60.

Veröffentlicht in 8. November 2021

Es ist ein paar Jahre her. Ein paar viele sogar. Denke irgendwo in den 80er. Verdamp lang her (BAP 1981 veröffentlicht). Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich mich gedanklich ins Jahr 2021 begebe. WOW. Im Jahre 2021 wirst du 60 Jahre werden. Wenn nicht vorher etwas unvorgesehenes passieren sollte. Woran man nicht denkt. Und ist nicht – wie ich jetzt dankbar erleben darf. 2021. Unvorstellbar weit weg. Es sind nicht die Fragen nach dem Leben in 2021. Nicht der Weg dahin. Nicht wie schnell etwas vergeht und/oder auch nicht. Einfach Fakt. Da bist du sechzig. Aber das ist ja noch lange hin. Mach dir keinen Kopf.
November 2021. Meine Lebensgeschichte schreibt sich weiter. Wurde nicht gebrochen. Der Gedankensprung von vor Jahren ist Wahrheit. Und ich freue mich drauf Tag für Tag und nehme dankbar an. Next Step im Leben. Irgendwie schon. Kein Großer – nur eine Zahl die sich ändert. Klingt so anders. Höher. Die hohen und kleinen Hürden sind gemeistert. Während die neuen Herausforderungen am entstehen sind. Unvorsehbar – was gut ist und mir entspricht. Ist so, sagen Menschen die mich kennen. Ist so – mein Credo. Ich bin schwer zu planen. Wenn überhaupt planbar. Irgendwann früher habe ich gesagt, dass das Nächtigen mit einem Zeltdach über dem Kopf Geschichte ist. Heute schlafe ich lieber unter freiem Himmel. Leider viel zu wenig. Das war nicht die Idee dieses Ur-Plans. Das wurde. Darauf vertraue ich. Gestärkt durch Menschen. Begleitet durch meinen mir eigenen Glauben. Ein Geschenk.
Achja das Leben. Irgendwie schon was besonderes. Schon immer. Für immer. Sechzig. Als Münchner Löwe möglicherweise ein Traumtag. Als Weiss-Roter wären das noch stolze weitere dreiunddreißig Jahre. Lange Zeit. Vorstellbar? Keine Gedanken daran verschwenden. Annehmen wie ein Geschenk.
Heute noch neunundfünfzig. Morgen kommt. Und wird.

»Ich weiß, dass ich ein Glück erlangt habe, das ich nicht verdiene, und das ich mit nichts in der Welt vertauschen möchte.«
Schlusssatz von Goethes »Wilhelm Meister«

Der Kuchen und das Messer

Veröffentlicht in 23. Oktober 2021

Wenn ich gefragt werden sollte nach meinem Lieblingsessen, könnte die Antwort Kuchen lauten. Könnte klingt etwas fern. Ich habe ja auf möglich Fragen nicht vorgefertigte Antworten parat. So eine Art Standardsatz-Monster mit Funktionstaste auf Abruf. Kuchen? Ja Kuchen ist doch nicht wirklich ein Essen. Spätzle mit Linsen. Federnde Kartoffelknödel (die springen wirklich minimum eine Messer- oder Gabellänge, wenn du sie auf den Boden wirfst) mit Soße und Rotkraut gut durchgekocht. Aber Kuchen? Es gibt ja unterschiedliche Kuchen. Den Nachtisch-Kuchen, den Kaffee-und-Tee-Kuchen und den Kuchen-Kuchen. Hier ist mein absoluter Liebling der Salzkuchen. Schwäbisch natürlich. Ein Hefeteig wird ausgerollt und dann mit einer Mischung aus Sauerrahm, Ei, Mehl, Salz, Kümmel und Schnittlauch bestrichen und dann gebacken. Der Rand schön kross. Nicht labbrig. Auch ein einzelnes Stück sollte von alleine stehen können und nicht in sich zusammenfallen. Das hat was mit der Würde des Kuchenstückes zu tun.
Die Tage war ich in der Bäckerei, in der es genau diesen Benchmark Salzkuchen gibt. Für sich alleine stehend. Feste Masse an Sauerrahm-Ei-Gemisch mit Salz. Ein wenig Kümmel. Ich bestelle immer zwei Stück. Auch wenn ich für mich alleine einkaufe. Der Grund ist die Vorfreude, wenn das eine verzehrt ist, hast du noch den Joker.
Ich also: »Hätte gerne 2 Stück Salzkuchen. Bitte.«.
Ich höre, wie die eine Verkäuferin die andere Verkäuferin fragt, welches Messer sie nehmen solle.
Ich mache mir in meinem Leben über dies und jenes Gedanken. Möglicherweise zuviele. Aber das war Neuland. Klar, willst du an deinem Salzkuchen kein schokoladiges Geschmiere einer Schwarzwälder Kirschtorte. An selbiger keine Reste einer Zwetschge. Und ein gekocht-verbackenes Zwiebelstück am Apfelkuchen hängend, fällt zwar im ersten Moment nicht auf – isst sich doch eher ungewöhnlich.
Mich begeistert, wenn Dinge mit Hirn erledigt werden. Unscheinbar. Selbstverständlich. Ohne dass ich mir darüber je Gedanken gemacht habe, machen werde. Übrigens Quiche ist nicht mein Ding. Schon dass aussprechen an der Bäckerei-Theke würde mir schwerfallen. Ein Kuchen wird nicht besser, wenn alles drin ist. Und der Stolz des Gesundheitsaspektes wenn die Gelbe Rübe (Möhre) zwischen Rahm und Grünzeug hervorlugt, macht weder den Kuchen noch mich glücklicher.

