Wer füttert Facebook & Co.

Veröffentlicht in 16. Oktober 2019

Meine Zeit mit meinem Smartphone ist reichlich. Beruflich bedingt. Und zur Befriedigung von privater Neugier und zur Freude ein steter Begleiter.
Missen? Nein. Möchte ich nicht. Ich möchte mich keinen Regeln des Digital Detox unterwerfen. Und schon gar keinen Tipps. So nach dem Motto: Ein Löwe erklärt einer Kuh, wie die Kuh ihre Ernährung ändern kann, so mit weniger Kuhfleisch, mehr Gras und so.
WHAT? Wie fremdbestimmt bin ich eigentlich? Wer seid ihr? Social-Media-Monsters?

Nun, mein Konsum und mein Teilungsbedürfnis hält sich in Grenzen. Sicherlich höher als bei anderen Mitmenschen. Hoffentlich auch weniger. Aber – so meine Selbsteinschätzung – auf einer Höhe über dessen Latte ich noch springen kann. Gemeint ist die Hochsprunglatte, nicht die Macchiato. Schon immer. Mein Privatleben sowieso.

Das Schöne ist, alle können tun und lassen was Sie oder Er für richtig hält. Soweit ok. Menschen nennen das Freiheit und die Gedanken sind frei und so.
Weltverbesserung. Essenvorschläge. Reiseberichte. Solidarität. Auch mal abkotzen und Luft ablassen.
Es gibt kommerzielle Seite, die mit mir Infos zu meinen Vorlieben teilen. Das freut mich. Ich lese gerne Berichte über Bikepacking-Touren. Auch vom hintersten Kirgisistan. Wohl wissend, dass ich dieses Land niemals betreten werde. Oder Blogs über Fuß- und Football. Zum Teil zahle ich dafür. Ich fühle mich reicher, weil es für mich von Interesse ist.

Nur, hin und wieder (immer öfters?) schreiben Menschen, dass sie die Facebook-App gelöscht haben. Dass sie nichts vermissen. Hin und wieder reinschauen und die gewonnene Zeit anderweitig Nutzen.

Das in etwa so, wenn die sprudelnde Quelle sagt, dass sie ab jetzt leise sprudelt und/oder versiegt. Der Wasserfall keinen Bock zu fallen mehr hat. Oder eben der Löwe und das Rindvieh.
Wieso belehren uns ausgerechnet die Menschen, die vorher meinten jeden Mist mit uns teilen zu müssen. Zum Schluss noch einen Feuerwerk abschießen, wie abdrüssig ihnen doch die ganzen Posts und alles andere auch vorkommt. Auf zu neuen Ufern. Wie glücklich sie jetzt sind. Und Zeit im Überfluss.

überflüssig! LEUTE HEULT LEISE!

Ich freue mich weiter auf intelligente Posts und Geschichten. Über Blödsinn, der mich zum Schmunzeln und Lachen bringt und schöne Bilder (Insta ist eh viel schöner). Schenke mir Raum und Zeit. On- und Offline. Ich brauch, ich will das. Ob ich Löwe, Rindvieh oder ein auf dem Baum sitzend Eichelhäher bin, der fröhlich sein dchää-dchää oder ein piüü in die begrenzte Welt twittert – ist dann meine Sache.

Wer füttert eigentlich Facebook?

überrehmt

Veröffentlicht in 25. Juni 2019

Vor Tagen, vielleicht Wochen las ich folgende Randnotiz in meiner lokalen Tageszeitung: Rehm meldet Insolvenz an!

Rehm ist eine Metzgerei, die einen gewissen Bekanntheitsgrad durch die Produktion von Wurst in Dosen erreicht hat. Die Größe dieses Unternehmens ist mir nicht bewusst. Die Dosen klein. Mir unbekannt auch die schwäbische Herkunft. Hat bei meinen Einkäufen nie eine Rolle gespielt. Möglicherweise zurückzuführen auf fehlendes Marketing, was ja eine Insolvenz zur Folge haben kann. Stichwort Unternehmensdarstellung. Brand-Building. Es wird in solchen Fällen gerne von Management-Fehlern gesprochen. Dieses sagt, die Erhöhung des Schweinefleischpreises hätte der Markt nicht hergegeben. Mit dem Markt fühle ich mich gemeint. Kann ich nichts zu sagen. Mich interessiert die Entwicklung des Schweinefleischpreises nicht im Geringsten.

