Mit feuchter Zunge den roten Briefumschlag ablecken, dieses kleine Dreieck zurück auf das Papier führen, drücken, streichen. Es klebt. Umschlag verschlossen. Die Wahl getätigt. So schnell geht das. So leise.

Diesmal mache ich alles anders! Ja, ich habe sie gewählt. Die Alternative. Vielleicht braucht es für DIE DA OBEN einmal einen Schreck. Als Warnung. Meinen Rachefeldzug an der Urne. »Ihr Nachbar wählt uns schließlich auch« hängt an Laternenstangen und trotzt im feuchten Februarwind. Vielleicht muss man sie einfach mal lassen. Vielleicht sind sie besser als der Rest vom Schützenfest. Vielleicht?

Schweißgebadet wache ich auf. Der graue Umschlag der Wahlbenachrichtigung liegt wirklich auf dem Küchentisch. Briefwahl. Noch offen. PUUH. Nur geträumt. Noch einmal Glück gehabt.

Ein Wahlvorgang hat nichts mit Glück zu tun. Nichts mit Rache. Nichts mit Abrechnung. Nichts mit Schwäche oder stark sein. Eine Wahl ist keine Faust auf dem Tisch. Sie ist eine stille Analyse. Was war. Was trägt. Was trägt nicht mehr. Und was ich mir wünsche für meine Zukunft und für die der anderen, begrenzt auf die fünf Jahre Verantwortung der Wahlperiode.

Wenn ich frustriert, narred (wie wir im Schwäbischen sagen) bin, laufe ich. So schnell. Mehr als mein Limit hergibt. Bis die Lunge brennt. Roter Kopf, dünne Gedanken. Irgendwann merke ich, wie blöd ich gerade bin. Das ist der gute Moment, wenn sich mein Denken bei normalnull (nach Seiter) nivelliert. Der Moment, in dem Ruhe zurückkommt.

Zu meinem Traum. Die »Alternativen« Menschen an den Straßenecken sind freundlich. Ich habe mit ihnen gesprochen. Das Gespräch war okay. Und doch bleibt da dieser Kern. Dieser v e r d a m m t e unbekannte Kern. Wie bei einer Avocado. Außen glatt, irgendwann weich, angeblich gesund. , geschmeidig, für mich ungewohnt, das Fruchtfleisch. Innen aber dieser harte, braune Kern. Man kann ihn nicht essen. Man kann ihn nur einpflanzen oder wegwerfen. Abweisen als für mich nicht gut. Dieser Kern ist für mich das, was ich nicht übersehen kann. Das Braune, das sich nicht klar genug löst vom eigenen Schatten. Solange das nicht benannt, nicht abgeschnitten, nicht wirklich verabschiedet ist, bleibt es Teil des Ganzen.

Ich mache mein Kreuz. Zwei Stimmen. Eine links, eine rechts. Wünsche an die Zukunft. An meine. An unsere. Die Summe der vielen Kreuze ist der Wille der anderen. Das halte ich aus. Das ist Demokratie. Nicht Euphorie. Nicht Untergang. Sondern Aushalten.

Ich werfe den roten Umschlag in den Briefkasten am Rathaus. Ein dumpfer Ton. Das Fallen in den Postkorb. Angekommen. Erledigt. Wenn ich schon da bin, hole ich mir noch ein mürbes Hörnchen beim Bäcker. Drei sind im Angebot. Ich kaufe Drei. Eines für den morgigen Tag. Die Sonne scheint. Zweiter Frühlingstag 2026. Schneeglöckchen stehen wie kleine weiße Ausrufezeichen im Gras.