Gestrandet

Posted on 19. September 2017

170918_barRaucherkneipe. Eintritt ab 18 Jahre. Kioske Kühlschränke mit Flaschenbier. Zapfanlage und fortlaufender LED-Lichterkette hinter der Theke. In grün und lila. In gelb und orange übergehend. Wiederholend. Verschafft Atmosphäre. Barhocker an der Theke. Zwei junge Männer im gehen. Im Gastbereich leuchten die LED’s in rot und sind in Bewegung. Nicht hektisch. Die Wanduhr steht auf 23:30.
Die Spielautomaten mit wechselnden Bildern. Wartend auf Gäste. Kommt wohl keiner mehr.

Am kleinen Tisch links eine Frau mittleren Alters und ein Mann. Sie scheinen über Belangloses zu reden, während ich diese Zeilen schreibe. Hin und wieder eine Zigarette ansteckend. Und dass das mit einer Frau für ihn schon passen müsste, höre ich beiläufig. Große Ansprüche habe er keine.

Ich würde jetzt für mein Leben gerne ein Buch lesen. Denke ich im Stillen.

Gestrandet. Der 22:38-Bus weg oder gar nicht war. Willkommen in der Provinz.

Also rüber in die Bar. Feierabend-Bier. »Die Zapfanlage ist defekt,« sagt die Dame hinter der Theke. Ist der Begriff »Bedienung« politisch korrekt, überlege ich kurz ohne ihn zu benutzen. »Cappuccino und eine Afri. Bitte.« Ich bezahle sofort.

Setze mich an einen der kleinen Tische. Dunkel. Nicht unangenehm. Beginne zu schreiben. 80er-Musik aus der Box. Gefühlt immer dieselben Songs.

Der Bus im Stundentakt. Ich verlasse rechtzeitig die Bar und höre »Wolf Alice, Bros«:

You tell me all the time
I got plans
Oh
Jump that 43

Klingt. Springe lieber nicht die 43. Wüsste nicht wie.

Die letzten Meter zu Fuß. Schritt für Schritt. Keine Menschenseele unterwegs. Genieße den Sternenhimmel. Mein Plan war ein anderer.

untersommert

Posted on 18. September 2017

170917_untersommert

DIE ZEIT macht seit Monaten eine Umfrage »Wie geht es uns?«. Mögliche Antworten: Gut/Schlecht. Und es wird nach einem Eigenschaftswort (Adjektiv – muss auch googeln) gefragt. In der Grundschule wird auch von einem Wie-Wort gesprochen. Was den Nagel ziemlich auf den Kopf trifft.
Über eine Million Menschen antworteten und antworten auf ihr Wohlbefinden. Und geben einen Einblick wie sich ihr Zustand beschreiben lässt. Über 6.000 Wörter wurden genannt. Über 4.500 Wörter wurden bisher neu erfunden. Mein Lieblingswort »untersommert«.

Auf die mir gestellte Frage »Wie geht’s?« antworte ich in den letzten Tagen mit »untersommert«. Und erkläre.

Ist immer ein schmaler Grad zwischen, willst-du-mich-auf-die-Schippe-nehmen, Fragezeichen im Blick und einem Lächeln. Da mein Wesen und Denken nicht ganz unbekannt ist – ich bei Fremden eher freundlich vorsichtig agiere – überwiegt das Lächeln. Oder ich erkläre mehr. Häufig notwendig.

Aber mal ehrlich. Der Sommer heuer war/ist ein Schöner. OK – die letzten paar Tage unerwartet kühl. Und Regen. Zum Teil heftig.
Beim Pendeln (Radfahren mit beruflichem Hintergrund, also mit dem ersten Ziel der Wegstrecke machen und nicht des Spaß machen’s – was es aber trotzdem gemacht hat) an fünf Tage viermal pitschnass geworden. Und wenn schon. Irgendwie trotzdem geil. Regen spüren. Die Nass-Sein-Strecke war absehbar. Trockene Kleidung auch. Danach das Warmduscher-Dasein frönen. Herrlich.
Zusammengefasst mit Augenzwinkern ein klares »untersommert«.