Ich esse seit roundabout 25 Jahren keine Wurst und kein Fleisch. Insofern trage ich eine Teilschuld am möglichen Untergang dieses Traditionsunternehmens. Ich mache es mir nicht einfach und sage es wäre mir wurst. Wohlwissend, dass zum Beispiel Menschen mit einer Mehlunverträglichkeit keine Mitschuld an der Pleite einer xbeliebigen Mühle haben. Oder Atheisten an der Auflösung einer Kirche. Ist ja klar. Ich jedenfalls war einmal Rehm-Kunde. Das ist der Unterschied. Aber nicht allein des Verzichtes wegen, auch zuvor habe ich diese Wurstdosen nicht mehr in meine Einkaufstasche gepackt. Dabei heisst es doch, dass Verbraucher mit den Füßen entscheiden. Na denn!

Mein Handeln hat zwei Gründe:

Für eine gewisse Zeit in meinem Leben waren diese Wurstdosen Grundnahrungsmittel. Was erstmal kurios und dumm klingt. Die gewisse Zeit begrenzt sich auf ziemlich genau zwei Wochen oder drei. Wir waren als junge Menschen mit einem umgebauten Mercedes-Kastenwagen Typ 210, einem Benziner, weiss mit Hochdach, in Norwegen unterwegs. Der geläufige Name Sprinter wurde erst einer späteren Generation von Fahrzeugen zugefügt.
Bevorratet mit besagten Rehm-Wurstdosen, Cherry-Cola und Riccadonna einem italienischen Cinzano-Ersatz. Brot haben wir frisch gekauft, meine ich mich zu erinnern. Ganz sicher bin ich mir nicht. Möglicherweise aßen wir auch mal Nudeln. Überwiegend die Wurst in allen Variationen. Nach diesen Tagen war ich fertig mit Rehm. Einfach überrehmt.

Erschwerend noch das Öffnungssystem. So ein kleiner Nippel, wie wir ihn heute aus Getränke-Aluminiumdosen kennen. Man dreht das kleine Metallstück, das am Dosenoben angenietet ist vom Deckel weg nach innen und nützt die Hebelwirkung, um den angestanzten Deckel abzuziehen. Das macht einen Büchsenöffner ersetzlich. Anwenderfreundlich. So die Theorie. Allerdings noch in der Entwicklungsphase. Mit der Technik war man vor sagen wir mal dreißig Jahren noch nicht so weit, versuche ich heute mein trostloses Scheitern damals zu erklären. Fakt ist, dass das Öffnen der kleinen wurstigen Dosen mittels des Nippels mir zu nahezu hundert Prozent mißlang. Nippel ab. Dose zu. Wurst drin. Ich… lassen wir das. Keine ganz einfache Zeit.

Wenn du zwei Gründe hast, die gegen ein Produkt sprechen, lässt du es links liegen. Schweinepreise hin oder her.

sehend. verrückt. frontal.

Veröffentlicht in 8. Juni 2019

„Jetzt sehen wir uns wieder“, sage ich voll Freude. Zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Stunden. Er kommt mir auf dem Bahnsteig entgegen. Mit dem linken Arm eingehängt in den rechten Arm seiner Begleiterin. Ob es seine Frau ist? In der rechten Hand einen Stock. Wie, als wir uns zum ersten Mal sahen, wenige Stunden zuvor. Ich bleibe stehen. Er dreht den Kopf zu mir. Dann lacht er und sagt nach einer kurzen Pause der Überlegung „ja, sehen wir uns wieder. Sehend.“ Die Beiden bleiben ebenfalls stehen. Die Frau auf seiner Linken drängt still zum Weitergehen. Es scheint, ihr ist die Sache nicht geheuer. Ihre Mimik zeigt wenig Reaktion. Nach einer weiteren kurzen Zeit sagt er „ein lustiges Wortspiel“. Verrückt. Obwohl wir wenige Worte gewechselt, einmal gesehen, habe ich das Gefühl, dass er mich erkannt hat. Die Stimme. Ich muss mich nicht erklären. Wow.

Sein weißer Langstock tastet entlang der im Alltag unbeachteten Rillenpflaster. Der Mann ist blind. Die Pflaster sind an Haltestellen zur Orientierung und Navigation angebracht. Man nennt sie taktile Bodenleitsysteme.

