bäppede Hend

Veröffentlicht in 28. August 2025

Ich sitze im ICE auf der der Fahrt nach Stuttgart. Hauptbahnhof Erfurt. Früh da. Gut so. Mega froh dass ich da bin. Einen Happen essen. Kaffee und Kuchen. 2 Kugeln Eis. Ein ganz spezieller Tag wie gefühlt alles auf dieser Reise. 87 km 5 Stunden Fahrzeit. Regentatsächlichkeit, 98%. Von diesen wiederum waren 50% starke Regen. 40% normaler Regen. 10% getröpfelt. Eigene Wahrnehmung.

An das Brennen in den Augen gewöhnst du dich beziehungsweise ist mal da mal nicht da. Meine Finger, runzelig wie nach einem Dauerbad. Es ist nicht kalt. Es ist windstill. Yeah. Let‘s go. Setze mit ein Zwischenziel. Ab da fahre ich ggf. mit dem Zug. Was ich nicht machen werde. Ankommen zählt. Es fällt mir nicht leicht. Es ist ok. Kurz vor Erfurt ein See, bei Sonne hier kurz reinhüpfen. Heute nicht. Angekommen. Das gaaaanz langsame umziehen von nass zu trocken ist eine Wohltat. Versteckt bei den Schließfächern. Meine Ausrüstung nahezu perfekt. Regendichte Fahrradtaschen. Eine als Rucksack tragbar. Gepäckträger muss ich mir was überlegen. Im Wiegetritt kommen sich Tasche und Speichen in die Quere. Auf dem Uphill zum Brocken geschuldert. Danke Rücken. Brav. Fast alles doppelt verpackt. Innen Ordnung (wirklich) mit System und nochmals wasserdicht. Ganz schön schlau.

Im Hintergrund das Lied der Autobahn. Dieses permanente Rauschen. Ich liebe Ruhe. Wenn sie manchmal auch gespenstisch scheint. Ich habe gut geschlafen. Fühle mich etwas schmuddelig so duschen nach einer Radfahrt hat schon was. Ist ein angenehmeres aufwachen. Ich zelte auch gerne und nicht umsonst über den Brocken gewuchtet. Meine Hände schreie nach Seife. Jede Schwäbin, jeder Schwabe weiß was mit »bäpped« gemeint ist. Bäpped sen se.

Der Regen des Gewitter heute Nacht hat einen Nebel hinterlassen. Jetzt einen Kaffee. Nicht aus Sucht oder verlangen, sondern weil das ein gewohnter Tages Anfang ist. Love it. Hab einen kleinen Kocher dabei. Zu faul. Ich verlasse mich einfach darauf, dass bald ein Bäcker kommt. Zusammenpacken. In die Gänge kommen ist ein nicht unerheblicher Teil des Reisens. Übrigens mein Nachtlager: Heringen/Helme. Stadtrechte. 4474 Einwohner. Der SV Grünweiß Uthleben e.V. ein Sportverein hat 2 Mitglieder im Gemeinderat. UND: einen REWE-Markt mit Bäcker. Was willst du mehr – ok vielleicht eine Brise Sonne. Die gibt es heute nicht.

Ich fahre los. Etappe BSEF.2 (Strava). Wetter siehe oben. Es wird, ist und war beschissen. Du zählst die Meter auf dem Navi. Das Touchdisplay und die Regentropfen spielen ein Spiel. Die Strecke, die Radwege vorzüglich. Wenig Verkehr auf den Straßen. Dazu Super-Radwege. Passt irgendwie auch nicht. Das Gewitter hat seine Spuren hinterlassen. Schnecken machen sich auf Wanderschaft. Der Regen tut der Natur gut. Keine Frage. Dem Achim nicht. Hinundwieder – vorallem in Ortschaften roubaix-ähnliche Pavets. Kopfsteinpflaster. Erinnerungen an alte Ostzeiten. Irgendwie nehmen sie es hin. Die Menschen. Mehr FCK AFD und NO NAZIS als andere Äußerungen. Einmal lese ich einen Banner Absurdistan. Ich konzentriere mich auf die Strecke. Kein Sturz. Keine Panne. Bitte! Wenn nur schon im ICE in die Heimat sitzen würde.

Ende.

Streckenverlauf siehe STRAVA. HHBS und BSEF.

