halbvier Uhr. Ein IC. Länger unterwegs aber direkt. Hoffe der Schaffner kontrolliert früh. Mehr Zeit zu ruhen. Gegen halbneun dann zuhause. Zwei Stunden hinlegen. Duschen. Weiter. Harte Zeiten. Später dann auch unter der Woche heimgefahren. Noch härter. Dienstag und Mittwoch verdammt lange Tage. Der Spaß an einer Sache verleiht Überkräfte. Du denkst nicht – machst. Ich war immer rechtzeitig bei allen Veranstaltungen. Im Süden wie im Norden. Selbst als die Bahn meinte zu streiken. Ein Hin und Her über lange Zeit in diesen drei Maiwochen.

Hin und zurück mag ich beim Laufen ungern. Im Wettkampf zweimal nicht. Lieber eine Runde laufen. Sieht auf Strava besser aus. Seltsam ist – entdecke für mich in diesen Tagen dieses #samewayback.
Wer den selben Weg zurückläuft – läuft genauso nach Hause. Vielleicht vertrauter – nicht unbedingt. Anderer Blickwinkel, was manchmal gut tut – gewohntes zu überdenken oder neu zu entdecken. Die andere Seite. Hilft mir auch im normalen Leben Dinge zu beurteilen.

Es ist gut zu wissen was auf dem Rückweg auf mich zukommt. Zukommen könnte. Mache mir beim Hinweg bereits Gedanken über das zurück. Das kurioserweise gefühlt schneller. Was mit Blick auf die Uhr meist nicht stimmt. Es gilt als die große Kunst des Marathonlaufs die zweite Hälfte schneller zu laufen.
Heute also „nomm ond romm“ gelaufen. 11.9 Kilometer die Aufgabe in Etappe 4. 01:14:44h meine benötigte Zeit. An Murr und Neckar entlang. Klare Luft. Der Lauf ein Traum. Gefühlt leichtfüßig. Sehe die Männer des Bauhofs viermal, den Müll des Menschen wegräumend. Danke. Winke freundlich zu und mache auf dem schmalen Weg Platz für ihr Pritschenfahrzeug. Westernhagen singt:
Ich hab‘ mich verlaufen
Der Himmel scheint so weit
Und ein Mann trägt ein Schild
Und auf dem Schild
Da steht nur „Frei“!

Einer meiner Lieblings-Lyrics. In Konzerten ein besonderer Moment wenn die Menge dieses „Frei!“ brüllt. Höhepunkt des Abends.

Wendepunkt. Halbzeit. Auf „meinem Schild“ steht die „6“. Ne. Wundern tue ich mich schon lange nicht mehr.

Soundtrack: Sleaford Mods

Welche Freiheit meinst du denn

Veröffentlicht in 5. Mai 2020

Von Aurich nach Aurich (Etappe 3)

Danke Andi für das aufmunternde „Achim, du bist auch schon schneller gelaufen“ auf meinen letzten 500 Meter. Das tat richtig gut – wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Während eines Laufes sind die Gedanken frei. Träumen erlaubt. Die 10k (9,7k ist kein vergleichendes Streckenmaß) unter 60 Minuten laufen.

Gleich zu Beginn bin ich am hiesigen Gummiplatz (freut sich jemand) vorbei gelaufen. Großflächig abgesperrt wegen Covid-19. Auf das Verbotsschild ist „Freiheit verboten!“ in schwarzen Buchstaben gekritzelt. Schöne Schrift. Beschäftigt mich über weite Teile des Laufens und macht meine sportliche Belastung weniger spürbar. Abgelenkt. Idealfall.

Über welche Freiheit sprechen wir noch gleich? Es beschäftigt mich diese Tage sehr, welches Denken Menschen umtreibt. Was und wie sie sich äußern. Was passiert mit uns? Mit mir als Teil der Gesellschaft? Die individuelle Definition des Begriffes Freiheit. Die ja unterschiedlich sein mag, darf und muss. Gerne. In mir trotzdem hin und wieder Kopfschütteln auslöst. Wenn ich in einem Mietshaus nachts um drei Saxophon übe, bin ich ein Narr. Unabhängig des Strafbestandes der Ruhestörung. Beispiel hinkt. Schränkt mich aber – zumindest in der Theorie – in meinem Freiheitsdenken ein. Ist das Nicht-Üben nun Unfreiheit oder nennen Menschen es Vernunft? Oder die Begründung dafür, warum jeder Mist „geregelt“ sein muss, damit Leben in freiheitlicher Gesellschaft funktioniert. Regeln in Malefiz machen das Spiel erst möglich, spannend, ärgerlich und damit spielenswert.

„Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt“, sagt Kant oder auch jemand anderes. Nicht ich als Individuum spiele die erste Geige. Auf meine Person, selbstzugewandt und menschenverachtend, könnte dann getrost verzichtet werden. Selbst wenn ich sonst ein ganz feiner Kerl bin. Aber nicht auf mich als Teil eines Ganzen. Einer Familie. Eines Freundeskreises. Einer Arbeitsgruppe. Eines Orchesters oder einer Sportmannschaft. So meine Hoffnung. Das ist doch genug des Antriebs für Wohlbefinden in diesem Umfeld zu sorgen. Und damit für mich. Wenn ich dieses bewahren kann, sind das gute und edle Absichten. Es geht nicht um die hypothetische Frage der Kriegsdienstverweigerung anno paar Jahrzehnte zuvor oder ähnliches. Wenn ich mich zB picksen lassen soll – mache ich mir Gedanken wenn es soweit ist. Über den Sinn. Auch den Unsinn und entscheide mich im Sinne eines Ganzen. Was einem, dem Ganzen gut tut, notwendig ist. Die Anerkennung einer Pflicht ist mein positives Zu-Geben, mein persönlicher Schritt für eine Sache.


Als ich in der Grundschule von antiquierten Gesundheitsmenschen in weißen Kitteln einen Würfelzucker mit was drauf bekommen habe – habe ich damit mein Umfeld und mich geschützt. Als Kind hinterfrägst du nicht. Als Kind ist eine der Säulen eines fröhlichen Lebens Vertrauen und Vertrautheit. Es hat mir nicht geschadet. Niemand hat mir Böses gewollt. Obwohl ich in meiner Entscheidung nicht frei war. Werdet wie die Kinder, sagt Jesus an anderer Stelle.

Heute trage ich Maske oder Tuch. Wenn auch selbstkritisch unbeholfen, weil ungewohnt. So, dass auf Twitter wohl über mich gelacht werden würde (freut sich jemand).

Ob alles zu hinterfragen, hinter vielem dies oder das zu wittern glücklicher macht? Und was ist Wahrheit? Mit „wenn Gesellschaften sich nicht mehr darauf verständigen können, was wahr ist, können sie auch die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts nicht meistern“, lässt Michael Butter sein Buch enden. Und ein Minister sagte dieser Tage, „wir Menschen werden uns viel zu verzeihen haben“. Das wird so sein. Es möge uns gelingen.

Nein! Freiheit ist nicht verboten. Wenn dem so wäre, wünsche ich mir den Mut auf die Straße zu gehen und vorab das Geschick abzuwägen um welche Form der Freiheit es geht. Nie um die meines Willens wegen.

Die dritte Etappe bedeutet Halbzeit. Yeah. Bin heute lange Geraden gelaufen. Ungeliebt. Diese Stärken den Charakter heisst es. 57:56 Minuten für die 9.7k. Die 10k in 59:48. Ich habe mit meinen Möglichkeiten dafür gekämpft – lieber Andi.

Soundtrack: FisherZ