Einen Fremden anzusprechen, ist nicht so meine Sache. Einen blinden Menschen auch nicht. Erst recht nicht. Das hat mit dem Recht auf des in-Ruhe-gelassen-werdens zu tun. Weniger wegen Menschenfeindlichkeit oder Unsicherheit. Die Wortwahl „sehen“ ein gewagtes Spiel. Kurz überlegt. Können? Dürfen? Sollen? Wagen, denke ich.

Die Unbekümmertheit des Lebens ausnutzen. Es gibt nichts zu verlieren. Nichts. Vielleicht eine Reaktion der Verwunderung. Menschen anders zu begegnen als gewohnt. Den üblichen Weg verlassen. Ungewohnt. Überraschend. Die Fröhlichkeit liegt im Tonfall der Sprache. Ich meine es ja gut. Und sollten wir Menschen mit einem Handicap nicht so behandeln, wie die Müllers, Maiers und die Schmidts? Höflich. Wertschätzend. Normal eben.

Das ist dieses „etwas“ an diesem Moment. Warum es sich lohnt darüber zu schreiben. Eben jemanden nicht zu übersehen. Frontal. Wenn es die Situation ergibt. Natürlich. Sonst nicht. Und wenn du gut drauf bist. Das bin ich.

Wenige Stunden zuvor. Treffpunkt der Critical Mass in Stuttgart. Feuersee. Hunderte von Radfahrern versammeln sich um gemeinsam zu radeln. Die Straßen dicht. Die gewohnten Laufwege teilweise blockiert. 

Wenn auf einmal alles anders ist, bringt das Ungewohnte Überraschungen mit sich. Paar Meter vor mir versucht ein Paar sich einen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen. Er eingehängt mit dem linken Arm in den rechten Arm der Frau. Nicht ungewöhnlich. Mit dem rechten Arm führt er einen Stock vor sich her. Ich ebne den beiden ein kleines Spalier durch den Radpark. Er läuft vorbei und fragt, ob das der Weg zur Haltestelle wäre. Ich bejahe. Nur noch wenige Schritte bis.

Er bleibt stehen. Sie wohl-er-der-übel auch. Ihr ist die Sache nicht ganz geheuer, scheint mir. Interessiert fragt er, was hier los wäre. Ich erkläre und lade ein mitzumachen. Ein Tandem habe er. Na prima, sage ich. Dann sehen wir uns im nächsten Monat. Erster Freitag. Achtzehndreißig.

Ich würde ihn kutschieren, denke ich während ich diese Zeilen schreibe. Wir sehen uns wieder. Der Blinde und ich. Verrückt. 

Name? Ungefragt. Gefühlt zu offensiv. Zu frontal. Es ergibt sich. Oder nicht. Mal sehen…

gott•ver•las•sen

Veröffentlicht in 21. April 2019

OK. An einem Ostersonntag nicht die ideale Überschrift. Ist doch gerade aus christlicher Sicht die Wende. Gefeiert wird die Auferstehung von Jesus Christus.
Gottverlassen meint auch, abseits von allem Verkehr, von allem städtischen Getriebe gelegen. Eher negativ. Viel schön. Grundschulen von Stararchitekten erschaffen. Sonst nix. So war es. Raus und machen. Die Definition für kurz mal weg sein.
Ich habe es gemacht. Mikroabenteuer machst du ohne Zelt. Ich hatte – einem Ratschlag folgenden – eines dabei. Der und das war gut so. Richtig gut. Ohne, hätte ich die Schnecke auf der Backe in meinen tiefsten Vorstellungen, jetzt ich in echt, doch spüren können.

Habe mir extra – wieder – eines gekauft. So ein Zelt. Dabei meinte ich vor längerer Zeit, dass meine Zelt-Zeituhr abgelaufen ist. So mit dem Alter. Komfort und so. Zu viele Dinge, die beim Zelten nerven, auf den Sack gehen und auch im Nachhinein schwerlich als wunderbare Erfahrung durchgehen. Natürlich gilt die alte Regel, dass je schlimmer der Erfahrungswert, desto besser der Erzählwert ist.
Die meisten Menschen haben Bilder im Kopf. Meist sind es nicht die romantischen. Sondern eher die Mischung, zwischen schlechtem Schlaf, Schnacken und diesem unsäglichen etwas zwischen feucht, klamm und muffig. Selbst an schönen Tagen. Was erst wenn Regenwetter ist?
Wenn du unterwegs bist, hältst du früh nach einem Zeltplatz Ausschau. Auch nach Plätzen ohne Zeltnotwendigkeit. Obwohl du eines dabei hast. Das Auge schulen für kommende Abenteuer.