Brocken & Bali

Veröffentlicht in 27. August 2025

Erstens:
Ich wollte immer unbedingt auf den Brocken. Nehme den Mund voll: Was will ich auf Bali, solange ich noch nicht dort oben war. Vielleicht hat gerade dieser Wunsch mich hinaufgetragen. 26,6 Kilometer am Stück bergauf, 24 davon über Schotter im Schnitt 9%-Steigung oder so– das ist irgendwann kein Spaß mehr, sondern ein Ringen von Achim, Mind und Material. Zwei Passagen habe ich geschoben, eine Schraube verloren, repariert, weitergefahren. Das Gehoppel geht an die Substanz, klingt dramatischer als es ist – wie so oft: Erzählwert und Erlebniswert gehen auseinander.

Erschreckend sind die abgestorbenen Bäume am Brocken: sichtbarer Zusammenbruch der alten Fichtenwälder – und doch zugleich der Beginn eines neuen, widerstandsfähigeren Waldes. Klimawandel. Borkenkäfer. Viel Glück und Zukunft. Ich schaue nach vorn.

Wenn dir das Kaputtsein – die Freude stiehlt, bleibt ein stilles Ja: Zufriedenheit, leise dir selbst geschenkt.

Zweitens:
Während ich diese Zeilen schreibe, liege ich im Zelt. Bis kurz vor Dunkelheit war ich unterwegs. Regen war angesagt, aber kein Gewitter. Ich habe einen guten Platz gefunden – dann kam der starke Regen, dazu Blitz und Donner. Glück, dass ich mich unter das Vordach eines in die Jahre gekommenen Jugendhauses retten konnte: Spielfeld, Tischtennisplatte, Basketballkorb. Als es aufhört, fährt ein Auto vor. Hoppla, denke ich. Vier Jungs steigen aus. Es regnet noch leicht. Ich öffne mein Zelt, rufe ein Hallo. Nach einem Snack bei Burger King noch Lust auf eine Kippe im alten Jugendclub. Sie erzählen mir aus ihrem Leben, ich höre zu. Und frage interessiert. In einen Balken hat jemand AKAB eingeritzt – falsch geschrieben oder doch mit eigener Bedeutung? Dann ziehen sie wieder los, und ich bleibe allein mit Regenluft, Muffig- und Müdigkeit.

Drittens:
Der gestrige Tag klang aus mit einem Fußballspiel, das man nicht vergisst. Ein Jahrhundertspiel. Fünfzehn Tore, der zwanzigste Elfmeter bringt die Entscheidung. Gerne hätte ich noch das Duell der Torhüter gesehen. Aber irgendwann muss selbst die Spannung schlafen gehen. Und Bali kann mich mal.

Schwindelnde Höhe

Veröffentlicht in 26. August 2025

Als ich Celle verlasse, entdecke ich unterwegs gleich mehrere schöne Schlafplätze. Ein Zelt aufstellen, ausruhen, fertig – manchmal braucht es nicht mehr. Vielleicht ist es einfach die Müdigkeit, vielleicht liegt es daran, dass der erste Tag einer Reise noch nicht ganz das Loslassen zulässt, sondern man in vertrauten Sicherheitsstrukturen denkt. Vielleicht ist es auch immer so. Keine Ahnung. Jedenfalls fahre ich mit einem guten Gefühl aus Celle hinaus.

Ich passiere die »Food Mafia« (fragt mich nicht) und die Firma Moeck – Musikinstrumente und Verlag. Zu wissen, dass meine Blockflöte aus Celle stammt, ist eine schöne kleine Erinnerung.

Seit dem Verlassen der Lüneburger Heide prägt die Landwirtschaft stärker das Bild: mehr Ackerbau, mehr Weite.

Viele Felder sind bereits abgeerntet, der Mais steht noch – teils sattgrün und bewässert, teils schon ausgedorrt und erntereif. So wirkt es, als wolle man die Ernte bewusst in Etappen strecken. Überall ragen Windräder in den Himmel, in jede Richtung.

Nach Jahren der Zurückhaltung habe ich mir endlich wieder ein VfB-Trikot gegönnt. Heute ist Spieltag, also trage ich es auch gleich. Als Radtrikot funktioniert es überraschend gut – ob ich mich darin richtig wohlfühle, muss ich erst herausfinden.

Die Radwege sind einmal mehr wunderschön. Ein guter Mix aus Asphalt und Gravel, nie zu viel oder zu wenig, nie zu lang oder zu kurz. Viele Wege führen entlang von Büschen, Bäumen, oft auch Alleen. Zuhause sind die meisten davon verschwunden – vermutlich, weil die Autofahrer zu doof dafür sind. Ein kleines Stück entlang des Mittellandkanals.

In meinem Kopf klingt noch das Interview nach, das Robert Habeck der taz gegeben hat. Heute beim Frühstück gelesen. Voll die Leseempfehlung. Es spiegelt auch meine Haltung zur Politik: Enttäuschung – trotzdem der Blick nach vorne. Gleichzeitig spüre ich, wie dringlich ich mir Veränderung wünsche. Politisch heißt das für mich, dass ich mir den Rücktritt von …. wünsche. Das Bild mit dem wurstgefresse des Söder‘s als Fetisch lächelt mich an. Irgendwie traue ich einigen nicht über den Weg.