Vorfreude auf die Herbstsonne. Die Zeit, wenn die Sonne den Tag über ihre Kraft verliert. Auf DIE ZEIT-Frage antworte ich dann mit »herbstversonnt«.
YEAH.

Die beiden letzten Zimmer

Posted on 8. September 2017

»Bleiben Sie so verrückt.«

»Bleiben Sie so freundlich.«
Es bedarf keiner Vorgeschichte. Eine Sache von wenigen Minuten. Vielleicht zehn. Keine Ahnung.
Ein wunderschönen Tag. Irgendwie über mich selbst gewundert. Was macht, dass ich so fröhlich bin.
Ankommen. Nach einigen Stunden im Sattel – mit dem Fahrrad unterwegs – noch eine Runde schwimmen. Das Hotel mit privatem Zugang zum See. Ein kleiner Park. Mit Tieren. Die mir im ersten Moment nicht auffallen. Doch je mehr ich schaue, desto mehr entdecke ich. Immer mehr Details.
»Mein Lebenswerk«, sagt mir der ältere Herr.
Auf meine Frage, dass es hier meiner Vorstellung von Paradies sehr nahe kommt. So könnte es sein.
War es überhaupt eine Frage, denke ich.
Und dann wechseln sich Sätze um Sätze. Wenn du gefühlt und wissend nur ein kurze Zeit des Redens hast – erzählst du dir die wichtigen Dinge. Die Wende. Die Arbeit. Die Würde. Was Leben ist. Was wichtig. Wirklich wichtig.
Er mehr als ich.

Er wiederholt sich mit seinem Lebenswerk. Dem Hotel. Den Gästen. Den Tieren und dem Park.

Nicht stolz. Zufrieden.

Wie eingefroren. Die Zeit. Es hätte gerne länger dauern können. Mir fröstelte. Nach dem Schwimmen nur wenig bekleidet. Das Handtuch über die Schulter gelegt. FlipFlops an den Füßen. Die Sonne am untergehen.

»Wie lange bleiben Sie?« »Wir reisen morgen weiter.« Ein sehr schade als Antwort. Einfach auf Wiedersehen zu sagen schien mir zu poor (wie Engländer sagen).

»Bleiben Sie so verrückt,« wünschte ich zum Abschied.

»Bleiben Sie so freundlich wie Sie sind,« er zu mir.
Tief berührt fast sprachlos ein gegenseitiges Alles Gute.

Noch Tage später, immer wieder, denke ich an diesen Moment. Ein ganz ganz Großer. Mein Herz hüpft. Den Tränen nahe. Möglicherweise hat er Recht, der alte Mann.

Vielleicht bekommt man von Unbekannten den wahren Spiegel des Lebens vorgehalten. Schonungslos offen. Nicht taktierend. Ist ja nur eine kurze Begegnung. Von kurzer Dauer.

Ich werde mich bemühen. Versprochen.

Die Hotelzimmer haben wir knappe zwei Stunden zuvor gebucht. Es waren die beiden Letzten.

Mitbewohner & Dackel

Posted on 11. August 2017

»Das Problem ist, dass ich keine Probleme habe.« Diese Aussage habe ich vor knapp 24 Stunden getätigt.
Jetzt habe ich eines. Ich hoffe nicht, dass das der Anfang einer Serie von Problemen ist. Wäre blöd. Wünsche ich mir nicht im geringsten.

Ich habe einen Mitbewohner. Unter Mitbewohnern gibt es ab und zu Probleme. Reinlichkeit. Ordnung. Kühlschrank. Spüldienst.
So erzählen betroffene Menschen hin und wieder.
Mein Problem ist ein anderes. Mein Mitbewohner ist ein Igel.

Mache ich heute zu später Stunde die Türe meines Büros auf. Mein Büro liegt im Keller. Steht ein Igel an der Tür. Muss schon sagen, ein eher ungewöhnlicher Anblick. Für mich überraschend.
Eines vorneweg. Ich habe das Tier weder eingeladen noch gedrängt hier einzuziehen. Meine Zustimmung für dieses Vorgehen muss ich mir sehr gut überlegen. Tendiere aber zu nein.
Bevor irgendwelche Tierverbände Missstände im Hause Seiter wegen Tierhaltung oder ähnliches anprangern. Holt den Igel ab. Ist mir gleich recht. Sehr sogar. Je früher desto besser. Ohne Tamtam.