Du schaust dich um. Oh… nett hier. Es ist aber erst 11 Uhr und du willst bis Sonnenuntergang vorwärts kommen. Das Ideal für mich wäre am Rande eines Sportplatzes. Neben dem Spielfeld bleibt immer ein Stück über. Guter englischer Rasen für das Nachtbett. Eben und weitläufig und trotzdem geschützt durch Büsche oder Hecken.

Drei-viertel-acht. Die spontane Entscheidung. Hier und nicht weiter. So endet mein Tag an einem Jugend-Zeltplatz. Viel Grill. Sitzflächen aus Holz. Hinweisschilder. Kleine Hütte winterfest. Genügend Fläche zum Zeltaufbau. Kostenpflichtig. Verbunden mit dem in eine Abhefthülle eingeschobenen A4-Schriftstück, schwarz auf weiß in Arial fett, dass geschlossen bis 30.04.. Das Datum besonders groß und mittig. Mhhh… der Tag kommt noch Stand heute. Wird schon kein Ranger unterwegs sein. Die Sonne ist kurz vor dem untergehen. Die Gegend gottverlassen. Bitte, wen soll das jucken?
Baden und Müll ablagern ist nicht erlaubt. Habe ich auch nicht im geringsten vor. Das Sun-Downer-Gute-Nacht-Dosenbier habe ich mir abgeschminkt. Kauf unmöglich. Beim nächsten Mal werde ich eines dabei haben. Ist schließlich Kult und ein Grund für raus und machen, sagt die Legende.

Die Nacht war ruhig. Keiner wollte was von mir. Fast. Nur, dass ich ab sofort Spechte hasse. Auf englisch woodpicker.

Selbstkritisch betrachtet Luft nach oben, wenn wir über die Auswahl des Lagerplatzes sprechen sollten. Müssen wir nicht. Noch in der Nacht freute ich mich auf die wärmende Sonne, die im schlafsack-liegend mir den neuen Tag ankündigen wird.
Es war ein Schattenplatz, einer der wenigen auf dem Zeltplatz. Ich hatte den schattigsten aller Schattenplätze als Nachtlager auserkoren. Morgens kalt, muffig, klamm und feucht. Aber idyllisch gelegen. Sehr sogar.
Wer spricht Tage später noch von der Morgenkühle, die dir in den Knochen steckt. Ich nicht.
Auf französisch heißt der woodpicker charmant pic-bois.


Verbogener Glücksfall

Veröffentlicht in 17. März 2019

Nicht verbiegen lassen. Dein Ding machen. Einfach gesagt. Dazu gehört viel dazu. Auch Umgebung. Die dich eben so lassen machen. So wie du bist. So wie ich bin.

Habe nur den Einstieg in den Text gesucht. Klingt weiser, als über die Dummheit zu schreiben. Weit davon weg Lebensweisheit zu verbreiten, die glücklich machen und sollen und überhaupt. Sollen andere. Können das besser. Manche überhaupt nicht. Kriegen teilweise sogar Geld dafür. Manche viel. Gegönnt.

Ich habe meine Mülltonne verbogen. OK. Ist sicherlich nicht Weltproblem EINS. Auch nicht MEINS.

Doch paar Gedanken des Glückes wert. Und des Dankes an den Zufall.

Vermeintlich heiße Asche in den mausgrauen Behälter geleert. Seltsame Begrifflichkeit. Etwas leeren um es damit zu füllen. Zudem in eine Tonne in die keine Tonne reingeht. Egal. Also in die Mülltonne rein. Deckel zu. Papiertaschentücher nachgelegt. Das Gemisch entwickelt Leben.

Jetzt weiss natürlich JEDE und JEDER… wie blöd muss man sein, um…

Eins vorneweg… die jahrtausendealte Bezeichnung „Keine heiße Asche einfüllen“, ist im Zuge der Evolution des Heizwesens verschwunden. Was mich nicht automatisch zum Unwissenden machen sollte.
Auch irgendwelche Belehrungen im Nachhinein fruchtlos. Passiert. Punkt.

Es ist ja nicht so, dass du dein Tun Schachspieler-ähnlich vorausplanst. Abwägst. Irgendwann ist Tonne angesagt. Unbewusst. BÄÄM. Wer denkt schon dass…

… das Gemisch Leben entwickelt. Mit Leben meine ich Veränderung.