Ein Badesee auf dem Weg wirkt unappetitlich: eine trübe Brühe mit seltsam grünlichem Film am Ufer. Ein See weiter hüpfe ich ins Wasser, eine kurze Erfrischung. Der Zugang ist problemlos, obwohl weiter vorne als Anglersee und Privatgrundstück ausgerufen. Ich liebe dies, gefühlte pure Freiheit. Es ist ein Selfie. Unter Menschen nicht so meines ;-)

Nach 65 Kilometern rolle ich in Braunschweig ein. Mein erstes Etappenziel. Heute Abend dann der VfB im DFB-Pokal, ausgerechnet bei der Eintracht. Ich bin gespannt – noch letzte Woche stand ich in der Kurve zwischen den Braunschweig-Fans, alles in Blau-Gelb. 1967, das Meisterjahr, haben sie sich als Denkmal gesetzt – verdammt lange her. Der frühere Trainer Torsten Lieberknecht hat einmal gesagt: »Wir sind halt der kleine Pissverein.«

Heute Abend wird es sich zeigen. Ich freue mich. Ich bin gespannt.

Der Bürgermeister von

Veröffentlicht in 25. August 2025

Am Ende des Tages blieb das Gefühl: beschissen worden. Booking-Rate und Hoteltresen, zwei Welten, die nicht zueinander passten. Kein Platz fürs Zelt, keine sichere Ecke gefunden. Die Dunkelheit stand schon bereit. Der Thermometer zeigt nach unten. Alternativlos – gestehe ich mir ein.

Nachtzug. Gestartet in Hamburg. Gelandet in Celle. Dazwischen: unglaublich Schönes. Nur die letzten fünfzig Kilometer einfach nur gefressen, stumpf auf dem Radweg entlang der B3. Zwischen Sahne und Finger in den Hals. Wer von A nach B will, muss auch Kilometer können. Nicht immer Sand, Stein, Wald und Ruhe. Kerzengerade. Arbeit für Beine und die Gedanken. Hat auch seinen Reiz, wenn du merkst wie Autoverkehr weniger wird. Wenn die Dörfer kleiner, zerfallener, weniger wichtig werden.

Aus Hamburg heraus rollen – und dann: plötzlich Wald. Viel Wald. Unerwartet, schön, mit Wegen, die tragen. Dann Lüneburger Heide.


Ich wusste, wie sie aussieht. Danke Erdkunde. Jetzt weiß ich, wie sie sich anfühlt. Gravel-Paradies, kleines Eldorado. Wandersleute. Pferde. Pferdewagen. Fahrräder. Dann dieser Duft – ganz sanft, kaum greifbar. Jemand schreibt es rieche nach Sand-Thymian. Die Ericas (Glockenheide), vielleicht. Die Besenheide? Ein Parfum ohne Absicht, schwebend, still, wunderbar.

Kurz vor Celle: Bergen. Unspektakulär. Als Bergen-Belsen eher ein Begriff. Geschichtsträchtig. Konzentrationslager. Zu spät für die Gedenkstätte. Zum Mahnmal des Deportationswaggon gefahren. Ein Polizeiauto patrouilliert, der Bahnhof dahinter ist NATO-Gelände. Rheinmetall-LKWs in Camouflage auf der Straße. Schweres Bild, noch schwerer mein Atem.

Und dann wieder das Leichte, fast Absurde:
ein pink angemalter Wohnwagen am Straßenrand, eine Frau darin. Straßenstrich.
Heideblüten, süßer Duft, käufliche Nähe.
Ein Tag voller Gegensätze.

Sonne. Kilometer. Gedanken.
Was will ich?
Was will ich wirklich?
8h im Sattel – Zeit zu Denken.

Durchfahrt: Wesel. Ob es das Wesel ist, das den Bürgermeisternamen als Echo trägt – zu müde, um es zu googeln.

Duschen. Augen zu.
175 Gramm Haribo Erdbeeren im Bauch.
Ja Ja – Zähne putzen.

Der Mann im weißen T-Shirt

Veröffentlicht in 21. August 2025

Keine Ahnung, was ihn geritten hat. Was und Wen ihn reitet. Und Warum?
In Untertürkheim steigt er ein. Weißes T-Shirt, normaler Typ. Der Mann im weißen T-Shirt. Kaum eingestiegen füllt er die S-Bahn mit seiner Stimme.
»HALTS MAUL. ICH KOMME AUS ZWICKAU. INGOLSTADT ÄHH REGENSBURG. SCHEISS STUTTGART. KOMM NÄHER UND ICH HAUE DIR EINE, DASS DU DEIN WUNDER ERLEBST.«
So in etwa, und in Dauerschleife. Aufgeregt, der Mann in weiß. Eine stille Gelassenheit über den Fahrgästen.

