Tore, Maria und Josef _ IV

Veröffentlicht in 24. Dezember 2020

Eine Weihnachtsgeschichte in sechs Teilen // Teil 4

Für Opa Tore wird es ein besonderer Tag werden. Seit langer Zeit wieder auf den geliebten Gleisen unterwegs zu sein. Schon früh am Morgen bemerkte Oma Geli seine fröhliche Grundstimmung. Nein, Opa Tore war kein Morgenmuffel. Aber so fröhlich „La-Paloma-pfeifend“ eben auch nicht.
Eine Redewendung die Opa Tore immer wieder, auf das Thema angesprochen, betonte. Hintergrund war eine in die Jahre gekommene Rasierwasser-Werbung.

Fröhlichkeit war ein Markenzeichen von Josef. Mit einem Lächeln war er in den Gängen des Region 90 unterwegs. Anfänglich Opa Tore zuschauend.
Es gab noch keine elektronischen Apps. Tickets hießen noch Fahrkarten. Hergestellt aus einem etwas festeren Papier in der Größe einer Tafel Schokolade. Mit einer Zange wurde eine Nummer und das Datum aufgedruckt und damit die Fahrkarte entwertet.
In Regionalzügen sind weniger Reisende unterwegs. Mehr Pendler die zur Arbeit fahren. Und Ausflügler aus der Region, die in diesen Tagen den Christkindlesmarkt in Nürnberg besuchten.
Ein Schaffner war immer einem bestimmten Zug zugeteilt. Und so waren Josef und Opa Tore mehrfach am Tag auf der Strecke Crailsheim – Nürnberg unterwegs.
Mit „Schön, dass Sie hier sind“, eröffnete Josef jedes Gespräch mit den Fahrgästen. Unkonventionell. Josef erntete ein Lächeln bei den Menschen. Und nur wenige schauten mürrisch oder in Gedanken versunken in ihre Tageszeitung oder aus dem Fenster. „Schön, naja … ich könnte mir einen schöneren Ort als hier im Zug vorstellen“, sagte ein Gast mit einem Lächeln. Meist ist der Kontakt von kurzer Dauer.
Bei aufkommenden Fragen war Opa Tore da und unterstützte Josef. Dieser war wissbegierig und lernte schnell die einfachen Dinge des Schaffner-Seins. Verkaufte am zweiten Tag bereits die ersten Fahrkarten. Das war damals noch gegen einen kleinen Aufpreis möglich. Kontrollierte selbständig – mit Opa Tore im Hintergrund. Am dritten Tag wurde er von den ersten Pendlern mit „Herr Josef“ begrüßt. Am vierten Tag begann Opa Tore im ersten Wagen. Josef im Letzten. Sie trafen sich in der Mitte. Es entwickelte sich ein kleiner Wettbewerb, wer schneller über der Zugmitte hinaus wäre.
Sie tranken löslichen Kaffee in den muffigen Bahnhofsräumen. Erzählten sich ihre Geschichten. Aus morgens wurde abends. Aus Mittwoch Donnerstag. Freitag und Samstag und Montag.

Josef’s Heimatland war Mauretanien. Da er in seinem Heimatland keine Perspektive für sich sah, machte er sich auf den Weg in ein fremdes Land, um Arbeit zu finden. Eine harte Zeit. Fern der Heimat. Einsamkeit. Einzig seine ihm geschenkte Fröhlichkeit bewahrte er sich. Als Schutz, sein Leben bewältigen zu können.

„In drei Tagen ist Weihnachten“ sagte Opa Tore und fragte weiter „Was wirst du machen, Josef?“.
„Ich habe es nicht so mit Weihnachten“, antwortete Josef. „Im letzten Jahr habe er gearbeitet. Im Jahr zuvor – weiß nicht mehr“.
Für Opa Tore schwer begreiflich, war doch Weihnachten für ihn immer ein besonderes Fest. Beginnend mit der Weihnachtsgeschichte, den Weihnachtsliedern, wie auch das Feiern mit der Familie. Bis auf ein einziges Mal, das sein Leben veränderte.

„Fahren wir am Donnerstag, dem Heiligen Abend noch eine Tour?“ fragte Josef bittend Opa Tore, „Das wäre für mich Weihnachten“. Wohl wissend, dass die Probewoche dann um einen Tag verlängert würde. Wissend auch, dass er von Opa Tore noch mehr abverlangen würde.

Opa Tore wollte am Heiligen Abend zuhause sein. Das wusste Josef. Einer Tradition folgend, geht die Familie dann gemeinsam zur Christvesper, dem Gottesdienst am Heiligen Abend.

„Wir fahren noch den Sechzehn-Achtunddreißig von Nürnberg nach Crailsheim. Dann ist Feier- ähhh Heiliger Abend“, sagte Opa Tore und wusste, dass er damit sein erstes Weihnachtsgeschenk verteilt hatte. Er habe es bereits mit Walter Mörskemper abgeklärt, fügte Opa Tore ordnungshalber noch hinzu.