Jetzt zum Glücksfall. Es ist dunkel. Später Abend. Meine Mülltonne steht einsam am Straßenrand. Wartend auf die morgendliche Abholung. Alle zwei Wochen. Gibt es eine App für, die die Planung vereinfacht. Wie das Leben so spielt, nicht erklärbar, gehe ich nochmals raus und sehe eine Rauchschwade aufsteigen. Kaminartig. Kerzengerade gen Himmel, da windstill. Glimmend. Kurz vor Feuer.

Nachdenken. Retten, Löschen, Bergen, Schützen.

Ich bin kurzzeitig Feuerwehr. Kein Held. Eher Depp.

Mit Windunterstützung klappert der Eimer neuerdings wie die Mühle am Bach. Öffnet seine Klappe hin und wieder. Unkontrolliert. Ich habe meine Mülltonne verbogen.

Der Tag an dem Magnus Carlsen Weltmeister wird und ich im Wartezimmer sitze

Veröffentlicht in 29. November 2018

Zahnarztpraxis. »Bitte nehmen Sie im Wartezimmer platz«. Wartezimmer. Lebenszeiträuber Nummer 1. Was ein deprimierender Name für einen Raum. Lieber Carport als Garage. Gehen um zu Warten. Eng verbunden mit Langeweile. Platz nehmen. Wie ich diese Worte der freundlichen Sprechstundenhilfe liebe (#ironie). Ich weiss nicht, ob diese Berufsbezeichnung politisch korrekt ist. Vielleicht sagt man auch Dentist-Health-Care-Manager. Egal. Klingt ähnlich der Aussage der Spedition-Hotline (auch freundlich), dass der LKW unterwegs ist. Bedeutet, der kommt zwischen 8 und 20 Uhr. An einem beliebigen Tag. Halten Sie sich mal bereit. Und halten Sie durch, was nicht gesagt wird.
Ich mache mich auf den Weg.
Wartezimmer. Hoffend, dass niemand im Wartezimmer sitzt. Wenn du großes Pech hast, ist nichtmal ein Stuhl frei. Heute: Sagen wir mal so, Zwei von Acht.
Was ist taktisch der beste Platz. Spontane Entscheidung. Fifty-Fifty. Du kannst mega Pech haben. Ich entscheide mich für einen Außenplatz.
Sage »Hallo« und setze mich. Entfalte meine mitgebrachte (ganz wichtig) Zeitung und beginne zu lesen.
Regel 1: Don’t touch Zeitungen, Magazine in Wartezimmer wenn dir deine Gesundheit lieb ist.
Beginne zu lesen. Schreibe Kurznachrichten auf meinem iPhone. Und noch eine. Noch eine. Ich habe A: Zeit und B: ist es schön mit Menschen in Kontakt zu sein. Sehr schön sogar. Und kurzweilig, wenn Kurznachrichten hin und her durch Raum und Zeit fliegen. Faszinierend und spannend. Kommunikation eben. Manchmal besser als sprechen. Bleibender.
Niemand sonst schreibt Kurznachrichten im Wartezimmer. Verpönt? Manchmal gibt es einen Hinweis, dass eine Handy-Nutzung nicht gewünscht ist. In unserem Wartezimmer stehen Engel und sitzen Menschen. Gemütliches Interieur. Ok, die Stühle sind Stühle und keine Lounge-Sessel. Ein Schild mit Hinweis habe ich nicht gesehen. Ich telefoniere ja nicht. Bin still und leise. Mit Ausnahme des Piepton beim Empfang einer Nachricht. Könnte ich abstellen. Könnte. Wenn du mehrere Dinge gleichzeitig tust eine Hilfe. Öffne den Browser und schaue die TieBreak-Finalpartie der Schach-Weltmeisterschaft. Spannend.

75 Minuten später, ohne dass es nur eine klitzekleine Bewegung im Wartezimmer gibt, sagt der mir gegenüber sitzende Mann, dass ihm sein Hintern vom Sitzen weh tut. An alle gerichtet. So einfach mal in den Raum gestellt. Alle fühlen mit ihm mit. Kopfnicken. Sich dehnen. Und die merkwürdige Stille bricht. Ich bin locker und entspannt. Nichts drückt oder ähnliches. Auch nicht mein Hintern. Es ist angenehm warm.

