Beiträge aus der Kategorie “Gedankenstein

Tante Hilde

Veröffentlicht in 30. November 2015

Ich mag Weihnachten und ich mag blinkende Lichterketten. Ich mag Stechpalmenzweige mit roten Beeren, Sternenreigen an Fensterscheiben, ich mag glitzernd-leuchtende Fußgängerzonen, auch wenn ich weiß, dass das ökologisch bedenklich ist. Von Zimtgeruch und Orangen kann ich nicht genug kriegen und jedes Jahr wieder stelle ich mich unter einen Mistelzweig. Einen Tannenbaum will ich und der soll nicht nur mit drögem Stroh geschmückt sein. Ich will englische Weihnachtslieder, weil die so heiter klingen, ich will Gold, ich will Silber, und wenn es nur angemaltes Blech ist. Ich will einen Blick in den Festsaal werfen. Ich will glauben: Heute ist alles gut, auch wenn nicht alles gut ist. Ich will einen Vorgeschmack aufs große Ganze. Sehen, wie es wäre, wenn Frieden wäre und Glück und Schönheit…

Auf dem Weg zu Gott

Veröffentlicht in 9. November 2015

Um dahin zu kommen, alles zu schmecken, suche in nichts Geschmack. Um dahin zu gelangen, alles zu wissen, suche in nichts etwas zu wissen. Um dahin zu kommen, alles zu besitzen, suche in nichts etwas zu besitzen. Um dahin zu kommen, alles zu sein, suche in nichts etwas zu sein. Um zu erlangen, was du nicht schmeckst, geh wo du nichts schmeckst. Um zu erlangen, was du nicht weißt, geh wo du nichts weißt. Um zu besitzen, was du nicht besitzt, geh wo du nichts besitzt. Um zu erlangen, was du nicht bist, geh wo du nicht(s) bist. Sowie du bei etwas verweilst, gehst du nicht mehr zum Alles. Um in allem zum Alles zu kommen, ist im Alles alles zu lassen. Und wenn…

Wunderbar – nicht perfekt

Veröffentlicht in 27. September 2015

Als Gott Himmel und Erde erschaffen hat, Sonne und Mond und alle Sterne, Meere und Berge, Pflanzen und Tiere und ganz zum Schluss auch noch den Menschen gemacht hat, da sieht er sich alles an.

Und sagt: „das ist sehr gut“. So steht das am Anfang in der Bibel.

An einer anderen Stelle der Bibel steht, wie einer betet und Gott dankt.

Weil das alles so wunderbar ist:  Morgenröte und Sternenhimmel, die Augen der Kinder und die knittrigen Lachfalten der Alten, Vogelgezwitscher und Meereswellen und unsre Hände und Füße, Nasen und Nieren und vor allem unsre Herzen und Seelen.

Du und ich: wunderbar!

Gott sagt: sehr gut! Aber Gott sagt nicht: perfekt. Das ist ein großer Unterschied.

Textquelle: unbekannt

Wirtschaftsflüchtling

Veröffentlicht in 21. September 2015

Wirtschaftsflüchtling mit fünf Buchstaben: Jakob. Ja genau der, der in der Bibel so eine große Rolle spielt. Erzvater Jakob. Er ist der, der den Beinamen Israel bekommen hat. Israel bedeutet: der der mit Gott kämpft. Und das war er wahrlich sein ganzes Leben lang: ein Kämpfer. Er hat sich mit allen angelegt, am liebsten mit den eigenen Verwandten. Mit seinem Zwillingsbruder Esau hat er um das Erstgeburtsrecht gekämpft. Mit der Hilfe seiner Mutter Rebekka hat er nicht nur den Bruder sondern auch den Vater betrogen. Auch er selbst wurde betrogen, von seinem Schwiegervater Laban. Wer austeilt muss auch einstecken können. Ein streitbarer Geselle war dieser Jakob. Und zwischen all seinen Familienfehden hatte er auch noch Zeit, sich immer wieder mit Gott anzulegen. Er hat…