Mit dem „Sechzehn-Achtunddreißig“ meinte Opa Tore den Zug mit Abfahrt 16 Uhr 38 in Nürnberg Hauptbahnhof. Fahrzeit eine Stunde. Ankunft 17 Uhr 38. Dann schnell nach Hause. Umziehen und ohne Hetze und Eile mit Geli das Weihnachtsfest einläuten. Das war Opa Tores Plan für den Heiligen Abend.

16 Uhr 38. Die Scheinwerfer erhellten das Gewölbe des Nürnberger Bahnhofes. 24. Dezember. Heiliger Abend. „Viiiieeeel weniger Menschen tummelten sich auf den Bahnsteigen“, erzählte Opa Tore weiter.
Der Lokomotivführer kündigte mit einem Pfiff die Abfahrt des Zuges an. Josef hinten. Opa Tore vorne. Schnell arbeiteten sich die Beiden durch die spärlich gefüllten Zugwaggons. Wer ist jetzt schon noch unterwegs? An den Haltestellen stiegen kaum weitere Menschen zu. Und es schien eine letzte Fahrt ohne Besonderheiten zu werden.

Wagentyp Silberlinge. Ungefähr in der Zugmitte saß noch eine Person. Opa Tore und Josef kamen ziemlich gleichzeitig bei ihr an. Die Sitze in den Waggons sind quer zur Fahrrichtung ausgerichtet. Dunkelrotes Lederimitat. Gepäckablagen aus grün-gold schimmerndem Metall trennen die Sitzgruppen optisch voneinander.
Immer wieder streute Opa Tore kleine Details seiner Zugkenntnisse in Geschichten ein. Unwesentlich für den Verlauf der Geschichte. Wesentlich, um sein Wissen zu teilen.

Eine junge Frau unterwegs zu ungewöhnlicher Uhrzeit an einem alles andere als gewöhnlichen Tag. Nichtsdestotrotz sagte Josef „Schön, dass Sie hier sind“. Wie immer in seinem fröhlichen Wesen und fragte die Reisende „Wohin des Weges?“ „Nach Bethlehem!“, antwortete diese mit einem Lächeln und hielt Josef die Fahrkarte zur Kontrolle hin.

Opa Tora atmete tief, räusperte sich kurz und nahm einen kräftigen Schluck ungesüßten Kräutertee aus der Porzellantasse.

„Bethlehem?“ murmelte Walter Mörskemper leise. Kaum hörbar. Während Opa Tore in seiner Erzählung innehielt.

Eine merkwürdige Stille der offenen Fragen füllte das Wohnzimmer. Josef? Walter? Die Reisende? War dies Maria? Knisternd. Lilli und Finn schauten gleichzeitig zu ihrem Opa Tore. Der tief in seinen Ohrenbackensessel zurückgelehnt saß. Fast schon versunken in ihm. Während eine dicke Träne auf seiner rechten Wange ihren Weg suchte.