ds Indien

Veröffentlicht in 25. April 2021

Nimmt das kein Ende mit dem „bad news entertainment“. Muss ich am Ende gar einen Apfelbaum pflanzen? Wie es Martin Luther angekündigte auf die Frage, was er machen würde wenn morgen den Welt untergehen würd

Eine neue Mutante nimmt Fahrt auf. Menschen mit Ahnung – ich vermeide hier bewußt den Begriff des Experten, da ich die Expertinnen nicht ausschließen möchte, und von Expertinnen und Experten zu schreiben oder diese Kürzel Expert:innen oder mit Sternchen, wie ich es sonst häufig machen – STOP HALT darum geht es jetzt nicht.
ZURÜCK. Also wenn Menschen mit Ahnung von „Doppel-Mutanten“ sprechen, wird mir irgendwie schwummrig.
Es klingt so doppelt gefährlich – und eigentlich möchte ich mein Denken nicht damit belasten. Klingt wie ein Schritt zurück. Und mein Denken Ist ausgelastet genug.
Es soll aus Indien kommen.
Ich war noch nie in Indien. Werde wohl Indien niemals bereisen. Das hat mit dem Land selber wenig zu tun. Nichts mit den Menschen, die in Indien leben. Indien interessiert mich nicht mehr. Ich habe es von meiner Bucketlist gestrichen. Es war mal drauf. In anderen Zeiten. Heute scheint mir Anderes erstrebenswerter, erreisenswerter.

Menschen mit Ahnung sagen jetzt, man sollte schnellstmöglich die Flugverbindungen nach Indien kappen.
Frage ich? Wieso ist das nicht längst gemacht? Kann das einfach so hinterfragen, da ich keinen Bezug zu Indien habe. Vielleicht auch niemals haben werde. Ich weiß es nicht, was die Jahre bringen werden. Mein geliebter Earl Grey kommt aus Ceylon. Meine ich. In sofern wage ich es hier nicht Forderungen zu stellen. Ich fordere ja auch nicht macht in Hamburg den Alten Elbtunnel (sehr bereisenswert) zu, oder eine höhere Besteuerung von Konzerten mit Helene Fischer (mhhh) oder ab sofort gibt es Fernet Branca (meine Empfehlung: Finger weg!) nur noch in PET-Flaschen aus recyceltem Plastik in Pint-Größe. Und Menschen, die vor 1950 geboren sind dürfen nur noch dienstags zwischen 8 Uhr und 11:30 Uhr zu Lidl und Aldi. Im Süden wie im Norden.

Es ist immer leicht nach Einschränkungen zu rufen, wenn diese einen selber nicht tangieren. Tangiert, schönes Wort. Klingt so klug, wohl formuliert und echt besser als betroffen sein oder verwickelt zu sein. Ich vertraue denen, die sagen ob es jetzt Sinn macht Schotten dicht gegenüber Indien.