Es beginnt ein munteres miteinander reden. Ich rede. Schaue Schach. Schreibe Kurznachrichten, was ich natürlich nicht sage. Die Zeitung lese ich nicht mehr. Weggelegt auf meinen rechten Fuß. Griffbereit. Manchmal grinse und freue ich mich, ob der Antwort der Nachricht.
Nebenbei erzähle ich, dass ich gerade Schach-WM schaue. Was keinen im Raum sonderlich beeindruckt. Trotzdem wichtig dies zu erwähnen. Dass ich keine Daddelspiele mache sondern was intellektuelles. Fühle mich besser damit. Irgendwann sprechen wir dann auch über Schach, besser ich referiere darüber. Über die Faszination des Langwierigen, der Spannung wenn es dem Ende zugeht. Denke und erwähne dabei den 50km-Skilanglauf. Was ein Paradoxem im Wartezimmer. Die müssen mich für verrückt halten. Drücke meine Hoffnung aus, dass keiner der Anwesenden A: mir eine Frage stelle oder B: mir im Schachwissen überlegen ist. Ich wäre sofort matt gewesen. Mega matt. Habe vom Schach wenig Ahnung.

»Keine Angst, da kommt keine Frage«, so der Herr mir gegenüber, der dann irgendwann zu mir sagt, dass er meine Stimme kenne und jetzt hätte er ein Gesicht dazu. Überhaupt, er überlege nach Hause zu gehen. Hat sich einen schöneren Abend vorgestellt als im Wartezimmer verweilen bis der Hintern weh tut. Den zweiten Satzteil denke ich mir. Kurznachrichten hat er keine geschrieben. Hätte er vielleicht tun sollen. Sekunden später wird er von der freundlichen Time-Schedule-Assistentin aufgerufen. Fast verpasst er die Frage und freut sich, dass ich doch meine Frage bekomme. Die Antwort wartet er nicht ab und geht mit einem Art Torjubel, durch die Reihe in Richtung des Behandlungszimmers. Verhalte mich neutral. Bedaure aber, dass er doch nicht früher gegangen ist. Ich sehe ihn nie wieder.
Während das Wartezimmer sich langsam leert, bleiben ein älteres Ehepaar, der dritte Mann und ich übrig. Smalltalk über dies und das. Ich habe das Gefühl, dass sie nicht sprechen wollen. Nicht mit mir. Das Gesicht der Frau kommt mir bekannt vor. Lebe in einer Kleinstadt, wo man sich begegnet. Kann nicht zuordnen. Irgendwie gelingt es mir aber die beiden immer wieder ins Gespräch mit einzubeziehen. Freundlich. Sie haben einen Fahrer – der dritte Mann – dabei, der geduldig erträgt und nicht drängt. Wir haben einen gemeinsamen Bekannten. Das Ehepaar und ich werden gemeinsam aufgerufen. Obwohl ich gebeten habe, dass das Ehepaar gerne vor mir behandelt werden dürfe. Es ist der ältere Mann der behandelt wird. Kontrolle. Die ältere Frau in Begleitung. Und der Fahrer. Zu Dritt. Was ein Aufwand. Oder Fürsorge. Schön. Mir eilt nicht. Schaue Schach. Schreibe weiter Kurznachrichten.

Ein Freund erzählte mir kürzlich, dass er während eines vierwöchigen Urlaubsaufenthaltes um die 13.000 Kurznachrichten geschrieben habe. Verrückt. Ich in hundert Minuten Wartezeit 139. Die Zahnarztpraxis habe ich mittlerweile verlassen. Kurze Zeit später wird Magnus Carlsen erneut Weltmeister im Schachspiel.

Yesterday

Veröffentlicht in 24. November 2018

Gedankenlos sitze ich am Frühstückstisch im Hotel. Einen Beutel mit einem Darjeeling-Royal-Second-Flush-Inhalt im Wasser hängend. Wartend Zitrone hinzuzugeben. Etwas Kandis. Manchmal auch Honig. Mancher Honig verändert den Geschmack des Tees. Zu honigig. Komisches Wort.

Drei Minuten oder so. Wenn ich wählen kann, entscheide ich mich gewöhnlich für einen Earl Grey. Den Grund kenne ich nicht. Gewohnheit. Vertrautheit?

