Ich sollte mich auf die Suche machen. Nicht nur, um endlich etwas Ordnung ins Chaos zu bringen – wobei Chaos ja so ein Wort ist, das für die einen wildes Durcheinander bedeutet und für die anderen… na ja, einfach: Alltag.
Worum’s eigentlich geht: meinen Bescheid. Besser gesagt: meinen Ausmusterungs-Bescheid.
Wie fast alle Jungs in meinem Alter (ein paar wurden einfach vergessen) durfte ich damals in Ludwigsburg antreten. Jägerhofallee. Musterung. Fester Termin. Eisentore. Lange Flure. Büros wie aus einem alten Schwarzweißfilm. Nervosität. Vieles ist verblasst, nur eins nicht: dass ich beim Sehtest durchgefallen bin.
Ein paar Tage vorher zuvor – theoretische Führerscheinprüfung (Friedensstraße in Ludwigsburg), auch da: Augen-Test versemmelt. Räumliches Sehen? Fehlanzeige. Mit Brille geht’s, aber ich wäre selbst dann ein miserabler Schütze geworden. Beim Sommer-Biathlon habe ich das runde schwarze Zielfeld der nebenliegenden Bahn des Gegners getroffen. In bester Absicht. Mein Protest blieb ungehört. Lachen. Nicht, dass ich Biathlon mögen würde.
Dann dieser Raum: ein langer Tisch. Leicht erhöht. Mir gegenüber drei oder vier Männer. Keine Uniformen, aber amtlicher Blick. Gespräch über mein Augenlicht, über Militär. Ich sagte, dass ich eh verweigern wolle.
Das Urteil: T6. Tauglichkeitskategorie ganz unten. Ich war erleichtert – und gleichzeitig nachdenklich darüber, wie untauglich ich offenbar war. Eine Verweigerung wird mir untersagt, weil ausgemustert. Ein Scheiss-Wort im Bezug auf Menschen. Meine »Sport-Karriere« beginnt erst Jahre später.
Heute denke ich: Irgendwo muss dieses Papier noch sein. Beweisstück. Auch wenn ich in einem Alter bin, in dem eine Einberufung ziemlich ausgeschlossen ist – erst recht mit meiner Sehkraft. Die wurde in den Jahren nicht besser. Ich schwör.
Und doch: Ich lese, dass das Parlament im »besonderen Fall« mit Zweidrittelmehrheit Gesetze aktivieren kann, wenn ein Angriff auf Deutschland bevorsteht oder schon läuft. Allein das zu lesen, macht mich fassungslos. Wie haben wir die letzten Jahre gestaltet, dass solche Gedanken wieder Platz haben?
Ich hoffe, dass mein Bescheid noch existiert – oder dass er im Ernstfall irgendwo in einer Akte steckt. Eine mögliche Digitalisierung beruhigt mich nicht. Angeblich prüft im Fall des Falles die Agentur für Arbeit, wer welche »Kompetenzen« hat. Für viele mögliche Tätigkeiten. Auch für Müllentsorgung.
Da würde ich mich freiwillig melden. Ehrlich.
Gestern am Bahnhof habe ich eine achtlos weggeworfene, leere Haribo-Tüte in den Mülleimer geworfen. Einfach so. Ohne Befehl. Ohne Uniform. Ich würde es wieder tun.