Teil 5

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Tore, Maria und Josef _ III

Veröffentlicht in 19. Dezember 2020

Eine Weihnachtsgeschichte in sechs Teilen // Teil 3

Der Bahnhofsvorplatz in Crailsheim ist um diese Uhrzeit erstaunlich menschenleer. Die wenigen Menschen hetzen dick eingepackt in Richtung der Bahnsteige und zu den Bussen. Ein kühler Dezembermorgen. Die große runde beleuchtete Bahnhofsuhr ist Tempogeberin für die Menschen. Ein kleiner Blick und der Gang wird schneller oder langsamer, hektischer oder gemütlicher.
Tore blickte abwechselnd auf die Bahnhofsuhr und auf seine Armbanduhr an seinem linken Handgelenk. Ein Geschenk seines Vaters. Eine alte Gewohnheit.
Und sah immer wieder fasziniert, wie der Sekundenzeiger der großen Bahnhofsuhr zur vollen Minute kurz innehält.
„Dies bringt Ruhe in die letzte Minute und erleichtert die pünktliche Zugabfertigung“, sagte Opa Tore zu Finn und Lilli. „Der Sekundenzeiger läuft etwas zu schnell, so dass er zu jeder vollen Minute ca. 1,5 Sekunden stehenbleibt“.
Opa Tore freute sich sein Wissen teilen zu können. So ein typisches Opa-Wissen über kleine, feine, unnütze und trotzdem wichtige Dinge fürs Leben.
Wieder und wieder schaute Tore auf seine beiden Uhren. Fast ungeduldig.
07 Uhr 20. 07 Uhr 21. Zweiundzwanzig. Dreiundzwanzig.
Plötzlich war er da. Maurice Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya. Wie vom Himmel gefallen. Tore hat ihn nicht kommen sehen, obwohl er meinte alles im Blick zu haben. Mit einem fröhlichen „Guten Morgen. Schön sie zu sehen, Herr…“.
„…Tore, wir Eisenbahner duzen uns. Nennen uns beim Vornamen“, erwiderte Opa Tore nicht ganz so euphorisch wie Herr Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya. Aber liebevoll, mit so einem gutmütigen Opa-Lächeln.
„Was ich zum damaligen Zeitpunkt natürlich noch nicht war, nicht mal davon träumte“, schob Opa Tore seiner Geschichte hinterher. Ist er doch beinahe in seiner Erzählung in das Jetzt und Heute verrutscht.
„Josef“ sagte Maurice Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya.
„Josef?“, fragte Opa Tore ganz erstaunt.
Die beiden standen sich immer noch in der Dezemberkälte von Crailsheims Bahnhof gegenüber. „Komm herein in die gute Stube, Jooosseefff“ – er betonte es, wie wenn Finns Mama „Fiiiiinnnnnnnnn“ ruft, um ihn schnellstmöglich nach Hause zu bekommen.
Tore und Josef betraten den kleinen Personalraum. In jedem Bahnhof gibt es den. Ausgestattet mit keinerlei Luxus. Nur auf das Notwendigste begrenzt, damit Eisenbahner in jedem Bahnhof der Welt eine kleine Heimat finden. Es muffelte etwas, nach trockener Wärme und Menschenschweiß. Das Öffnen der Fenster zum Lüften schien in Vergessenheit geraten zu sein.
„Kaffee?“
„Gerne“.
Opa Tore entnahm jeweils einen Löffel eines löslichen Kaffeepulvers aus der Verpackung, leerte dieses in eine Porzellantasse und goss heißes Wasser darüber.
„Danke. So ein warmer Kaffee tut gut“ sagte Maurice oder Josef, wie auch immer jetzt sein Name war. Und hielt mit beiden Händen die Tasse umschlungen, um sie zu wärmen. Das hat die Wichtigkeit, wie das Trinken selber. Wärme für innen und außen.
Opa Tore telefonierte kurz mit Walter Mörskemper und informierte ihn, dass der Neue da wäre. Es war still im Raum, einzig die einzelnen Anschläge der Schreibmaschine durchbrachen diese. Opa Tore tippte im Ein-Finger-System das Namensschild, das sich jeder Schaffner an der Uniform zu befestigen hat. Häufig der Grund dafür, dass sich unzufriedene Bahnreisende lauthals namentlich über Schaffner beschweren können.
Da Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya deutlich zu lang war, tippte Opa Tore die einzelnen Buchstaben J O S E F für Josef auf das kleine Papierkärtchen, das dann in ein metallenes Namensschild eingeschoben wurde. Eine Sorge weniger. Selbst Oma Geli hatte er in seine Gedanken eingeweiht. Hatte sich doch Opa Tore tagelang überlegt, wie er Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya hätte kürzen können damit der Name auf das Schildchen passte.
Es ist gut, dass sich manche Dinge von selbst erledigen, dachte Opa Tore dankbar über seine Gehirnanstrengungen nach.
Opa Tore erklärte Josef die heutigen Aufgaben. Josef hörte andächtig zu. Fragte dies und das und sogar jenes. Und Opa Tore hatte immer eine Antwort parat. Die beiden waren so geschäftig, dass Opa Tore sich keine Gedanken mehr darüber machte, wie es zu dem Namenswechsel Maurice zu Josef und umgekehrt kam.
Kurz vor viertel-nach-zehn standen Tore und Josef am Bahnsteig um auf den Regio 90 nach Nürnberg zu warten. Pünktlich fuhr die dunkelrote Diesellokomotive in den Bahnhof ein.

Teil 4

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Tore, Maria und Josef _ II

Veröffentlicht in 15. Dezember 2020

Eine Weihnachtsgeschichte in sechs Teilen // Teil 2

Opa Tore schnäuzte sich die Nase. Es war kein einfaches Schnäuzen. Opa Tore zelebriert es. Sehr zum Ärger von Oma Geli. Es klingt wie wenn die Tuba im Posaunenchor neben dem üblichen Brum-Brum-Basston zu einem Solo ansetzt und im Gesang der Trompeten endet. In der Lautstärke, dass die Vasen aus Keramik auf der Fensterbank zu vibrieren beginnen.

„Josef“ stand plötzlich vor der Bürotür von Opa Tore.

Die Beine haben nicht mehr mitgemacht, deshalb war Opa Tore nach vielen Jahren als Schaffner in den Innendienst versetzt worden. 

„Ich möchte Schaffner werden“, sagte er zu Opa Tore – mit einem Strahlen im Gesicht, das an ein Kind erinnert, das auf den Kuchen noch einen Löffel frisch geschlagene Sahne bekommt. Josef legte seinen Reisepass auf den Tisch. „Die Bewerbungsunterlagen.“ 

Opa Tore setzte seine Lesebrille auf. Während er den dunkelblauen Pass öffnete, saß Josef ihm gegenüber. Mit einem Strahlen im Gesicht. Einem Strahlen, das selbst auf dem Passbild erkennbar war. Einer Vorschriften entsprechend, soll das Passbild biometrisch sein. Da ist ein Strahlen nicht vorgesehen. Nicht so bei Josef.

„Maurice Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya“ murmelte Opa Tore vor sind hin, den Familiennamen ablesend.