Teekenner wenden sich kopfschüttelnd ab. Ist mir nicht wichtig. Kann durchaus entscheiden zwischen gut schmeckend und nicht so gut schmeckend. Dann bleibt es Warmwasser mit Färbung. Doppelt Zitrone. Extrem süßen. Geht auch das. So einigermaßen. Glücklich ist anders.

Toastbrot. Liebe es, wenn das geröstete Brot den Hals runterkratzt. Das Geräusch, wenn das Messer die Butter streichelt. In wenigen Fällen liefert ein Bäcker sein Handwerk. Meist sind es Industriewecken, die gefriergetrocknet des morgens in den Backofen geschoben werden. Aus einem farblosen Klumpen wird ein sonniges Frühstücksbrötchen. Allein der Geruch von Frisch-Gebackenem ist es wert. Aber essen? Glücklich ist anders.

Butter aus der portionierten Packung. Geht wohl nicht anders. Hygienevorschriften und so. Manchmal ist Butter auch in Eiswasser gerichtet. Selten auf einem Brett in Stücke geschnitten. Manchmal ist anders. Selten ist kaum mehr.

Honig mit der Butter zu einem Ganzen verbinden. Oder Nutella. Ja ich weiß. Palmöl. Wer Nutella isst, ist immer etwas Kind. So fröhlich unlogisch. Immer in Gefahr, dass im Mundwinkel etwas bleibt. Ahh… Sie haben da was. Ein Gespräch oder was?

Gedankenlos sitze ich am Frühstückstisch im Hotel. Die Musik säuselt vertraute Melodien aus den unsichtbar platzierten Lautsprechern. Leise. Berieselnd. Warum nur? Ist Stille störend? Unerträglich?

Oh, yesterday came suddenly.
Oh, gestern kam plötzlich.
Oh, I believe in yesterday.
Oh, ich glaube an gestern.

Eigentlich nein. Ich glaube an heute. Ich hoffe auf morgen. Und die Vergangenheit, das Gestern kann ich heute beeinflussen. Es bleiben allein die Bilder von gestern. Erinnern. Gut wenn schön.

Ein Ei esse ich auch. Meistens. Die Meisten sind etwas zu hart gekocht. Und Salz. Ja, etwas Salz darf nicht fehlen.

Weißer Fleck im Alltag

Veröffentlicht in 28. Oktober 2018

0797ec6b-1db0-44fd-ae5a-92529c220c67

Steinheim/Murr. Kreisstraße 1610.

Was ist denn das? Ein Rad am Straßenrand? Vergessen? Abgestellt? Angelehnt an einen Laternenmast.

Auffallend. Spezielle Farbe.

Es ist beabsichtigt, dass Menschen sich wundern. Innehalten. Nachdenken. Stehen bleiben.

Stehend. Wie das Fahrrad am Straßenrand. Ganz in weiss. Nicht nur der Rahmen. Auch Reifen. Speichen. Kette, Sattel und die Klingel. Alles.

An einem Herbst-Samstag verändert sich hier das Leben. Auto vs. Rad. Der Stärkere… lassen wir das. Mit Todesfolge.

Es sieht fast etwas gespenstisch aus. Wie das Rad so da steht. Auffallend eben. Das ist die Idee. Nennt sich Ghost Bikes. Geisterrad.

Die Uridee stammt – so die Vermutung – aus den USA, St. Louis im Bundesstaat Missouri.

Ghost Bikes sind kleine und düstere Gedenkstätten für Radfahrer deren Leben auf der Strasse bleibt.

Aufgestellt in naher Umgebung des Unfalls.

Umfahren, nicht umfahren. Wie es so platt heißt. Der 61jährige Radfahrer stirbt wenige Stunden nach dem Unfall. Der Unfallverursacher muss damit klar kommen.

Die Farbe Weiß hat keinen negativen Zusammenhang. Weiss ist die vollkommenste Farbe. Weiß steht für Licht.

Ghost-Bikes stehen und taugen nicht zu Anklage. Es geht nicht um Schuld. Dafür steht das Weiss.

Es geht nicht um Kritik an Autofahrern, am Auto fahren. Auch dafür steht das Weiss.

Das Ghost Bike steht als Zeichen für das jetzt. Das Leben. Dazu zählen leider schwere Unfälle.

Das Ghost-Bike steht für die Hoffnung die Rücksicht für schwächere Verkehrsteilnehmer zu erhöhen.

Je weniger Ghost Bikes desto besser.