Er wirkt nicht wirklich aggressiv, mehr wie einer, der sich selbst im Echo verliert. Vielleicht Alkohol. Vielleicht nichts außer sich selbst.
Immer wieder stehen Leute auf, wollen unaufgeregt Ruhe reinbringen. Am Neckarpark Schluss: Türen auf, Türen zu, Stillstand. Polizeieinsatz. Jemand hat gepetzt. Alle raus. Mahlzeit.
Ich habe Zeit. Wäre ich in Eile, Anschlusszug oder ähnliches – dann Prost, Mahlzeit. So bleibt es nur eine Geschichte. Der Mann im weißen T-Shirt legt mal eben die S-Bahn-Strecke nach Esslingen lahm. Ein Mann! Ein Depp. In Weiß.
Später radle ich nach Stuttgart. 500 Meter weiter: derselbe Mann, diesmal umstellt von zwei Polizeiautos und vier Beamten. Wenig später: Bushaltestelle, er allein. »SCHEISS DAIMLER«, schreit er jetzt in Richtung Straßenasphalt und Museum.
Ich bin kurz davor, zu ihm zu gehen, und ihm in aller Ruhe zu sagen:
HALT DU DEIN BLÖDES MAUL.
DU DEPP, DU DEPP, DU DEPPERDER DEPP DU.
Ich lasse es sein.
Stattdessen trete ich weiter in die Pedale.
Am Cannstatter Wasen wachsen die Zelte in den Himmel. Eisen, Planen, Gerüste, alles im Aufbau. Noch riecht es nach Erde, Holz und Diesel, noch nicht nach Bier und Zuckerwatte, gebrannten Mandeln. Ein paar Wochen, dann ist Volksfest. Der Herbst tastet sich heran.
Oh Mann – wir sind schon verdammt weit im Jahr.

Für Leben, Freude und Frust

Veröffentlicht in 10. August 2025

Kurze Morgengedanken (Nordschwarzwald-Triathlon)
nach 4. Mose 6,24–26

Es ist Sonntag. Das heutige Wort zum Sonntag lautet:
»Der Herr segne dich und behüte dich …« steht so bei Mose.

Ein Segen, der Gottesdienst beendet. Basics. Wir sind jetzt beim Start.

Basics ist mehr als Sport.
Es ist Freude am Körper.
Es ist Frust, wenn’s nicht läuft.
Es ist Leben pur – zwischen Endorphin und Muskelkater.

Basics – das ist nicht nur Sport.
Das ist ein Reset-Knopf.
Puls hoch, Kopf frei, Körper an, Alltag aus.

Du gehst an deine Grenzen.
Und manchmal drüber.
Lachst mit anderen.
Oder schweigst mit dir selbst.

Und Gott?
Er ist dabei.
Nicht nur auf dem Siegertreppchen,
auch im Frust danach.
Nicht nur in der Kraft,
auch in der Erschöpfung.
Vielleicht ist Gott näher,
wenn du außer Atem bist,
als wenn du den Atem anhältst.

Der Herr segne dich –
wenn du alles gibst.
Der Herr behüte dich –
wenn du zweifelst, ob es reicht.
Der Herr schaue dich freundlich an –
ob du Erster bist oder Letzter.
Und gebe dir Frieden –
mit deinem Körper, deinem Weg, dir selbst.

Fall des Falles

Veröffentlicht in 8. August 2025

Ich sollte mich auf die Suche machen. Nicht nur, um endlich etwas Ordnung ins Chaos zu bringen – wobei Chaos ja so ein Wort ist, das für die einen wildes Durcheinander bedeutet und für die anderen… na ja, einfach: Alltag.
Worum’s eigentlich geht: meinen Bescheid. Besser gesagt: meinen Ausmusterungs-Bescheid.

Wie fast alle Jungs in meinem Alter (ein paar wurden einfach vergessen) durfte ich damals in Ludwigsburg antreten. Jägerhofallee. Musterung. Fester Termin. Eisentore. Lange Flure. Büros wie aus einem alten Schwarzweißfilm. Nervosität. Vieles ist verblasst, nur eins nicht: dass ich beim Sehtest durchgefallen bin.
Ein paar Tage vorher zuvor – theoretische Führerscheinprüfung (Friedensstraße in Ludwigsburg), auch da: Augen-Test versemmelt. Räumliches Sehen? Fehlanzeige. Mit Brille geht’s, aber ich wäre selbst dann ein miserabler Schütze geworden. Beim Sommer-Biathlon habe ich das runde schwarze Zielfeld der nebenliegenden Bahn des Gegners getroffen. In bester Absicht. Mein Protest blieb ungehört. Lachen. Nicht, dass ich Biathlon mögen würde.