Erhebe dich

Veröffentlicht in 5. September 2015

Wieviel an Not darf zu uns hier herein? Wieviel Elend lassen wir zu? Geht bald noch ein Flüchtling im Hassfeuer ein, findet bei uns solche Ruh? Fällt es uns schwer, einfach menschlich zu sein? Strengt uns das an? – Was meinst Du? Ich träume davon: Wir öffnen Herz und Hand. Sei freundlich zum Fremden, deutsches Land! Wer zündelt an unsrem Gemeinsinn herum? Wer nimmt Flüchtlingsheime aufs Korn? Wer zieht sich den Scheitel wie Adolf rechts rum? Wer bläst in’s Germania-Horn? Wer brüllt braune Sprüche, noch dümmer als dumm? Wer schiebt gern die Unschuld nach vorn? Ich träume davon: Sie werden weiß wie Wand. So sei wieder rein, mein deutsches Land! Ist Deutschland tatsächlich Sozialamt der Welt? Trägt nicht der, der arm ist, viel mehr?…

über die Freundschaft

Veröffentlicht in 26. August 2015

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Ob ich was über Freundschaft schreiben könnte. Wurde ich unlängst gefragt. Kurz prägnant. Leider gehöre ich der Gattung Mensch die immer »ja« sagt. Obgleich ich kein Ja-Sager bin. Was kein Widerspruch ist. Später denke ich – jetzt hast du den Salat. Musst du liefern. Gar nicht so einfach. Denn die klassische Beschreibung mit den typischen Schlagworten ist ungefähr so unterhaltsam, so erfrischend und so überraschend, wie wenn sich an einem Bahnübergang die Schranke öffnet.

Hier mein Versuch:

Ursprünglich wollten wir uns miteinander messen. Jungs. Fussball. Tore. 11 gegen 11. Doch es fehlten. Spontan – wie vielleicht nur ballverliebte Jungs sein können – spielten wir mit statt gegeneinander.
35 Jahre später.
Jeden Mittwochabend steht die Zeit still. Dem Ball jagen wir seit Jahren nicht mit hinterher. Außer Zweien. Stattdessen über dies und jenes schwätzen und streiten. Lachen und weinen. Und Bier trinken. Einfach zusammen eine gute Zeit haben. In all den Zeiten die wir gemeinsam erlebt haben. Es wurde geheiratet. Geschieden. Gestorben und Geboren. Gekündigt. Erkrankt und Geheilt. Getragen und Gefeiert. Leben eben. Mittwochs sind wir die Jungs die Blödsinn aushecken. Die die viel beschriebenen Pferde stehlen.
Menschen nennen dies auch Freundschaft. Ein Glücksfall einer von den Jungs zu sein.

Heute ist Mittwoch.

Julimorgen

Veröffentlicht in 26. Juli 2015

Es muss dies eine von jenen Tagesfrühen gewesen sein, wie es solche im Juli gibt: neue ausgeruhte Stunden, in denen überall etwas Frohes, Unüberlegtes geschieht. Aus Millionen kleinen ununterdrückbaren Bewegungen setzt sich ein Mosaik überzeugtesten Daseins zusammen; die Dinge schwingen ineinander hinüber und hinaus in die Luft, und ihre Kühle macht den Schatten klar und die Sonne zu einem leichten, geistigen Schein. Da gibt es im Garten keine Hauptsache; alles ist überall, und man müsste in allem sein, um nichts zu versäumen. Rainer Maria Rilke

frei für

Veröffentlicht in 30. Juni 2015

Segen – frei für das Leben hinter den Zäunen der Welt. Weg von Eingrenzung. In einer kirchlichen Jugendgruppe wurde gefragt, was die Teilnehmenden sich in Bezug auf Kirche für ihr Leben wünschen. Sehr viele sagten: Segen. Ich wünsche mir, dass mein Leben gesegnet ist. Was ist ein gesegnetes Leben? Es ist ein Leben ohne allzu große Entbehrungen. Man hat ein Dach über dem Kopf, Kleidung, in der man sich wohlfühlt, und Geld genug, um das eine oder andere Hobby zu pflegen. Ein gesegnetes Leben ist ein Leben in einer Gemeinschaft, in der man Wertschätzung erfährt. Ein gesegnetes Leben ist ein Leben, in dem Liebe einen großen Stellenwert hat. Ein gesegnetes Leben ist ein sinnvolles Leben. Man steht morgens auf und weiß, wozu. Man kennt…