Ich sehe den Igel also unten an der Tür. Scheisse. Muss das Tier einfangen. Aber wie? Mit den Händen? Hat der Igel nicht Stacheln? Beißt ein Igel? Bevor ich dann irgendeinen Fänger greifen kann – war Herr oder Frau Igel verschwunden. Nur zur Info: Hase und Igel bin ich raus – spiele ich nicht mit. Der Fänger wäre ein Eimer und eine Kutterschaufel gewesen. Also Igel weg. Im hintersten Eck an die Wand gelungert. Keine Chance hinzukommen. So ein Dackel – hätte ich ihm doch die vermeintliche Freiheit geschenkt. Draußen ist sicherlich geiler als bei mir im Keller.

Die Zeit drängt. Muss in ein paar Minuten das Haus verlassen. Paar Tage weg.

Ich weg. Igel da. Mulmiges Gefühl ob das gut geht. Was wird mit dem Tier?

Früher hat man, wenn ein Igel im Garten gesichtet wurde ein Schälchen Milch hingestellt. Das macht man heute wohl nicht mehr. Den Grund kenne ich nicht.
Einen Apfel oder ähnliches habe ich nicht im Haus. Mhhh. Von was ernähren sich Igel?
Ich habe keine Ahnung von Igeln. Wann ist das Vieh überhaupt ins Haus eingedrungen? Und wie? Irgendwo würde es mich schon interessieren – ohne dass es mich jetzt beunruhigen würde, dass über diesen geheimen Eingang möglicherweise andere Tiere Zugang in mein Haus finden.

Ich bin jetzt erst einmal ein paar Tage weg. Vielleicht löst sich das Problem von selbst. Habe allerdings keine Idee wie.

Im englischen heißt der Igel übrigens hedgehog. Der Eagle, was gleich ausgesprochen wird wie Igel, ist der Adler. Auch hier kenne ich den Grund nicht.

Igel halte durch.

999 UNEXPECTED

Posted on 15. Juli 2017

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Ja. 999 – eine krumme Zahl. Klar hätte ich noch einen Meter schwimmen können.

Manchmal ist so, dass das Momentum einen Meter zu kurz, ein Kilometer zu schnell, eine Minute zu lange oder irgendwas anderes nicht passt.

Der Bus ist raus. Die Ampel wird rot. Lastwagen. Blitzer. Der Reifen platt. Von 5 möglichen Schrauben fehlen 3. Der Boden ist stumpf – bremst den Menschen unerwartet. KACKE. Ist dann halt so. Glück gehabt. Andere haben es nicht. Nicht erklärbar. Dankbar.

Unerwartet. If… kannst du eh nichts machen. Steckt schon im Wort.

Es oder ähnliches regt mich nicht »mehr« auf. Meistens. Gelassenheit. Ohne »OMMMM« oder ähnlichen Zauber. Kein Schneidersitz. Nicht tief durchatmen. Keine Mund-abputzen-Parolen zur Aufmunterung. Das Jetzt-erst-recht des kleinen Mannes. Nicht einmal ihr könnt mich alle… nicht mal das.
Es ist mir einfach egal. Bei der Schwabenausstellung in Stuttgart Anfang 2017 war dieser geniale Satz an die Wand mit Kreide geschrieben. »Bevor i mi uffreg – isch mer’s liaber egal.« Ein wunderbare Therapie.
Und so schwimme ich im See. Habe mir das auf der Fahrt vorgenommen. Noch rein in den See. Egal wann Ankunft. So oft hier gewesen. Selten gemacht.

Heute aber.

Es sind die seltenen Momente. Ruhe. Naturschauspiel. Keine Menschenseele. Irgendwo zwischen Freiheit und ein bißchen Mut und Nein, niemals-was-wäre-wenn.

Die Schwimmstrecke ist überschaubar. Das Ufer sichtbar. Und unerwartetes muss nicht sein. Erwarte ich nicht – außer schön.
BE PATIENT. BEST THINGS HAPPEN UNEXPECTEDLY.