Dann dieser Raum: ein langer Tisch. Leicht erhöht. Mir gegenüber drei oder vier Männer. Keine Uniformen, aber amtlicher Blick. Gespräch über mein Augenlicht, über Militär. Ich sagte, dass ich eh verweigern wolle.
Das Urteil: T6. Tauglichkeitskategorie ganz unten. Ich war erleichtert – und gleichzeitig nachdenklich darüber, wie untauglich ich offenbar war. Eine Verweigerung wird mir untersagt, weil ausgemustert. Ein Scheiss-Wort im Bezug auf Menschen. Meine »Sport-Karriere« beginnt erst Jahre später.

Heute denke ich: Irgendwo muss dieses Papier noch sein. Beweisstück. Auch wenn ich in einem Alter bin, in dem eine Einberufung ziemlich ausgeschlossen ist – erst recht mit meiner Sehkraft. Die wurde in den Jahren nicht besser. Ich schwör.
Und doch: Ich lese, dass das Parlament im »besonderen Fall« mit Zweidrittelmehrheit Gesetze aktivieren kann, wenn ein Angriff auf Deutschland bevorsteht oder schon läuft. Allein das zu lesen, macht mich fassungslos. Wie haben wir die letzten Jahre gestaltet, dass solche Gedanken wieder Platz haben?

Ich hoffe, dass mein Bescheid noch existiert – oder dass er im Ernstfall irgendwo in einer Akte steckt. Eine mögliche Digitalisierung beruhigt mich nicht. Angeblich prüft im Fall des Falles die Agentur für Arbeit, wer welche »Kompetenzen« hat. Für viele mögliche Tätigkeiten. Auch für Müllentsorgung.

Da würde ich mich freiwillig melden. Ehrlich.
Gestern am Bahnhof habe ich eine achtlos weggeworfene, leere Haribo-Tüte in den Mülleimer geworfen. Einfach so. Ohne Befehl. Ohne Uniform. Ich würde es wieder tun.

Einer namens Mondschein.

Veröffentlicht in 4. August 2025

Es regnet. Und es ist Montag.

Wie Tropfen, die zitternde Kreise in ’ne Pfütze zeichnen, tanze ich zwischen Fußball-Vorfreude und Fußball-Sommerschlaf.
Das passt. Denn was da gerade im deutschen Fußball passiert, ist ein Pfützentheater ganz eigener Art: heiß verhandelt, kalt erwischt, jetzt Stimmung wie Nieselregen auf nassem Kunstrasen.
Ein Spieler – nennen wir ihn Mondschein – verhandelt mit einem neuen Klub. Im Hintergrund. Ohne offizielle Freigabe. Ein kleiner Satz fehlt: „Der aktuelle Verein hat zugestimmt.«
Hat er aber nicht. Dafür wurde schon alles andere geregelt. Geld, Laufzeit, Perspektive. Alles unter der Decke – bis sie verrutscht.

Und dann?
Dann ist die Empörung groß.
Die Stimmung: mies.
Der Spieler: wortkarg.
Der Verein: verärgert.
Die Presse: hungrig.
Und der Fan? Weiß auch nicht so recht, ob er sauer sein darf – oder einfach nur müde.

Dabei ist die Regel klar:
Wer unter Vertrag steht, verhandelt nicht mit anderen – es sei denn, der Verein erlaubt es. Schwarz auf Weiß. Arbeitsrechtlich. Sportlich. Menschlich. Punkt.

Aber warum einfach, wenn’s auch lukrativ geht?
Weil es eben nicht um ein paar Euren geht. Sondern um viele. Um sehr viele.
Da reden Menschen über »Mehrwert«, während draußen Leute mit Mindestlohn den Rasen pflegen. Da geht es nicht ums Überleben, sondern ums Optimieren. Und da wird ein Vertragsbruch schnell zur Karriereoption umgedeutet.

Was mich daran stört?
Nicht der Wechsel.
Nicht das Geld.
Sondern die Haltung.

Dass sich der Spieler jetzt als Opfer gibt (meine politische Wahrnehmung)– das ist das eigentlich Erschütternde. Dass viele Fans das Spiel durchschauen – ist immerhin ein Trost.

