Wie ist dein Ritual, dich upzudaten? Zu festen Zeiten, zu festen Bildern, zu festen Stimmen und Stimmungen? Ich frage mich das immer öfter, denn ich schaue Nachrichten weder morgens noch abends. Nicht aus Desinteresse und nicht aus Trotz. Eher aus dem Gefühl heraus, dass mir beides im Moment nicht guttut. Diese Phase läuft seit Monaten, Jahren gar. Der Morgen ist mir zu offen dafür, der Abend zu voll. Ich kenne das Ritual, ich respektiere es, für viele ist es richtig. Für mich nicht. Ich bin eher ein Leser. Zeitungen, unterschiedliche. Am liebsten einen Tag später. Nicht der Bericht darüber, was passiert ist, sondern der Versuch zu verstehen, was es bedeutet. Kommentare, Meinungen, Reibung, Pro und Contra. Nicht, um mir eine Wahrheit zu leihen, sondern um mir selbst eine zu bilden. Das gelingt nicht immer, dafür reicht oft weder Zeit noch Kraft, aber der Versuch bleibt. Vielleicht fällt es mir deshalb schwer, meine Meinung in ein paar Zeichen irgendwo abzuladen – etwa auf X, ehemals Twitter. Dort, wo ein sehr reicher Mann sich aktuell, mit KI generiert, als junges Mädchen im Bikini zeigt, ironisch gemeint, angeblich lustig, angeblich harmlos. Viele lachen, klopfen sich auf die Schenkel und scrollen weiter. Ich frage mich: Warum genau dieses Bild? Wenn es wirklich nur Spaß wäre, warum nicht als Elefant, als Frosch, als Pavianarsch? Gerade weil er das nicht tut, ist es ein Symbol, und Symbole sind selten unschuldig. In der Zeitung Der Freitag bin ich auf ein Zitat von Slavoj Žižek gestoßen: »In einer idealen Welt würden wir anfangen, Wladimir Putin festzunehmen, Benjamin Netanjahu und Donald Trump selbst. Zusammen mit Maduro sollen sie sich alle die gleiche Zelle in Den Haag teilen.« Žižek bietet keine Lösungen an, er stört. Er sagt Dinge, die nicht machbar sind, damit Gedanken möglich werden, die notwendig sind. »Manchmal muss man das Falsche sagen, um das Richtige denken zu können.« Genau das tut meinem Denken gut. Es bewahrt mich davor, alles hinzunehmen, verändert meinen Ton im Kleinen und gibt mir die Kraft, nicht stehenzubleiben. Ein anderer Satz begleitet mich: »Krisen sind keine Ausnahmen des Systems, sie sind die Momente, in denen das System ehrlich wird.« Das Reale ist dabei oft brutal, nicht laut, sondern nüchtern. Ehrlichkeit, ehrlich sein, die fehlen. Mir. Ich mag kluge Sätze von klugen Menschen; sie sind für mich Filter, keine Beruhigung, eher Verarbeitungshilfe. »Macht zeigt sich oft dort, wo dir gesagt wird, du seist frei, und du dich trotzdem gezwungen fühlst.« Also gehe ich weiter, einen Schritt nach dem anderen. Ja, das klingt nach Durchhalteparole, nach Kalenderblatt, nach zu einfach. Mag sein. Aber es ist mein Weg, meine Meinung. Ich will lauter werden und leise sein zugleich. Ich versuche mit an der Balance zwischen zuhören und reden. Ich will. Das ist 0 Vorsatz. Vorsätzliches handeln wirkt sich nicht strafmildernd aus. Um 20 Uhr habe ich besseres vor. Frei.