„Wie hieß der“, fragte Finn nach. „Maurice“ die superschlaue Lilli. „Ich meine mit dem Familiennamen“. Finn bemerkte wie Opa Tore große Mühe mit dem Aussprechen dieses zungenbrechenden Familiennamens hat.

Ähmmm, „Herr Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya“ und Opa Tore dachte dabei schon an das Namensschild das jeden Schaffner schmückt und von unglaublicher Länge sein musste.

„Wieso wollen Sie Schaffner werden?“, ein Beruf der in den letzten Jahren aufgrund der Automaten und Apps etwas in Vergessenheit geraten ist. „Ich möchte Menschen helfen, ihren Weg, ihre Verbindung zu finden.“ Im ersten Moment dachte Opa Tore: was für ein Vogel. Wenn Menschen an ein Gespräch mit Schaffnern denken, fällt ihnen als Erstes „Ihre Fahrkarte bitte“ ein.

Opa Tore erzählte in blumiger Sprache von der Schaffner-Romantik und erklärte den Weg der Berufsausbildung. Die Beiden klärten dies und das und am Ende schlug Opa Tore dem Herrn Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya ein einwöchiges Praktikum vor. Herr Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya sagte ohne mit den Wimpern zu zucken zu. „Ich melde mich schnellstmöglich wegen dem Termin bei Ihnen“.

Herr Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya verabschiedete sich von Opa Tore mit einem noch fröhlicheren Lächeln. „Ich dachte schon, jetzt will er mich umarmen“. Eine Geste die in der damaligen Zeit völlig unmöglich gewesen wäre. 

Opa Tore musste nun unbedingt zu Walter Mörskemper. Er wollte Maurice Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya nämlich während dieses Praktikums begleiten. Und Walter Mörskemper, als Ausbildungsleiter, musste Opa Tores Plan zustimmen. Mal wieder raus in den Zug zu den Menschen, darauf hatte Opa Tore gehofft.

„Opa Tore, die Geschichte ist völlig unlogisch“ sagte Finn, während Oma Geli eine frische Kanne honiggesüßten Kräutertee auf den Tisch stellte. „Josef, Maurice – was denn nun?“ 

„Geduld, meine Lieben“. Er streckte sich kurz, die Arme weit ausbreitend, in seinem Backensessel.

Es gibt für einen Erzähler nichts schöneres als solche Fragen. Die Ungeduld und die Neugierde steht den Zuhörenden ins Gesicht geschrieben. Eine Geschichte, die in den Bann zieht. Und es kommt nicht selten vor, dass sich Erzähler so in die Geschichte hineinsteigern, dass sie selbst zum Teil dieser werden. Opa Tore sah in seinen Gedanken Finn und Lilli schon im Zugabteil sitzen und Herr Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya die Beiden „Ihre Fahrkarten bitte!“ fragen.

„Bist du dir sicher Tore?“, als Opa Tore Walter Mörskemper in seine Pläne einweihte. Opa Tore und Mörskemper kannten sich seit gefühlt hundert Jahren. Unter Kollegen spricht man selten von Freundschaft. Opa Tore und Walter aber waren Freunde. „Walter, ich weiß, es ist nicht der übliche Weg. Aber irgendwie habe ich da ein besonderes Gefühl“. „Wenn du meinst“ meinte Walter Mörskemper weiter, aber „deine und unsere Arbeit darf nicht darunter leiden“. Es waren gut gemeinte Worte. Mörskemper vertraute Opa Tore. Er trug schon den einen oder anderen Alleingang von Opa Tore mit. 

Opa Tore nahm sein Diensttelefon in die Hand und wählte die Nummer von Maurice Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya. „Herr Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya, wir treffen uns am Mittwoch, den 16. Dezember. 7 Uhr 30 am Personaleingang vom Bahnhof in Crailsheim. Wir fahren dann um 10:20 mit der Regio 90 nach Nürnberg“. Um der Ansage mehr Bedeutung hinzuzufügen, sagte Opa Tore „Bitte pünktlich sein!“.

Dass die Eisenbahn nach dem Volksmund eher unpünktlich ist, ärgerte Opa Tore schon immer. Es sind die äußeren Umstände, nicht wir Menschen die bei Zeitverzögerungen Ausschlag gebend sind.

Opa Tore hält kurz inne. Trinkt einen kräftigen Schluck Kräutertee und greift in die Dose mit dem Weihnachtsgebäck. 

Etwas früher, bereits um viertel nach sieben stand Opa Tore vor dem Personaleingang. Ein kühler Morgen. So ein typischer Dezembertag. In seinem schicken Schaffner-Anzug, den Oma Geli so an ihm liebte. „Schicke Männer tragen Uniform“ so Oma Geli. „Es waren andere Zeiten als heute“. Opa Tore wartete auf Maurice Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya. 

Wird er da sein? Wie wird der Tag werden? Wird es ein Fiasko werden? Wird die Freundschaft zwischen Walter und Opa Tore diese Tage überleben?