Denn eigentlich ist alles ganz einfach:
Wenn du dich verzockt hast, sag: »Mein Fehler.«
Wenn du Regeln gebrochen hast, steh dazu.
Wenn du dich im Trikot eines Vereins schlecht fühlst – dann geh. Aber ehrlich.

Und ja, es regnet.
Schon wieder.
So nervt alles – am wenigsten das Wetter. Die Stimmung wird sich gedreht haben – und einer wird gelächelt haben. Ganz sicher.

Dropbox, goodbye.

Veröffentlicht in 31. Juli 2025


Hallo Achim Seiter,
wir wünschen Ihnen weiterhin viel Spaß mit Dropbox Plus. Mit dieser E-Mail möchten wir Sie kurz darauf hinweisen, dass Ihr Abo am 22. August 2025 automatisch verlängert wird.

Ein Abschied in mehreren Gedanken.

Ich habe meine Dropbox gekündigt.
Nicht spontan. Nicht wütend. Die Dropbox hat mir »den Arsch gerettet«, als alles weg war.
Eher leise, aber entschieden.
Nicht weil ich alles ablehne, was aus Übersee kommt. Ganz im Gegenteil. Ich nutze viele Tools, die dort entwickelt wurden. Ich schätze die Offenheit, den Erfindergeist, die Haltung vieler Projekte. Und ich werde sie auch weiterhin nutzen – aber mit einem wacheren Blick.

Weil ich irgendwann gemerkt habe, dass mir nicht mehr wohl ist mit dem Gedanken, dass meine Texte, Ideen, Fotos – mein digitales Ich – irgendwo auf amerikanischen Servern lagern. Weil ich nicht mehr mitspielen will in einem Spiel, das auf Bequemlichkeit baut und Kontrolle verschenkt.

Es ist nicht nur ein Dienstleister.
Es ist ein System.
Und ich bin raus.

Ich will zurück nach Europa.
Zurück zu einer digitalen Heimat, die wenigstens versucht, Datenschutz ernst zu nehmen.
Zurück zu einem Raum, in dem meine Daten nicht sofort Rohstoff für Werbealgorithmen werden.

Klar, es ist unbequem.
Sich neu zu organisieren.
Sich zu entscheiden.
Sich nicht mehr alles gefallen zu lassen.

Aber genau darin liegt die Freiheit.
Im Nein.
Im eigenen Weg.
Im bewussten Verlassen einer Komfortzone,
die längst keine mehr war.

Und vielleicht ist es nur ein kleiner Schritt.
Aber es ist meiner.
Vielleicht ist das naiv. Vielleicht ist es nur ein Tropfen auf den heißen Server. Aber es fühlt sich richtig an. Denn manchmal beginnt Verantwortung genau da, wo Komfort endet.

Von der Dummheit und dem Sammeln

Veröffentlicht in 1. Juli 2025

Es mag sein, dass ich was dünnhäutiger geworden bin. Vielleicht, dass mir nicht mehr alles egal ist. Ist meine eigene Erklärung. Für mich, klingt positiver. Möglicherweise wirke ich belehrend, obwohl mir das Schulmeistersein fremd ist. Ich wäre ein schlechter Lehrer, ein noch schlechterer Trainer. Anweisungen geben fällt mir schwer. Träume von Einsicht und -en. Oft möchte ich einfach meine Ruhe.

Ich sitze vor dem Hotel. Trinke einen Cappuccino. Genieße Ruhe und die sommerliche Morgenkühle. Ein kräftiger Wind lässt die Blätter und Zweige tanzen. Eine Hotelgast schreitet in Gedanken und mit Blick aufs Handy voran. Er navigiert vom Frühstücksraum auf die Terrasse, kommt mir in den Sinn. So muss es wohl sein. Kann sich nicht entscheiden, welchen der vielen freien Plätze er nutzen möchte. Diese ähnlich einem Biergarten. Die großen Sonnenschirme einer Brauerei sind in Ruhestellung. Gast verschwindet wieder. Kommt zurück mit Aschenbecher. Ich ahne schlimmes. Die Terrasse ist groß genug. Dumm setzt er sich direkt hinter mich. Wissend was kommt, ich kenne die Windrichtung.
Mach die Kippe aus du Sack, bist‘n Assi oder wat…, denke ich. Ich kann diesen Reim niemandem zuordnen. Ist mir aber geläufig.
Kleinen Jungs, auch kleinen Mädchen lehrt man, nicht gegen die Windrichtung zu pinkeln. Das ist ähnlich dem Grundgesetz. Noch wichtiger in dem Punkt, dass es in erster Linie dir selber dient.
Ich rieche bereits den Geruch, als die zwei Steine des Feuerzeugs aneinander reiben um mit Hilfe des Gases eine Flamme zu erzeugen. Die wiederum die Zigarette zum glimmen bringt.
Ich habe nichts gegen Raucher:innen. Aus meiner Sicht ist es sensationell, wie sich Gesellschaft entwickelt hat. Politisch beeinflusst. »Mich stört es nicht, wenn du nicht rauchst.« Ich komme aus einer Generation, in der im hinteren Teil eines Flugzeuges geraucht wurde. Rauchabteile in Zügen versprachen Genuss beim unterwegs sein. Peter Stuyvesant den der großen weiten Welt. Bei geschlossenen Fenstern wird in Autos gepafft. Ich erinnere mich an die Aufschreie von Gastronomen, als das Rauchverbot eingeführt wird. In Bayern später. Dass ich Mittwochsabends (regelmäßiges Treffen mit Freunden) meine Kleidung in die Wäsche lege, dementsprechend in weiser Voraussicht bereits alte Kleidung trage. Den Geruch von kaltem Rauch und der großen weiten Welt vermisse ich nicht im Geringsten.