Vor vielen Jahren saßen wir in einer Gruppe von fröhlichen Menschen am Strand von Koh Samui und erzählten uns Geschichten. Eine Schweizerin aus dem Kanton Graubünden sprach in ihrem Dialekt von „ds’Indiä“.
Gute Geschichten bleiben in Erinnerung. Gute Menschen auch. Mit dem Apfelbaum warte ich erstmal noch eine Weile.

Mein wahres Querdenken

Veröffentlicht in 6. Januar 2021

Nur so eine Frage an „unsere“ Q-Fraktion(en):

Aktuell geht es mir gut. Ich stelle mir aber die Frage, ob es mit dem Q-Verständnis, unter einer Q-Regierung oder einer Q-Verantwortung auch so wäre?? Würde es mir gleich gut gehen? Besser? Schlechter? Im schlimmsten Fall würde bei mir gar nichts mehr gehen? Ende? Aus? Ich weiß es nicht.

Aktuell kann ich mit allen Entscheidungen leben. Obwohl ich betroffen und in einem großen Teil meines beruflichen Tun’s auf „0“ gesetzt bin (ohne staatliche Förderung!)
Ich meine hinter den Entscheidungen eine große Verantwortung zu sehen. Natürlich mag nicht alles richtig erscheinen. Manches vielleicht falsch sein. Aber um Jesus zu zitieren: » … der/die werfe den ersten Stein.«
Ich habe eine große Sehnsucht nach allem was mir wichtig war, aber verwehrt. Vieles ist mir jetzt noch bewusster, was mir wichtig ist. Ein weiterer Reifeprozess im Laufe meines Lebens. Das wieder zu erlangen ist das Ziel. Um es mit Seneca zu umschreiben: »Lasse alle deine Bemühungen zielgerichtet sein und behalte dieses Ziel im Blick. Es ist nicht das Handeln, das die Menschen beunruhigt, sondern falsche Vorstellungen von Dingen, die sie um den Verstand bringen.«

NEIN! Mich bringen krude Gedanken nicht um meinen Verstand. Ich nutze auch diese um MEIN Ziel noch klarer verfolgen zu können, meinen Weg zu finden und/oder meinen wenn auch kleinen Teil dazu beitragen zu können.
Aktuell geht es mir gut. Dafür bin ich dankbar.

Nun zurück zu meiner Eingangsfrage: Natürlich kann diese kein vernünftiger Mensch beantworten. Natürlich kann kein vernünftiger Mensch eine Antwort erwarten. Schon allein die Frage stellt sich nicht.

Heute ist HeiligDreiKönig. Weise Menschen, vermutlich nur Männer (schade.), Anzahl unbekannt, Sterndeuter, Magiere, eher wohl keine Könige, machten sich auf den Weg um zu erkunden. Ich schaue aus dem Fenster. Es beginnt zu schneien und ich überlege wie Schnee riecht.

Anmerkung 07.01.2021 I

Ich habe die Zeilen gestern morgen in einer „inneren Erregung“ auf dem Handy eingetippt. Als Antwort eines Q-Denkers der unsere Kanzlerin Angela Merkel einmal mehr als Lügnerin diffamiert. Darüber habe ich mich geärgert, dass ich anfing diese Zeilen zu schreiben. Um als Antwort unter die Veröffentlichung zu setzen. Ich habe mich dann doch dagegen entschieden.

Wie sich dann dieser Tag politisch entwickelt und in den Abendstunden in Washington eskalierte hatte ich nicht auf dem Schirm. Fassungslos. Wozu Starrsinn führt oder führen kann, dass ist der Spiegel den die Q-Fraktion sich vors Gesicht halten sollte. Und ohne Aufforderung von außen. Sonst wird aus QUERDENKEN ein QUERTREIBEN dann ein QUERSCHIESSEN. Wie weit dieser Prozess bereits vollzogen ist? Wir werden es die kommenden Tage und Wochen hören, sehen und lesen.

Anmerkung 07.01.2021 II

Ich werde immer weniger Freund von Facebook. Die Meinung die dort zum Teil geteilt wird kann ich in ihrer Außenwirkung nicht einschätzen. Unabhängig davon nehme ich mir gerade die Zeit, Dinge zu hinterfragen? Nach einem Beitrag, meist ja keine eigene recherchieret Meinung sondern ein Teilen, hinterfrage ich, wie mein:e Facebook-Freund:in zu dieser Meinung kommt. Welche eigenen Erfahrungen dahinter stecken? Welche Ängste?