Teil 3

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Tore, Maria und Josef _ I

Veröffentlicht in 13. Dezember 2020

Eine Weihnachtsgeschichte in sechs Teilen // Teil 1

„Und Maria wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe. Denn sie hatten sonst keinen Platz in der Unterkunft gefunden“ äfft Finn seine Oma Geli nach. Omas Stimme kann Finn so gut nachmachen, dass selbst seine Mutter einmal hereingefallen ist. „Ist doch immer die gleiche Leier, Oma“. „Ja“, meint selbst Lilli. Und Lilli ist Oma-Fan. Lilli liebt es wenn Oma Geli Geschichten vorliest. Mit ihren fünf Jahren klar. Vermutlich sind alle Fünfjährigen Oma-Fans. Und natürlich auch Opa-Fans. Doch Opa Tore ist kein Vorleser. Er bringt es nicht übers Herz, immer dieselben Geschichten zigmal vorzulesen: eben das, was Finn bemängelt. Inkonsequent, weil Finn das Buch der Maulwürfe mehr als auswendig konnte und Opa trotzdem immer und immer wieder die Stelle, als der Maulwurf mit dem Specht Freundschaft schloss, vorlesen musste. Bis es Opa Tore irgendwann zu bunt wurde (dabei war es nicht einmal ein bunt-Specht). Opa Tore klagte über schlechtes Sehen und war raus aus der Vorlesenummer. Oma Geli ihrerseits liebt es. Win-Win-Situation wie man heute so gerne dazu sagt.

„Na gut“, sagt Oma Geli und schlägt das Lukas-Evangelium zu. Eigentlich schließt sie die Bibel. Aber es ist die Weihnachtsgeschichte aus Lukas 2. Naja – so Pfarrer-Gedöns halt.

„Und jetzt?“ fragt Lilli enttäuscht. „War’s das für heute?“ Es ist kurz ganz still im Raum. Selbst Opa Tore schaut aus seinem Sessel auf. Oma stellt die alte Familienbibel zurück in das Bücherregal. 

„Die Weihnachtsgeschichte gehört zu Weihnachten. Man kann sie ruhig immer wieder, Jahr für Jahr lesen“ sagt Oma, gütig wie Omas eben sind, und fängt die knisternde Stille mit „es gibt noch Zimtsterne“ auf. „Oh fein“, sagt Lilli und auch Finn greift in die tiefe Steinschale gefüllt mit allerlei Gebäck. Eines besser als das andere. 

„Ich hatte mal einen Kollegen, der hieß Josef“, sagt plötzlich Opa Tore aus seinem Backensessel heraus. Backensessel, auch Ohrenbackensessel genannt, haben höhere Rückenlehnen mit flügelartigen Backen am oberen Ende. Das entspannt Kopf, Schulter und Nacken beim Sitzen – und ist bestens geeignet für ein Nickerchen – zu jeder Tages- und Abendzeit. „Josef stammte ursprünglich aus Mauretanien. Irgendwo in Afrika. Josef war schwarz wie die Nacht“. „Opa Tore“ raunt Finn ihn an, „so was sagt man heute nicht mehr“. „Er war aber schwarz und das ist auch nicht böse gemeint“, rechtfertigt sich Opa Tore aus seinem Sessel heraus.

„Und jetzt rate mal, wie Josefs Ehefrau hieß?“ fragte Opa. Und bevor Finn, Lilli oder Oma Geli antworten konnten: „MARIA -, ja die hieß tatsächlich Maria“ und lacht dabei. „Maria, ja Maria“, Opa Tore wiederholt sich gerne so, als ob er nicht gehört wurde. Oder er betont es als Verstärker, was für ein Wortspiel ihm gelungen ist. „Wie Maria und Josef in der Weihnachtsgeschichte“, strahlte Lilli über das ganze Gesicht. „Ja Lilli“, sagt Finn und macht dabei seine Stimme um zwei Jahre jünger. Er will Lilli als kleine Schlaumeierin darstellen. Was Lilli natürlich auch ist. Etwas, was Finn hin und wieder ärgert und es deshalb auch kleine Reibereien gibt.

„Und das kam so“ geht Opa Tore dazwischen, bevor Lilli was erwidern kann. Kurz hält er inne, um sich mit einem Taschentuch aus Baumwolle die Nase zu schnäuzen.

Teil 2

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Das 0 6 Desaster.1

Veröffentlicht in 5. Dezember 2020

Knowledge

Unlängst verlor Deutschland im Fußball null zu sechs gegen Spanien. Ein Desaster. Und wie Phönix einst der Asche entstieg, alle wieder da. Wie im Frühling die Vögel. Millionen von Bundestrainern. Jede:r weiß viel – nahezu alles. Auf jeden Fall alles besser als Joachim Löw. Der vertragsmäßig der Bundestrainer ist. Erfolgreich und geliebt bei Siegen. Aus unserem Jogi wird Joachim. Klingt fremdlich, wie wenn Mutter ihren Jungen abends von der Straße ruft. Dieser verwirkt. Am Ende? Austauschen? Namen werden gehandelt. Wie ein Lauffeuer verbreitet, obwohl bei den Stammtischen dieser Welt Pandemie bedingt der Zapfhahn still gelegt ist. Soziale Medien ersetzen dieses Urgestein der manchmal einfachen und deftigen Sprache. Ohne Bier. Dieses fehlt um die Bitternis zu filtern. Der Stammtisch auch. Danach ist wohler. Nicht umsonst prosten Menschen sich „zum Wohle“ zu.

