Beiträge aus der Kategorie “Gedankenstein

Der langsame Engel

Veröffentlicht in 3. März 2015

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Stoppuhren kann er nicht leiden, Flugzeuge würde er meiden, Rennfahrer tun ihm nur leid. Leuten; die andere scheuchen, drängeln und hetzen und keuchen, schenkt er gern seine Zeit.

Er nimmt sich Zeit den Schiffen zu winken, Zeit, mit dem Strohhalm zu trinken, Zeit für den stotternden Mann. Er nimmt sich Zeit für Wunder im Garten, Zeit um genüsslich zu warten auf die verspätete Bahn.

Nichts hasst er so, wie Gedrängel! Er ist der langsamste Engel. Trotzdem kann er viel erzählen. Er, der Beschützer der Schnecken, möchte die Eiligen necken, und ihre Uhrn und ihre Uhrn und ihre Uhrn verstelln.
Träumern und Bummlern und Lahmen sagt er sein: Ja! Und sein: Amen!
Er streichelt den, der verweilt. Trödelnde Kinder entdecken Schätze an fast allen Ecken. Nichts findet der, nichts findet der, nichts findet, der sich beeilt. Er nimmt sich Zeit, die Zeit zu verschwenden, er liebt die lahmen Enten und jeden Schnellzug, der steht. Er nimmt sich Zeit von der Brücke zu spucken und lang noch hinterher zu gucken, wohin die Reise wohl geht.

Er nimmt sich Zeit für die Wunder im Garten, Zeit, um genüsslich zu warten auf die verspätete Bahn…

Quelle: Gerhard Schöne

Geld oder Grille

Veröffentlicht in 22. Februar 2015

Ein Indianer besucht einen weißen Mann. In einer Stadt zu sein, mit dem Lärm, den Autos und den vielen Menschen – all dies ist ungewohnt und verwirrend für ihn. Die beiden Männer gehen die Straße entlang, als der Indianer plötzlich stehen bleibt: „Hörst du auch, was ich höre?“ Der Freund horcht: „Alles, was ich höre, ist das Hupen der Autos und das Rattern der Omnibusse.“ „Ich höre ganz in der Nähe eine Grille zirpen.“ „Du musst dich täuschen. Hier gibt es keine Grillen. Und selbst wenn es eine gäbe, man würde sie bei dem Lärm nicht hören.“ Der Indianer geht ein paar Schritte weiter und bleibt vor einer Hauswand stehen. Wilder Wein rankt an der Mauer. Er schiebt die Blätter auseinander – und da…

Fasten 15

Veröffentlicht in 19. Februar 2015

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Ich werde fasten. Beziehungsweise… ich werde es versuchen. Aber auf eine andere Art. Auf meine Weise. Wie so vieles…  Anders als üblich. Was ist üblich? Menschen verzichten gerne. In der Fastenzeit. Das Wörtchen »gerne« hier in schwäbischer Doppeldeutigkeit. Verzicht meine ich nicht. Eben anders. Anders denken. Andere Ansätze. Meine Freunde und mein Gott mögen mir dabei behilflich und gnädig sein.

Kleine Anleitung dazu:

Sich unterbrechen
im alltäglichen Einerlei,
eingespielte Gewohnheiten ablegen
wie einen verschlissenen Mantel. 
Aussteigen aus dem
»Das war schon immer so«,
alte Denkmuster überprüfen,
ob sie noch greifen.
Frei werden,
Neues einlassen
in Herz und Hirn.
Das Unmögliche für möglich halten
und dem Himmel die Türen öffnen.

Quelle: SpiritLetter

Das 18. Kamel

Veröffentlicht in 26. Januar 2015

1404_lampe900Ein Mann reitet durch die Wüste. Er sieht drei Menschen, die sehr traurig sind, und steigt von seinem Kamel. Sie erzählen, ihr Vater sei gestorben. Der Mann tröstet sie und sagt, der Vater habe ihnen doch sicher etwas etwas hinterlassen. Die drei antworten: Ja, gerade darin liege das Problem. Es seien 17 Kamele aufzuteilen. Der älteste der drei bekomme die Hälfte. Der Zeitgeborene ein Drittel und der Jüngste ein Neuntel. Mit 17 Kamelen sei das unmöglich. Der Mann überlegt und meint lächelnd: »Nehmt mein Kamel dazu, dann wird es funktionieren.« So bekam von den 18 Kamelen der älteste Bruder die Hälfte, also neun. Der mittlere Bruder bekam ein Drittel, also sechs, und der jüngste ein Neuntel, also zwei Kamele. Ein Kamel blieb übrig – das Kamel des fremden Mannes. Er grüßte, stieg auf und ritt seines Weges.

Quelle: Nach Paul Watzlawick 

Mein Bruder – ein Brief.