Tore, Maria und Josef _ VI

Veröffentlicht in 28. Dezember 2020

Eine Weihnachtsgeschichte in sechs Teilen

„Zähne putzen, Salve Gente!“
Wenn eine Geschichte fertig erzählt ist. Ein Buch gelesen. Der letzte Ton gespielt und der Abspann im Film beginnt, ist oft eine Leere. Die Kunst des Träumens hinter sich zu lassen. Sich sammeln und wieder ins Jetzt zurückkommen. Ein Griff in die Keksdose. Eine frische Tasse wärmenden Kräutertee. Oder der Appell „Hallo Leute, Zähne putzen“, was Opa Tore dann gerne für sich unter der Rubrik Opa-To- res-Lebensweisheiten teilen, verbucht. Opa Tore ist ein Künstler darin, eine ver- träumte Zeit zu beenden und die Romantik auszubremsen. Was Oma Geli immer ein wenig an ihm bedauerte. Der Ruf „F a h r k a r t e n k o n t r o l l e“, beendet in der Eisenbahn schlagartig das Landschaften-vorbeifliegen-sehen und das gedankenlos-aus-der-Scheibe-schauen.

„Zähne putzen, Salve Gente!“

„Eigentlich der Anfang von etwas“, fügt Opa Tore der Geschichte noch hinzu. Er schildert in kurzen Worten, wie die ersten Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Anfänglich vor 65 Jahren aus Italien, dann vor 50 Jahren aus der Türkei. „Die Gastarbeiter wurden angeworben, weil in es Deutschland einen Arbeitskräftemangel gab“. Viele fanden hier für sich und ihre Familien eine neue Heimat.

Opa Tore erzählt, wie er sich auf den Weg in ein unbekanntes Land machte, um Arbeit zu finden. Wie er mit der Eisenbahn zur Arbeit fuhr. Abends wieder heim. Wie er sich Bahnhofsnamen auswendig lernte, um an der richtigen Station auszusteigen. Damals konnte er kaum deutsch sprechen und kaum lesen. Er erzählt von seiner ersten Fahrt unterwegs zum Einstellungsgespräch. Von seiner Nervosität. Als ihn jemand nach seiner Fahrkarte fragte. Es war Walter Mörskemper. Am nächsten Tag wieder. Und am Übernächsten. Wochenlang. Seine Fahrkarte musste er irgend- wann nicht mehr zeigen. Zeitkarten mussten nicht entwertet werden. Und der Schaffner kannte ihn ja. Jemanden kennen. So ein Wortspiel von bedeutender und unbedeutender Größe. Wenn Walter mit der Kontrolle durch war, setzte er sich – mal kurz – mal etwas länger zu Tore. Tore schrieb Walters Worte, neue Begriffe in sein kleines Notizbüchlein. Immer wieder war es ihm eine große Hilfe, Menschen und die Sprache verstehen zu lernen.

„Man muss im Leben nicht immer auf der Suche nach dem wieso sein“, – auch eine der Lebensweisheiten von Opa Tore. Walter und Tore wurden Freunde. Walter steckte Tore mit seiner Eisenbahn-Leidenschaft an, bis Opa Tore selber ein Eisen- bahner wurde.

„Und Josef?“ fragt Lilli.

Opa Tore erzählt die Begegnung mit Josef, dessen richtiger Name ja Maurice Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya war. „Schön, dass Sie hier sind. Wohin des Weges“. Maurice streckte ihm seine Fahrkarte entgegen, meinte er zumindest. Es war sein mauretanischer Reisepass. Dunkelblau mit Schriftzeichen in zwei Sprachen. Aufgedruckt in goldener Farbe. Maurice hatte seinen Pass gedankenlos mit der Fahrkarte verwechselte. „Maurice Ould Bedde Ould Cheikh Sidiya“, murmelte Opa Tore. „Das ist ja schön, aber zeigen Sie mir trotzdem lieber ihre Fahrkarte“. „Oh Entschuldigung“ und reichte ihm diese nach. Opa Tore liebevoll neugierig, fragte nach mehr und bekam Antworten. Wie so oft. Maurice war auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch und aufgeregt. Auf dem Heimweg begegneten sie sich wieder. Maurice hatte die Zusage für die Arbeitsstelle in der Tasche. Er wurde Volontär bei einer kleinen regionalen Zeitung in der hohenlohischen Provinz. Er nannte sich Josef. Einfach nur Josef. Ohne Familienname, der ja auch viel zu lang gewesen wäre. Benannt nach seinem Vater, der der einzigste Josef in ganz Mauretanien war. In seinen Artikeln stand dann immer „geschrieben von Josef“.