Ich war kein besonders guter Schüler. Aus der Not den naturwissenschaftlichen Zug gewählt. Mit Physik, Chemie und Biologie. Und mehr Mathe. Immer in der letzten Stunde. 45 Minuten. Wie auf den Bus warten. Vermutlich war es nicht richtig, Aber alternativlos. Der fremdsprachliche Zug mit englisch, französisch und lateinisch , später spanisch…. lassen wir das. Ein Desaster.

In den letzten Tage las ich mehrfach Meldungen, dass ein Impfstoff zur Abwehr des Covid19-Virus gefunden wäre. Ein Durchbruch.
Für manche Menschen Hoffnung. Manche Menschen meinen ein weiteres Desaster verfehlter Politik, Freiheitsberaubung und staatlich gewollter Bevormundung.
DNA. mRNA. Es wird von Rolling-View-Verfahren gesprochen. mRNA steht für Messenger-Ribonukleinsäure. In meinem Leben noch nie gehört. Bin ich allein?
Menschen fachsimpeln. Wissen gefühlt über Nebenwirkungen alles. Die Molekularstruktur. Die Art der Lagerung. Transport. Wirkungsgrad und notwendige Menge für’n Durchschnittsmenschen. Woher?
Bier hat übrigens auch Nebenwirkungen und sollte am besten kühl gelagert und konsumiert werden. Aber nicht zu kühl sonst gilt es stauchen (für die Bier-Gegner:innen und Unwissenden: erwärmen z.B. das gefüllte Bierglas in richtiger Dosis in Warmwasser stellen. Nur kurz, sonst ist das Bier schal!).

Und ich denke LEUTE WOW. Wie klug. Was’n Wissen. Gefühlt klüger oder mindest wie die Personen, die sich seit Jahren damit beschäftigen. Womöglich ein abgeschlossenes Studium haben. Anlesen. YouTube-Video infiltrieren. Apropos Video, schon hilfreich. Ohne hätte ich diesen Sommer mein Fahrrad nicht zusammenbauen können. Aber Wissenschaft. Verständlich machen?
Nein – ich will niemand verunglimpfen. Steckt impfen drin. Jede:r blamiert sich auf seine Art und Weise.
Mein schulisches Restwissen reicht kaum kluge Inhalte zu einer Konversation über das Paarungsverhalten von Eichhörnchen beizutragen. Geschweige über mögliche Konsequenzen dessen. Normale Schwangerschaft? Nest? Schlüpfen gar aus Eiern die jungen Dinger. Keine Ahnung.
Auch nicht von DNA. Nicht von mRNA. Bin ich Außenseiter im weiten Feld der Bundesvirolog:innen? OK, ich könnte youtuben.

Ganz ehrlich – ist mir JUCKE.
DENN: Ich habe Vertrauen in die, die es besser wissen. An die Wissenschaftler:innen. Die Politiker:innen. Und an den Bundestrainer. Warum? Sie wissen etwas was ich nicht weiß – nämlich mehr.

Anmerkung 06.12.2020

In einem lesenswerten Artikel der Süddeutschen Zeitung „Wie man Besserwisser zum Schweigen bringt“ vergleicht der Autor Sebastian Herrmann ebenso Hobby-Virologen mit den paar Millionen Bundestrainern. Mein SeiterBlick und dieser Artikel sind unabhängig – denke ich ;-) – voneinander entstanden. Einen Satz möchte ich gerne zitieren „Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten sind voller Zweifel“. Dieser Satz wird dem britischen Philosophen Bertrand Russell nachgesagt.

Arizona

Veröffentlicht in 29. Oktober 2020

Herbst. Ich trage wieder Birkenstock’s an meinen Füßen. Ist Füße richtig? In der schwäbischen Sprache verwendet man Worte gelegentlich in einer anderen Form, die für Missverständnisse sorgen kann. Gilt nicht wenn sich nur Schwäbinnen und Schwaben unterhalten sollten.