Es geht mir nicht um das Rauchen. Ich bewundere die kleinen Pausen, das »reseten« in Dauer einer Zigarettenlänge.

Die neue Bundesregierung will für starke Raucher:innen eine jährliches Screening der Lunge auf Kosten der Allgemeinheit (Krankenkassen) zur Pflicht machen. Ich weis nicht, was ich davon halten soll. Wenn es im Koalitionsvertrag steht, werden sie es wohl umsetzten (müssen). Könnten nicht bei, sagen wir 200 Gramm Kippenmüll diese sinnvolle Untersuchung gratis sein? Zwei Fliegen mit einer Klappe. Aus derselben keine Elefanten machen. Die Haut dessen kann bis zu 2.5 Zentimeter dick sein. Dick an Haut, doch dünn an Seele. Lese ich. Der Eingangssatz, was meine Dünnhäutigkeit angeht.

Ich nehme meine Tasse, stehe so demonstrativ auf (ich kann das ganz gut) und setze mich ein paar Tische weiter.

Die Gegend mehr als ok

Veröffentlicht in 21. Juni 2025

Oberammergau x Durach (111k)

Und am Ende der Fahrt: Sonnenbrand auf dem Fußrücken. Habe mir mal angewöhnt – nicht immer – mit Schlappen zu fahren. Also wenn BikePacking unterwegs. Ich möchte mich ja von den Durchgestylten etwas abheben. Kariertes Hemd wie die Holzfäller (heute nicht – sonst immer dabei), definitiv keine Radlerhose. Ich mag mich in denselben nicht sehen. Wo Mode endet, fängt sie an. Heute viel Strecke nur in Radlerhose gefahren. Es war geil. Ich sollte mein Verhalten überdenken. Zur Abkühlung bin ich in zwei Seen gehüpft. Zu faul meine Badeshort rauszukramen, zu feige wie Gott mich schuf. Einer hat es gewagt. Ich sah ihn von hinten. Mehr nicht. Habe es auch nicht darauf angelegt. Im Fahrtwind trocknet dann die Radhose, so meine Idee. Nicht ganz, der Sinn der Radhose, der weiche Teil, war schwammartig mit bayrisch österreichischem Seewasser gefüllt. Es gibt Menschen, die gewöhnen sich diese gepolsterten Hosen ab. Ab und zu mache ich das auch. Aber wer einmal richtiges A….glühen erleben durfte, ist in dieser Frage voreingenommen. Merke: ein Werkzeug, kein Versprechen.

Der heutige Tag war wellig. Keine ganz langen Anstiege. Ich hatte das Gefühl deutlich mehr bergab gefahren zu sein. Gestartet in München (519m ü. NN), gelandet in der Gemeinde Durach (714m ü. NN). Mir geht es oft so, dass ich mir in mir fremden Gebieten vorstelle, wie die Tour andersrum aussehen würde, zu fahren wäre. Es gibt mir so ein inneres Glücksgefühl, dass die gewählte Richtung passt. Aber: die eine oder andere Strecke werde ich in beiden Richtungen gefahren sein wollen – um sie ganz zu verstehen. Wenn die Zeit zu. Und die Gelegenheit. NN steht für Normalnullund bezeichnet wiederum den Referenzwert für die Höhenmessung, also den Meeresspiegel.

Einzig der Gaichtpass-Pass. Vom Lechtal hoch ins Tannheimer Tal. Vermutlich der Grund für den gefühlten Höhenmeterüberschuss.