achte gut

Veröffentlicht in 11. Mai 2015

hochauflösende Version

Achte gut auf diesen Tag,
denn er ist das Leben – das Leben allen Lebens.
In seinem kurzen Ablauf liegt alle seine
Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins,
die Wonne des Wachsens,
die Größe der Tat,
die Herrlichkeit der Kraft.
Denn das Gestern ist nichts als ein Traum
und das Morgen nur eine Vision.
Das Heute jedoch, recht gelebt,
macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück
und jedes Morgen zu einer Vision voller Hoffnung.
Darum achte gut auf diesen Tag.

Dschelal ed-Din Rumi (1207-1273)

Wissen. Weisheit.

Veröffentlicht in 25. April 2015

Was ist der Unterschied zwischen Wissen und Weisheit? Einmal wurde ein Gelehrter vom Sultan zu einem Vortrag eingeladen. Der Sultan dachte wohl, dass ein bisschen mehr Bildung an seinem Hof gut täte. Jedenfalls, der Gelehrte fühlt sich sehr geschmeichelt. Und deshalb machte er sich auch bei der nächstbesten Gelegenheit auf die Reise. Doch: Als er am Hof des Sultans ankommt, ist niemand da. Irgendwie hatte es da mit der Terminabsprache wohl nicht so geklappt. – Jedenfalls: der Palast des Sultans ist wie leergefegt. Man kann sich gut vorstellen, wie enttäuscht der Gelehrte ist: Er hat so einen weiten Weg auf sich genommen; und sich so gut vorbereitet – und jetzt das! Da kommt der Stallknecht aus dem Stall. »Wo sind denn all die anderen«,…

Er war Mensch.

Veröffentlicht in 9. April 2015

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9. April 1945
Der Theologe Dietrich Bonhoeffer, gerade mal 39 Jahre alt, wird im KZ Flossenbürg von den Nazis ermordet. Der Lagerarzt von Flossenbürg war Zeuge dieses Geschehens. Er schreibt:
»Durch die halbgeöffnete Tür eines Zimmers im Barackenbau sah ich vor Ablegung der Häftlingskleidung Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien. Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebetes dieses außerordentlich sympathischen Mannes hat mich auf das Tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und bestieg dann mutig und gefasst die Treppe zum Galgen. Ich habe in meiner fast 50jährigen ärztlichen Tätigkeit kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen.«
Bonhoeffer, ein eher konservativer Mann, gehörte keiner politischen Gruppe an. Er war Mensch.
»Wenn man in einen falschen Zug einsteigt, nützt es nichts, wenn man im Gang entgegen der Fahrtrichtung läuft.«
Bonhoeffer hinterlässt unfassbar gute Texte.

Buch-/Lesetipp: Dietrich Bonhoeffer: Finde deinen eigenen Weg

 

 

 

Heute Schwei

Veröffentlicht in 13. März 2015

1503_schwei
Ein ganz mieses Foto. Unfertig. Situation schamlos ausgenutzt. Tagesmenü: Schwei.
Schwei? Schweizer Wurstsalat? Schweineschnitzel oder Braten? Egal. Kurze Zeit später ist alles anders. Sauber. So wie es Menschen gewohnt sind. Weggewischt. Neu beschriftet oder vollendet. Und mir wird wieder bewusst, dass vieles erst entstehen muss. Nichts ist von Anfang an fertig. Vieles kann sich entwickeln. Besser muss. Gut wenn überhaupt. Schlecht wenn nicht. Schon am Morgen dieses Tages ist mir folgendes zugeflogen.

Wenn der Baum geboren wird, ist er nicht sofort groß.

Wenn er groß ist, blüht er nicht sofort.

Wenn er blüht, bringt er nicht sofort Früchte hervor.

Wenn er Früchte hervorbringt, sind sie nicht sofort reif.

Wenn sie reif sind, werden sie nicht sofort gegessen.

Aegidius von Assisi (1186-1231)

Wie wahr.