Also Schuhe. Von Birkenstock. Mal wieder? Über Jahre hinweg hatte ich genug davon. Nicht in der Menge. Es war nicht die Zeit. Es war nicht mehr meine Zeit diese Art von Schuhen zu tragen. Abstoßen, das was für viele Jugendjahre „State-of-Art“ war. Ob geschlossen. Mit Riemen. Eins, zwei oder dreien. Hinten geschlossen oder offen. Breit schmal. Leder Filz. Arizona oder Boston. Wie sie heute noch heißen.
Ich trug sie. Klar bequem. Aber es war so eine Ansage. Ein Lebensgefühl. Ein Statement. Hippiesandalen. Hinter einem Menschen mit liebevoll „Birkis“ genannt an den Füßen war ein gewisses Bild gemein. Gelassen. Eher christlich orientiert. Eher langweilig. Sexy-Faktor 0. Die Grünen wurden 1980 gegründet – was wurde davor gewählt?
Ich erinnere mich an Poster mit „Birkenstock-Business“ in Chef-Büros. Hier durften Menschen beim Eintritt auf eine Gütigkeit hoffen. Ich erinnere mich an einen Notar, der genau dieses Bild widerspiegelt, in seinem Chaosbüro voll mit Pflanzen, alten Schreibmaschinen und Modellautos. Trotzdem war ich gerne dort. Umgeben vom Charme der Gesundheitslatschen. Bis eines Tages auch der Notar, die dann den Markt beherrschende Crocs an den Füßen hatte. Kunststoffschuhe. Leuchtend bunt. Schnelltrocknend, wenn du durch den Matsch des Zeltplatzes schreitest. Eine kleine Welt bricht zusammen. Und ich wechsle auch das Schuhwerk.

Irgendwann verschwinden meine beiden Sandalenpaare – #1 mückenblutfarbiges Wildleder offen mit zwei Riemen und #2 geschlossen mit karamellbraunem Leder – im Nirwana des Schuhregals. Verstaubt. Zusammengefallen. Fristen beide ihr Dasein hinter Spinnweben und alten öligen Kartonagen. An eine Entsorgung nicht erinnernd. Und suchen? Ne. Ich vermisste, vermisse meine Birki’s nicht.

Die Wiedergeburt. Berühmte Menschen beginnen Birkenstock’s oder sagt man Birkenstöcke (?) zu tragen. Eine Schauspielerin sogar bei der Oscar-Verleihung. SchwuppdiWupp von Hippie auf Hip.

Mhhh…. ne. Nicht auf jeden Zug aufspringen. Auf einmal wieder mit Birki’s auftauchen. Ne. Auch nicht mein Ding.

Es vergehen weitere Jahre. Bis meine Blicke auf eine Limited Edition (das fieseste was Industrie machen kann um das muss-ich-haben-Gefühl zu erzeugen) mit einer farbig-auffallenden Sohle fallen. Oh. Schön. Es könnte mal wieder Zeit werden für Birkis, denke ich mir. Höchste. Und so unter uns – tragen tun sich die Dinger schon verdammt gut.

Jetzt wenn Winter kommt. Dicke Socken an. Füße hoch. Kerzenlicht, Kekse und warme Getränke. Es könnte gemütlich werden – in Arizona, äh mit.

SOMEWHERE OVER THE RAINBOW

Veröffentlicht in 27. September 2020

Es kommt die Zeit, da musst du raus. Das innere Verlangen. Der Anflug von Unzufriedenheit. Den Ablauf des Tages zu kennen. Und das Finale. Und den Ausgang. Bereits am Mittag. Und du änderst nichts. Und am Abend war es genauso, wie du es dir vorgestellt hast. Bereits am Mittag. Es geht nicht um gut oder nicht gut. Es geht um den Drang nach draußen.

Freitag war es soweit. Dem Plan folgend. Wenn überhaupt Plan. Dinge erledigen. Abhaken. Wohl wissend, dass neue Aufgaben entstehen. Auch daraus. Arbeit geht nie aus. Was ein Wortspiel. Und „fertig“ sein – nein auch unvorstellbar.
Und JA. Ich habe sie noch. Die To-Do-Liste. Sogar zwei. Zwecks des Vergessens. Der Angst etwas nicht zu erledigen. Nicht rechtzeitig. Nicht zu vertrauen darauf, dass jemand anderes mitdenkt. Reminder. Klar. Wenn ich einen Anspruch habe, dann darauf. Zuverlässig. Vertrauensvoll. Nicht der Typ sein, dem man immer hinterher rennen muss. Nein, das bin ich mit Sicherheit nicht. Meine ich.

Und in dieser Zerissenheit, den Freestyle des Lebens finden.

Freitag war es soweit. Kurzfristig meine sieben Sachen gepackt. Nein. Gewiss kein Abenteuer. Die Strecke nach Bad Wildbad – dem Enztalweg folgend – kenne ich zur Genüge. Musste nichts denken. Rechts – links – rechts. Ich mag ihn. Überschaubar und mit der Bahn zurück. So’n Nachmittag-Trip.

Das Wetter-App sagt kein Regen. Und liegt falsch. Eine Regenjacke habe ich nicht eingepackt. Geht trotzdem – und komme ziemlich trocken an. Irgendjemand meint es gut mit mir. Vergelts Gott!

Von Bietigheim-Bissingen Bahnhof zurück nach Hause. Auf dem Bahnhofsvorplatz Regen. Umtriebige Menschen flüchten unter die Vordächer. Ich fahre los. Plötzlich Sonne und Regen. Ich bleibe stehen. Was absolut keinen Sinn macht. Wenn schon nass, dann durchziehen. Weiterfahren. Die Wegezeit kurz halten. Ich bleibe stehen. Lehne mein Rad an einen Baum. Hole mit klammen kalten Fingern meinen Foto aus der Tasche. Den Moment festhalten. Bizarr. Der Regenbogen. Die Sonne mit letzter Kraft bevor sie hinter den Wolken in die Nacht verschwindet.