„Wie, der einzigste Josef?“ bohrte Finn weiter. Ungeduldig wie Kinder eben Fragen stellen, wenn in Geschichten Ungereimtheiten vorkommen.

„Ja, der einzigste Josef in ganz Mauretanien. So wie wenn du der einzigste Finn in ganz Deutschland wärst. Man konnte einen Brief adressieren mit Josef, Mauretanien. Und dieser Brief ist angekommen“, erklärt Opa Tore.

Ungläubig schütteln sowohl Lilli als auch Finn ihre Köpfe. Und freuen sich in- nerlich, dass sie Opa Tore bei einer seiner bunt ausgeschmückten Geschichten und Übertreibungen ertappt haben. Lassen es aber dabei, ohne weiter nachzuboh- ren. Wissend, dass Opa Tore schnell die Lust am Erklären verlieren würde. Er ver- stand das wieso WIESO nicht. Manches wäre halt einfach so. Ohne Wenn und Aber. Opa Tore konnte sich schnell mit so einem leicht beleidigten Gesichtsausdruck abwenden, so tun als ob es ihn nichts angehe um damit eine Sache für beendet zu er- klären. Oma Geli musste dann übernehmen, erklären und damit Opa Tore retten. Opa Tore „habe dann fertig“, wie Oma Geli dieses Situation mit einem Lachen beschreibt. Deshalb waren Finn und Lilli zufrieden, auch ohne alles bis ins letzte Detail zu wissen.

„Eine schöne Geschichte“, sagt Lilli. „Eine Geschichte eben“, meint Finn und greift ein weiteres Mal in die blecherne Keksdose.

Plötzlich hören sie das leise Knarren der Gartentüre am kleinen Häuschen in der Eisenbahner-Siedlung. Oma Gelis und Opa Tores Zuhause. Schritte auf den Steinplatten, die den Weg zur Eingangstüre ebnen, zwischen Blumenbeet und Garageneinfahrt. Ein Birnbaum zur Rechten. Fünf Treppenstufen bis zur Haustür, ge- schützt durch ein kleines Vordach aus Glas. Ein Zeigefinger sucht den Weg zur Haustürklingel. Rechteckig mit einem Runden Knopf. Weiss, etwas vergilbt. Nichts Besonderes. Das Namensschild unter einem durchsichtigen Plastikstreifen geschützt. Auf einem weißen Papier steht in schwarzer Schreibmaschinen-Schrift:

Angelika & Salvatore Palermo
Schön, dass Sie hier sind


Dann klingelt es an der Haustüre. Lilli, Finn, Oma Geli und Opa Tore schauen sich kurz an. Und etwas Neues beginnt.

Notiz am Rande

Weihnachten 2020 war geprägt von der Corona-Virus-Pandemie. Viele Weihnachtsgottesdienst wurden in anderer Form gefeiert oder aus Solidarität und/oder aus Verantwortung für das gesellschaftliche Miteinander abgesagt. Aus dem Projekt „Extrablatt für Weihnachten“ entstand die Idee für diese Geschichte. Die es sonst wohl nie gegeben hätte.

