Ich habe das Gefühl, ich sitze auf einem Baum. Auf einem Ast. Meine Beine baumeln. Blick nach unten. Es ist nicht hoch. Kein Absturz. Und trotzdem Bedenken. Vielleicht passiert nichts. Vielleicht genau das. Die Leute sagen, es gibt Schutz. Für Schwangere. Für Betrunkene. Ich bin beides nicht. Oder doch. Betrunken vor Lebenslust. Betrunken vor Sehnsucht. Nach Glück. Nach Losgehen. Ohne Sicherung. Schwanger? Dem Kommenden Gestalt geben. Verantwortung für Anfänge übernehmen. Zukunft verkörpern. Dem Leben Raum und Traum geben. Leben leben eben.
Ich habe das Gefühl, ich sitze auf einem Baum. Auf einem Ast. Meine Beine baumeln. Blick nach links. Politik. Geräuschkulisse. Die Stimmen werden leiser, nicht weil es ruhiger wird, sondern weil sie sich ähneln. Zustimmung, Empörung, richtige Haltung. Mehr Gedanken, mehr Reflexion, mehr Selbstvergewisserung. Wir verändern uns für etwas, das wir angeblich wollen, aber eigentlich nur verteidigen, weil es einmal richtig war. Ist es mein Fehler? Meine Wahrnehmung eines vermeintlich Guten, das längst nicht mehr schützt, sondern sich selbst verwaltet? Vielleicht ordne ich falsch ein. Vielleicht halte ich Loyalität für Fortschritt. Vielleicht ist es einfach mein Ding, mir die Welt so zurechtzulegen, dass ich sie aushalte. Und irgendwo dazwischen diese Frage, die sich festsetzt wie ein Splitter: Endet die Macht des Volkes in der Wahlkabine oder …?Wenn ich nur nach links denke, denke ich im Kreis. Immer dieselbe Kurve. Immer wieder Start. Das selbe Ziel.
Ich habe das Gefühl, ich sitze auf einem Baum. Auf einem Ast. Meine Beine baumeln. Blick nach rechts. Ich mag das Wort nicht mehr. Rechts. Es fühlt sich kalt an. Schwer. Dieses politische Rechts hat Masse bekommen. Es wächst. Es schiebt. Und niemand ruft Stopp. Niemand: Haltet die Fresse! Es ist ein leichtes, anonym einen FCKAFD-Sticker an einen Laternenmast zu kleben. Alles fließt weiter. Gleiche Geschwindigkeit, eher zunehmend gar, falsche Richtung. Vielleicht ist es wieder mein Ding. Meine Wahrnehmung. Meine Projektion. Aber wer nur nach rechts schaut, dreht sich genauso im Kreis. Nur anders herum. Eine Gemeinschaft unter Gleichen. Menschsein nach Vorschrift. Und raus bist du. Abgesch(l)ossen.

Ich habe das Gefühl, ich sitze auf einem Baum. Auf einem Ast. Meine Beine baumeln. Blick nach oben. Woher kommt mir Hilfe? Himmel. Fragezeichen. Ist das Religion? Oder Hoffnung mit besseren Klamotten? Glaube. Liebe. Hoffnung. Und die Liebe ganz oben, sagt man. Und wenn nicht? Darf man zweifeln? Oder muss man mutig sein, einfach los? Bereit sein zu kämpfen. Für ein Leben, das sich richtig anfühlt. Und wenn ich fluche – Himmelherrgottssakramentnochmal – dann nicht gegen Gott. Sondern gegen die Leute und mich.
Ich sitze auf diesem Ast und schaue in die Weite. Mehr Blick. Ungewohnte Perspektive. Gedanken pendeln. Hin. Her. Vielleicht sollte ich wirklich wieder auf einen Baum klettern. Echtes Holz. Raue Rinde. Beine baumeln lassen. Nicht bequem. Nicht sicher. Nicht für lange. Kippelig. Hände brauchen Halt. Leichter Druck auf dem Allerwertesten. Der Ast bewegt sich. Ich bewege mich mit. Nicht fallen. Nicht erstarren. Balance ist Arbeit.
Balance. Ich falle nicht aus Versehen.