Veröffentlicht in 14. Januar 2015

Als Reaktion auf die Terroranschläge in Paris hat Regisseur Luc Besson (»Leon, der Profi«, »Rausch der Tiefe«) auf seiner Facebook-Seite einen Text veröffentlicht. Hier die deutsche Übersetzung seines offenen Briefs an einen muslimischen Bruder. Mein Bruder, mein Bruder, wenn Du wüsstest, wie schlecht ich mich heute fühle für Dich, Dich und Deine schöne Religion, die so beschmutzt, gedemütigt, beschuldigt wurde. Vergessen sind Deine Kraft, Deine Energie, Deine Menschlichkeit, Deine Brüderlichkeit. Das ist ungerecht, und gemeinsam werden wir sie beseitigen, diese Ungerechtigkeit. Millionen lieben Dich, und wir alle werden Dir helfen. Fangen wir am Anfang an. Wie sieht die Gesellschaft aus, die wir Dir anbieten? Sie basiert auf Geld, Profit, Trennung, Rassismus. In einigen Banlieues erreicht die Arbeitslosigkeit der Unter-25-Jährigen 50 Prozent. Man hält dich…

Nachweihnacht.

Veröffentlicht in 9. Januar 2015

Zwei Wochen lang haben wir jetzt Weihnachten gefeiert. Am Anfang die Heilige Nacht, dann den Weihnachtstag; Neujahr. Dann sechs Tage später das Fest der Erscheinung des Herrn. Weihnachten war. Und was kommt jetzt? Was bleibt?

Schade wenn »wir Christen« an Weihnachten nicht nur ein bisschen Romantik inszenieren. Schön wäre zu begreifen Weihnachten als eine Aufgabe für das ganze Jahr begreifen. Denn Weihnachten hat durch und durch mit dem gelebten und erlittenen Leben von Menschen zu tun.

Erinnerung: Josef und Maria waren Flüchtlinge. Jesus ein Mensch mit Integrationshintergrund, der sich aufmüpfig gegenüber der Staatsmacht zeigte. Die »Drei Heiligen Könige« waren ein »Neger«, ein Jude und ein Araber.

Weihnachten hat offenbar gemacht: Menschsein hat auf engstmögliche Weise mit Gott selbst zu tun und umgekehrt. Das gibt menschlichem Leben eine unvergleichliche Würde, jedem Einzelnen. Es ist völlig gleichgültig, ob eines dieser Wesen groß oder klein, gescheit oder dumm, kunstfertig oder behindert, erfolgreich oder erfolglos, unschuldig oder schuldig ist. Seine Würde ist davon unabhängig und unantastbar. Das war zur Zeit der frühen Kirche nicht selbstverständlich und ist es heute nicht mehr. Darum auch verlangt christlicher Glaube gebieterisch, diese Würde zu verteidigen, wo sie bestritten wird, und sie wiederherzustellen, wo sie niedergehalten ist – ohne Ansehen der Person und der Umstände. So wie Jesus halt. Manche Menschen nennen das Nachfolge.

Quelle/Inspiration: leider unbekannt

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Veröffentlicht in 19. November 2014

Es war einmal ein Gaukler. Der zog von Ort zu Ort, tanzend und springend. Des unsteten Lebens müde, zog er sich eines Tages in ein Kloster zurück. Doch das Leben der Mönche blieb ihm fremd. Er wusste kein Gebet zu sprechen und Psalmen konnte er auch nicht singen. Er kam sich ziemlich fehl am Platze vor. Eines Tages, als die Glocke zum Gebet rief, flüchtete sich der Gaukler in eine abgelegene Kapelle. Kann ich nicht beten wie die Mönche, so will ich doch tun, was ich kann, sagte er und er fing an und tanzte mit Leib und Seele, um Gott zu loben. Ein Mönch war ihm heimlich gefolgt und hatte den Abt geholt. Dieser sah ihm zu und staunte. Als der Gaukler ihn entdeckte,…

Was Heiliges

Veröffentlicht in 1. November 2014

Es ist der erste November. Allerheiligen. Da zu viele zu Heiligen bestimmt wurden – reicht schlicht und einfach die Anzahl von Gedenktagen nicht aus. Somit quasi der Sammelfeiertag für alle diejenigen, die es nicht zum eigenen Tag geschafft haben. Herzlichen Glückwunsch. Oder wie gratuliert man einer Heiligen? Oder überhaupt? Kerze und Gedenkens-Mine aufziehen. Als Heiliger wird ein Mensch bezeichnet, der als einer Gottheit besonders nahestehend beziehungsweise als ein in religiöser und ethischer Hinsicht als vorbildlich angesehen wird. Während des Pontifikats von Johannes Paul II. (1978–2005) wurden allein 482 Personen heiliggesprochen. Er selber am 27. April 2014. Nun denn… Heilig oder nicht. Besser ist… mach Dein Ding und lass Dich von den Anderen nicht aufhalten. Dazu eine Fabel: Die Frösche machten einen Wettlauf. Um ihn besonders schwierig zu machen, legten sie…

Gott. Lob. Dank.