Israel Kamakawiwi’ole singt „and I think to myself, what a wonderful world„. Ja.

Plitschnass fahre ich die letzten Kilometer nach Hause. Summe die Melodie. Es war ein guter Plan nach draußen zu gehen. Und stehen zu bleiben. Innehalten. Und ich träume davon, dass „and the dreams that you dreamed of, dreams really do come true“.

Die Regenjacke soll Standard werden. Es ist Herbst. Es wird unberechenbar. Freestyle Wetter. OK. Ein- und verstanden.

Eier

Veröffentlicht in 18. August 2020

Ich sitze am Küchentisch. Das große Fenster ermöglicht mir den Blick auf meine Straße. Ich sitze nicht dem Fenster zugewandt. Aber eine kleine Kopfdrehung nach rechts verschafft mir Überblick über einen kleinen Bereich „meiner“ Straße. Eine Straße in der wenig los ist, bis gar nix. Ich wohne gerne hier.
Alles im Rhythmus. Ich sehe Menschen die zu sehr ähnlichen, fast gleichen Zeiten durch die Straße laufen oder aus ihren Garagen heraus kurven. Täglich. Außer Sonntag.
Nicht dass ich das Super-Eye bin, der alles abspeichert und spioniert. Aber ich habe ein Gefühl und ein Erinnerungsvermögen für Wiederholungen. Manche Menschen nennen es Rituale. Obwohl ich mir nicht sicher bin ob Menschen Automationen als Rituale wahrnehmen. Da eher unbewusst. Und freue mich daran. Selbst wenn eine lange Zeit dazwischen sein sollte. Und ich vermisse es, wenn solche Abläufe unterbrochen sind, gar enden.
Die Mutter, die dem Kind auf dem Weg zum Kindergarten hinterherrennt. Die Frau mit ihrem Hunden und den schwarzen Adidas-Turnschuhen mit pinker Sohle. Menschen auf dem Weg zum Einkauf (P. dreimal täglich immer den Korb unterm rechten Arm eingeklemmt). Und vieles andere mehr.

Alles außerhalb dieses von mir gespeicherten Ablaufes fällt zumindest auf. Was in Dorfgemeinschaften ja auch negativ ausgelegt werden kann. Positiv ist, dass man auf sich gegenseitig aufpasst.

Kommt diese Pärchen angeschlichen. Also Mann und Frau. Beide jünger. Keine Ahnung ob sie es sind, ein Paar meine ich. Kurzer Blickkontakt. Wer darf, besser muss. Der Mann. Sie läuft weiter. Wie Zeugen Jehovas sahen die beiden nicht aus. So zwischen leger gekleidet und ungepflegt.

Ich wusste natürlich schon was jetzt kommen wird. Nur nicht inhaltlich. Verstecken zu spät. Er stolpert in Richtung meines Fensters. Mustert mich und greift sich mit der linken Hand an seine Eier. Also sein Gemächt, die äußeren Genitalien des Mannes.
OK. Tief durchatmen. Keine Ahnung ob das eine tiefenpsychologische Bedeutung hat. Verarbeiten von Unsicherheit. Oder „du Arschgesicht“. Oder „Scheiss-Job.“ Als Gesprächseinstieg eher ungeeignet. Dementsprechend reserviert war ich.
ER: Erzählt was von Zirkus und Corona in saloppen traurig fröhlichen Worten. Und streckt mir, vermutlich, seinen abgelaufenen Schülerausweis entgegen. Landläufig die Legitimation um an fremden Türen zu klingeln. So von der Dauer von maximal 3 Sekunden.
ICH: Bin ebenfalls von Corona gebeutelt, erwidere ich ihm. Kurz und knapp. Manchmal habe ich – je nach Lust und Laune – eine Strategie von möglichen Antworten auf Fragen. Auch gerne mal abwechseln und ausprobierend. Meist freundlich.
ER: Wir bieten auch Hilfsarbeiten wie Maler- und Gartenarbeiten an.
ICH: Zucke mit den Schultern. Macht mein Problem nicht kleiner. Klingt egoistisch, aber er versteht was ich meine mit Geldspende und so. Und das hier nichts zu holen ist.

Er dreht sich weg und macht noch einen kleinen skeptisch kritischen abfälligen Rundumblick. Ich überlege noch kurz ein freundliches aber bestimmtes „ich möchte keine Ziege in einem Piss-Zirkus sein, der vor drittklassigen Möbelhäusern und Festplätzen von Kack-Dörfern ihr Dasein verbringen muss. Mein Verständnis von Leben ist ein anderes“ hinterher zurufen.
Lass es dann aber doch lieber sein. Das Business des Klingelns an fremden Haustüren des Geldes wegen, ist eine miese menschenunwürdige Aufgabe. Und der Griff an die Eier, maximal in der Manege eine billige clowneske Aktion für einen billigen Lacher vor billigen Menschen.
Ich schaue aus dem Fenster. Heute ist ruhig. Bisher.