Ich bin 999 Meter im Schluchsee geschwommen.  17° Außentemperatur. 20° Wassertemperatur. Leicht bewegtes Wasser. Wohl überlegtes Kopf aus dem Wasser – sonst schluckst du. Keine Heldenstrecke – aber herrlich. Wie erwartet.
Soundtrack: Anne Clark ENOUGH

Zapfpistole

Posted on 5. Juli 2017

Zum Abschied reicht mir die Kassiererin beide Hände über die Theke um sich zu bedanken.

Was für eine Geste. Dabei – so finde ich – nichts ungewöhnliches.

Irgendwo A7 zwischen Feuchtwangen und Ulm. Stau. Tankanzeige auf Reserve. Ich bin kein Freund von das-reicht-noch’n-Stück, vielleicht sogar ganz. Was den Benzinvorrat angeht ehe feiger Natur.
Also raus in die Tanke. Alles voll. Warten. Drei Motorräder fahren weg. Ich hin. Richtige Seite. Sieht man übrigens bei neueren Fahrzeugen an dem kleinen Pfeil neben der Tankuhr. Lange nicht gewusst. Egal. Tank auf.
Das Zapfventil – umgangssprachlich Zapfpistole genannt – ist über einen Schlauch mit der Zapfsäule verbunden. Ganz ehrlich. Tante Google. Wusste im ersten Moment nicht wie das Teil heißt. Rein damit in den Tankeinfüllstutzen.
Tut sich nichts. Die Anzeige wird nicht genullt. Irgendwas mit 15 Euren steht drauf.
Rein in die Kasse mit der Bitte die Zapfsäule freizugeben. Beziehungsweise erstmal angestanden – dann die Bitte. Freundlich. Frau hinter der Theke genervt. »Sooo (mit hundert o’s) viel los.«
Raus. Frei. Start. 1,24 € der Liter Diesel. Stolz. Auf keinen Fall volltanken. Tankvorgang gestoppt bei 28 Euren.
Rein zum Zahlen an die Theke. Die Motorradfahrerin steht an der Kasse. Irgendwie ahne ich was kommt.
Ich höre gerade noch wie der Motorradfahrerin (eine ältere Dame – nicht deutsch sprechend) in voller Montur mit Leder und Helm der Zahlbetrag von 28 € gesagt wird. Den die Motorradfahrerin ja nicht versteht. Kreditkarte steckt drin. Grüne Taste ok. Ich »halt Betrag stimmt nicht«. Frau an der Kasse schaut mich entgeistert an. Motorradfahrerin geht. Mein Zahlbetrag wäre 15 Euren. »Stimmt nicht.« Ich gehe der Motorradfahrerin hinterher, die zwischenzeitlich bei den beiden anderen Motorradfahrern angekommen ist. Versuche zu erklären, dass sie den falschen Betrag gezahlt habe. Auf englisch. »Englisch verstehen wir nicht«, so einer der Motorradfahrer (älterer Herr mit Schnauzer) in gebrochenem deutsch.
In diesem Moment stelle ich mir vor, was wäre wenn mir dies sagen wir in Griechenland in Hinter-Pfui-Teufel passieren würde.
Überzeuge die Motorradfahrerin zurück zur Kasse zu gehen um das Missverständnis zu klären.
Blankes Entsetzen in den Augen der Kassiererin. Sooo viel los. »Ich habe keine Ahnung. Muss fragen.« Nur, sie weiß nicht wo sie fragen soll. Greift zu einem Leitz-Ordner. Legt ihn wieder weg. Geht rechts. Geht links. »Ich bin eh nicht mehr lange da.«
Warum die Kassiererin dies sagt ist mir ein Rätsel.
Nach einigem Hin und Her. Gebe ich der Motorradfahrerin, die in Wirklichkeit immer noch keine Ahnung hat um was es geht und mich freundlich mit fragenden Blicken anlächelt, 13 Euren. Zahle 15 Euren an die Kassiererin. In bar versteht sich, weil die Kassiererin keine Ahnung hat wie dieser Kuddelmuddel in der Systemkasse einzugeben ist.

Zum Abschied reicht die Kassiererin mir beide Hände über die Theke. »Danke.«
Die Menschen in der Schlange scheinen eher genervt.

Das Wort »Zapfpistole« habe ich vorher weder gesagt noch gehört und werde es sicherlich nie wieder benutzen.