Nur so noch…

Der Autor (Achim) erzählte vor dreißig oder mehr Jahren in einer Garage seinen Freunden eine Geschichte. Die Garagentür weit geöffnet. Ein lauer Sommerabend. Getränke standen auf dem Tisch, dieser nackt ohne Tischtuch-Schickschnack. Die Sitzflächen harte Bierbänke mit grüner Metallunterkonstruktion. Anlehnen war nicht. Thees Uhlmann beschreibt in einem Buch „wie wichtig es wäre, sich ab und zu beim Aus- und Zusammenklappen die Finger darin zu verklemmen. Das mache nüchtern und demütig. Beides wichtige Gefühle“. Welch schöne Worte. Achim erzählte von Otto aus Ghana. Der einzigste Otto seines Landes. Bis zum heutigen Tage werden in diesem Freundeskreis blumige Geschichten mit der abschließen Redewendung „ein Otto“ abgestempelt. Hinterfragt wird nicht. Kein warum WARUM. Geschichten bleiben so in der Weite des Raumes und des eigenen Vorstellungsvermögens.

Um es mit Tore zu sagen: „Zähne putzen, Salve Gente!“


(Zitat aus Thees Ullmann: Die Toten Hosen, KiWi-Musikbibliothek)

Tore, Maria und Josef Teil 6 Tore, Maria und Josef

Geschrieben für den Gemeindebrief der Evangelisch-methodistischen-Kirche in Marbach/Neckar. Weihnachten 2020.
  1. Tore, Maria und Josef Teil 6
  2. Tore, Maria und Josef Teil 5
  3. Tore, Maria und Josef Teil 4
  4. Tore, Maria und Josef Teil 3
  5. Tore, Maria und Josef Teil 2