Ich, besser: komoot, wählt die Variante: Alter Gaichtpass. Steil. Steinig. Schieben und Fahren halten sich die Waage. Zum Fluchen fehlte mir die Kraft – doch nicht der Wille. Ich sehe eine Spendenbox für den Erhalt und die Pflege des historischen Weges. Null. Ich spende nichts – nicht aus Trotz, sondern weil ich die Gleichgültigkeit bis in die Knochen fühle.

Ausgerechnet heute, wenn der Tag ewig scheint, schnapp ich mir die Nacht vorzeitig und leg mich früh hin – weil auch SuperSeiter mal Pause braucht.

Nachsatz

Ein Kruzifix wartete auf mich. Check. Aufgabe erfüllt. Ende.

Rosen der Liebe

Veröffentlicht in 20. Juni 2025

Ich sitze wieder auf dem Rad. Gepäck dabei. Handtuch und Seife. Lass am Abend gerne den Tag passieren. So als Erinnerung. Für mich. Ich werde in 15 bis 20 Jahren hoffentlich (Wo werden die Jahre gewesen sein?) auf meinem Sofa gesessen haben und mich an diesen Aufschrieben erfreut haben. #lovefutur2

Während der Tour keine großen Gedanken, die des erwähnt-werdens gerecht werden. Viele andere. Lenkt mich ab und verkürzt die Zeit. München gut verlassen. Zug pünktlich. An der Isar die Floße mit Stimmung und Sonnenbrand an Bord. Strecke gut. Rückenwind. Den letzten Anstieg nach Oberammergau gut gemeistert. Kloster Ettal beeindruckend.
Einzig vielleicht der Cappuccino am Stuttgarter Hauptbahnhof. Heute früh. Der Start in die Reise. Teuer, lecker mit schönem An- und Ausblick.

Kleine extra Runde durch Oberammergau. Mein Papa wünscht sich einen Kruzifix. Wir haben es ihm ausgeredet und die Sache schien vergessen, bis ich meine kommende Biketour erwähnte. »Dann bringsch mir einen Kruzifix mit«. WHOM. Da war’s wieder. Meine Lehre: ein Kruzifix kaufen ist nicht einfach. Es soll schon was besonderes sein. In der Region hergestellt. Kein Kitsch. Und Handarbeit. Heimisches Holz. Kein 3D-gedruckten oder von Maschinen gedrechselten Jesus. Und ich mag das INRI nicht. Also kann ich es nicht kaufen, selbst wenn es ein Geschenk ist.


Der erste Laden im Kloster schloß gerade. War ja schon 17 Uhr. Das Abendgebet ruft. Der Zweite verkaufte alles – auch bunte Enten. Jesus hätte ihn aus dem Tempel geworfen. Kurze Rede: ich wurde nicht fündig – die Zeit drängt. 18 Uhr gibt es Abendessen in der Jugendherberge. Schnell hin. »Hallo. Du bist Alexander.« »Äh – kurz überlegt – nein.« Ich nenne meinen Namen. Zeige meinen Jugendherbergsausweis. Suche die Buchungsbestätigung. Schaue meine Kreditkartenabrechnung durch. Lade die App und die Webseite. Ja ich bin ein Mensch. Markiere die Palmen und den Bus. Nichts. Auch die Dame an der Rezeption sucht verzweifelt. Irgendetwas hat nicht funktioniert. Mein Fehler. Zum Glück war noch ein einziges Zimmer frei. THX GOD. Stolzer Preis. Gut, dass ich Handtuch und Seife eingepackt habe. Und ich bleibe sehr gerne weiterhin der Achim. Abendessen war natürlich passé. Overbooked. Also rein ins Dorf. Unweit. Das erst beste Wirtshaus. Essen sehr lecker. Respekt vor alkoholfreiem Riegeler Bier aus Augsburg. Und ich habe wieder Glück. Es ist bayrischer Abend. Rosen der Liebe gibt es zweimal zum Start. Klingt anderes, der Text scheint gleich. Vielleicht bin ich unterzuckert. Mit Akkordeon und Gitarre wird jegliches Liedgut zerlegt. … bei, bei uns in Tirol, tobt der Saal. Habe ich was verpasst? Die Tanzfläche ist proppe voll, dass Club-DJs vor Neid noch blasser werden würden. Die alten Herrschaften werden einen wunderbaren Abend haben. Beim Hutspiel werden die Handys gezückt und Erinnerungen fabriziert. Fabrizio (genannt Franz der einfachheitshalber) gewinnt übrigens die Runde, während ich diese Zeilen tippe.
Ich werde irgendwann auf meinem Sofa gesessen, in meinen Erinnerungen geblättert und dabei gedacht haben: f*ckt euch Rosen der Liebe. Lesen ist besser als tanzen. Immer. Immer. Immer.