»Was meinst du mit Melodie?« Ein leises Peep. Dann Stille. Meine Tastatur hatte sich mit einem kleinen Lied verabschiedet – eine Melodie, die ich im selben Moment vergesse. Danach geht nichts mehr. Kein Buchstabe, kein Wort, kein Satz. Nur Schweigen zwischen Finger und Maschine. Nur in meinem Kopf rattert es. Ein etwas anderes.
Es ist seltsam, wie sehr sie zu mir gehört, diese Tastatur. Ich spüre jeden Anschlag, als wäre er ein Teil meines eigenen Körpers. Der Druck, der Klang, das kurze, trockene Klicken – all das ist mir so vertraut wie mein eigener Atem. Ein guter Tastendruck ist wie ein gutes Werkzeug: unscheinbar, unverzichtbar.
Ich habe einmal gelesen, dass Pianistinnen und Pianisten sich im Gefühl unterscheiden. Die Noten eines Musikstückes bleiben gleich. Sind ja vorgegeben. Jede Note. Jede Pause. Jede Vielstimmigkeit. Jede Harmonie. Aber das, was zwischen Finger und Taste geschieht, das ist das, was aus Musik Musik werden lässt. Die Kunst. Die Faszination bekanntes anders zu interpretieren, anders wahrzunehmen. Zwischen Wohnzimmer und Konzertsälen. Vielleicht ist Schreiben ähnlich. Auch hier entscheidet das Gefühl über das, was lebt – über den Unterschied zwischen bloßem Tippen und wirklicher Sprache.
(Schreibt man eigentlich Sääle so? Oder Säle? Oder vielleicht Säale?). Habe einen Hänger. Mein Schreibprogramm zeigt keinen Fehler an. Natürlich nicht. Gerade dann, wenn man wirklich wissen möchte, was richtig ist. Aber was heißt schon richtig? Oder wichtig?
Ich sitze vor dem Bildschirm. Es fühlt sich anders an. Nur der Cursor blinkt, und dieses Schweigen, dieses Nicht-Funktionieren, wirkt fast persönlich. Ein kurzer Stich von Panik. Ich bin auf diesen Rechner angewiesen, auf seine Zuverlässigkeit, seine stillen, mechanischen Versprechen. Mein Denken geht über den aktuellen Moment hinaus.
Manchmal, in solchen Momenten, wünsche ich mich fort. Zurück in den Wald. Kohlen köhlern, mit den Händen, mit Rauch und Harz und Schweiß. (»Köhlern« kennt mein Wörterbuch übrigens auch nicht.) Was natürlich Blödsinn ist. Ähnlich wie »beim nächsten Mal….«. Ich will mich ändern – mal wieder.
Zur Beruhigung beschäftige ich mich mit Worten: Säle, so ist es richtig. Die Mehrzahl von Saal. Die Mehrzahl von Saat ist Saaten. Säen und säten – ist das Verb dazu. Das fehlt dem Saal. Auch dem Staat.
So sitze ich schließlich vor dem Apple Store. Um mich herum ein Einkaufszentrum – hell, glatt, durchzogen vom Duft nach Kaffee und Klimaanlage. Die Menschen im Store dort sind freundlich, geübt im Trösten. Ruhig und verständnisvoll. Am selben Tag einen Termin zu bekommen, sagen sie, das sei selten und Glück. Zugreifen. Glück im Unglück, nennt man das. Wobei eine defekte Tastatur kaum ein Unglück ist. Nur manchmal. Heute.
Der Tag vergeht wie im Flug. Vielleicht liegt das Glück nur darin, dass ich heute überhaupt Zeit habe – Zeit, die sonst oft fehlt. Eine kleine Atempause zwischen Arbeit und Funktionieren.
Während draußen die Sonne geschienen haben wird, werde ich im Bauch des Einkaufspalasts im künstlichen Halbdunkel gesessen haben.
STRG C + STRG V: Ich weiter so, ruhig und offen, und das Funktionieren fügt sich einfach ein.