Tore, Maria und Josef _ V

Veröffentlicht in 26. Dezember 2020

Eine Weihnachtsgeschichte in sechs Teilen

„Und alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde. Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen gesagt worden war“.
Mucksmäuschenstill verfolgten Lilli, Finn und Opa Tore Wort für Wort. Es war ruhig im Wohnzimmer als Oma Geli die Bibel zu Seite legte. Oma Geli hatte auf Wunsch von Lilli nochmals mit dem Lesen der Weihnachtsgeschichte begonnen. Um die Stille und die dicke Träne zu überwinden.
„Ja, ich wolle nach Bethlehem. Sagte das zumindest“, sagte Oma Geli die Geschichte mit fester Stimme weitererzählend. „Eigentlich wusste ich nicht was ich wollte. Nur unterwegs sein. An einem Weihnachtsabend der mir total egal war. X-beliebig. Ein Tag wie andere Tage auch. Nur menschenleer. Leerer. Mir war nach Abenteuer. Offen und hoffend auf Fröhlichkeit. Suchend was diese SO HEILIGE NACHT mir bringen würde“.
„Hä?“, fragte Lilli. „ Du warst Maria, Oma Geli“?
„Eine Weihnachtsgeschichte“, sagte Oma Geli zu Lilli gewandt, „braucht keine Maria um eine solche zu sein“ und erzählte weiter. „Schon von weitem hörte ich eine männliche Stimme fröhlich pfeifend durch die Gänge wandelnd. Immer lauter werdend. Fast schon tanzend. In schicker Schaffner-Uniform. Ich kramte die Fahrkarte aus meiner Tasche. Aufrecht stand er vor mir und sagte „Schön, dass Sie hier sind“, in sagen wir mal deutsch mit Akzent. Und „Wohin des Weges?“
Ich wollte den Mann mit seinem Lächeln nicht bloßstellen. Wenn aber fröhlich auf Fröhlichkeit trifft, dann geschehen besondere Dinge.
Ich sagte „Nach Bethlehem“. Dachte mir, zu Weihnachten darf man aus dem Normalen ausbrechen und den Gegenüber mit etwas Überraschendem konfrontieren. Was anderes fiel mir auf die Schnelle nicht ein. Er murmelte leise „Bethlehem“?
Ich sah, wie der Schaffner schluckte. Hatte er sich doch Wort- und Satzbausteine für seine kleine Welt des Schaffner-Seins zusammengefügt. Und darin kam Bethlehem beim besten Willen nicht vor. Jedenfalls nicht zwischen Nürnberg und Crailsheim.“
Dabei kannte er sie alle. Angeeignet und auswendig gelernt. Alle Orte. Alle Zwischenhalte. Ja selbst deren anliegende Ortschaften, wie zum Beispiel Oberdallersbach. Unbekannter Weise. Umsteigen in Dombühl. In den Pausen in muffigen Bahnhofsräumen bei löslichem Kaffee eingetragen in das kleine Notizbuch. Nur Bethlehem?
Finn und Lilli konnten das Arbeiten der Gehirnknochen ahnen und sich die Geräusche vorstellen.
„Den Blick werde ich mein Leben lang nicht vergessen. So eine Mischung aus Weiß-Nicht, Treu-Doof, Verzweiflung, Stoppstelle. Oder in Opa Tores später angeeigneter Eisenbahner-Sprache Endgleis und Prellbock. Und trotzdem so eine gefühlte Allwissenheit ausstrahlend. Null Problemo. Alles-unter-Kontrolle-habend“, lachte Oma Geli.
Opa Tore fand’s nicht ganz so lustig, lächelte aber gnädig und schwieg genießerisch in seinem Ohrenbackensessel vor sich. Dankbar, dass Oma Geli die Erzählung übernahm, ohne dass er sie dazu hatte bitten müssen. Sie hat so ein feinfühliges Gespür für die Situation, was er sehr an ihr schätzte. Von Anfang an.
Während der Regio 90 stetig in Richtung Crailsheim fuhr, blieb die Welt für einen kurzen Moment stehen. Um sich dann weiterzudrehen. Und zwar genau in dem Moment als Walter Mörskemper den Gang entlang kam. Opa Tore war an diesem Abend erstmals der Schnellere. Walter Mörskemper also etwas später in der Zugmitte.
„So, sie wollen also nach Bethlehem?“ Walter Mörskemper quittierte die Frage mit einem Lächeln „Wer will das nicht in der Heiligen Nacht“. „Die Hirten, die Heiligen Drei Könige… wären Sie mit der Eisenbahn gefahren, wären sie pünktlich in Bethlehem angekommen“. „Wäre, Wäre,“ entgegnete Oma Geli lachend, „Sie wären vermutlich niemals oder erst im nächsten Jahr angekommen“. „Was sie dann trotzdem sind. Verspätet. Auch ohne die Eisenbahn“, fügte Walter hinzu. Nicht genau wissend, ob das der Reihenfolge an der Krippe auch entsprach.
Hilfs-Schaffner Tore verstand kein Wort. Bahnhof. Heilige Drei Könige. Und blickte mit seinen funkelnden Augen drein (die Reisende beobachtete genau!), wie ein Elefant im Porzellan-Laden. Konnte nicht mal, wie Maria in der Weihnachtsgeschichte, diese Worte in seinem Herzen bewahren. Zu laut. Zu schnell. Zu fremd. War immer wieder kurz davor, sich mit einem Bleistift Notizen in sein Büchlein zu schreiben, um das Gehörte ein andermal verwenden zu können. Eine Taktik, die bisher aufging und ihm Sicherheit im Umgang mit Menschen gab. Hier nicht.
„Setzt dich mal hin Tore“, sagte Walter Mörskemper. Opa Tore und Walter setzten sich zu der Reisenden, also zu Oma Geli. Und erklärten Opa Tore, was bisher geschah. Besser sie versuchten es zu erklären.
Opa Tore hörte zu mit so einem knitzen Lächeln des „Alles-In-Ordnung“ und „Ah“ und „Oh“ und „Capito“. Mamma und Mia. Den beiden anderen glauben machend, dass er alles begriffen habe. Lachend mit viel Gestik. Ohne wirklich etwas kapiert zu haben.
Während Oma Geli im Erzählen zu Höchstform auflief, saß Opa Tore schweigend und genießend in seinem Ohrenbackensessel. Erinnerte sich an jenen Abend, der sein Leben veränderte. Diesen für ihn zum Ewigen Heiligen Abend machte.
Walter Mörskemper stieg in Crailsheim aus. Seinem ursprünglichen Plan entsprechend. Ging heim zu seiner Familie und später in den Gottesdienst.
Die Reisende und der Hilfs-Schaffner fuhren die Strecke Crailsheim Nürnberg und Nürnberg Crailsheim noch mehrmals. Erzählten sich die Geschichten ihres Lebens. Mit Händen, Bewegungen und einfachen Worten umfuhren sie fehlende Sprachkenntnisse geschickt. Erst nach dem letzten Zug trennten sich ihre Wege. Für einen kurzen Zeitraum zwischen den Jahren.

Teil 6

>> hier gehts zur Audiodatei zum Anhören bei Podigee. Gelesen von Joanna.