Veröffentlicht in 19. Oktober 2014

Ich will euch eine Geschichte erzählen von drei Männern die sich auf den Weg machen. Auf einen Weg. Wissend was kommt. Eine Herausforderung. Wie ein Berg. Der Mount Everest des kleinen Mannes, wie Herbert Steffny es blumig beschreibt. Doch irgendwie unwissend wie. Die Basics. Die Zutaten. Die Erfolg bringen sollen. Erfolg. Frei definierbar, was damit gemeint ist. Der Optimismus. Vielleicht die Grundvoraussetzung. Die Willenskraft. Nicht klein bei zu geben. Nicht in Selbstmitleid zu verfallen. Die Meilensteine. Im Kleinen denken. Auf das Große hinarbeiten. Schritt für Schritt. Das Üben. Die Beine. Die Puste. Den Kopf. Gerne vergessen – die Seele. Es muss alles mit. Es muss alles passen. Eingepackt sein. Das Anpacken. Das Zutrauen. Das sich-auf-den-Weg-machen. »Zu wissen dass ich es drauf habe. Aber es…

Mit Gewalt gegen Gewalt? #5

Veröffentlicht in 23. September 2014

Einwand 4: Redet nicht auch die Bibel von notwendiger Gewalt? Es gibt zweifelsfrei einige irritierende Texte in der Bibel, in denen Gewalt als von Gott gewollt oder zumindest legitimiert beschrieben wird. Davon eine pauschale Aussage abzuleiten, dass Gewalt halt eben manchmal nötig sei, scheint uns unangemessen. Denn die grossen Linien der gesamtbiblischen Botschaft zeigen uns deutlich, was Gott am Herzen liegt: Schalom – gerechter Friede. Am deutlichsten kommt dieser umfassende Friedenswille in Jesus zum Ausdruck. Kompromisslos kämpft er gegen jegliche Pseudoreligion, gegen Ungerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit – und liebt seine Feinde dennoch, anstatt sie zu töten. Auch dann, als er von den politischen und religiösen Machthabern zum Tod am Kreuz verurteilt wird. Gegen diese Logik der Gewalt protestiert Gott mit der Auferweckung Jesu am Ostermorgen…

Mit Gewalt gegen Gewalt? #4

Veröffentlicht in 22. September 2014

Einwand 3: Sollen wir dem grausamen Treiben denn einfach zuschauen? Nein. Eine friedenstheologische Position ist nicht gleichbedeutend mit teilnahmsloser Passivität. Die derzeitige Situation erfordert eine Reaktion. Die Frage ist jedoch: Mit welchen Mitteln? Eine militärische Intervention scheint längst gerechtfertigt. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch: So mancher „gerechte Krieg“ wurde entgegen der ursprünglichen oder offiziellen Absicht mit zweifelhaften Motiven geführt. Welche Ziele verfolgt die »Allianz der Willigen« im Irak? Hält sie sich in ihren militärischen Aktionen ihrerseits an das Recht, das sie von ihren Feinden einfordert? Warum ertönt in so vielen anderen Fällen menschenverachtender Ungerechtigkeit kein Ruf nach Schutzverantwortung? Wir sind überzeugt: Das Böse muss konfrontiert werden. Aber militärische Gewalt erscheint uns dazu ungeeignet. In den folgenden Punkten sehen wir einige alternative Möglichkeiten:…

Mit Gewalt gegen Gewalt? #3

Veröffentlicht in 21. September 2014

Einwand 2: Die Gewalt kann nur mit Gewalt gestoppt werden. Vor elf Jahren machten sich die Amerikaner auf, den damaligen irakischen Diktator Saddam Hussein als Teil der »Achse des Bösen« zu stürzen. Dies gelang und wurde als schneller Erfolg der gewaltigen Militärmaschinerie gefeiert. Sehr bald wurde aber klar, wie kurzsichtig diese Strategie war. Anstelle des geplanten baldigen Rückzugs, wurden die US-Kampftruppen in einen jahrelangen Kleinkrieg verwickelt, der nicht nur viele Opfer forderte, sondern auch horrende Kosten verursachte. Als die letzten Truppen im Dezember 2011 abgezogen wurden, hinterliessen sie eine politisch instabile Region mit einem Machtvakuum, das seither immer mehr von radikalen Gruppierungen gefüllt wird. Der militärische Einsatz im Irak hat damit zwar einen Diktator beseitigt, aber auch neue Gewaltexzesse erst ermöglicht. Ein Phänomen, das…