Sei gnädig mit dir

Morgengedanken 15. Citytriathlon Backnang

Einen Becher dampfender Kaffee in der Hand. Der Blick gen Osten. Die wärmenden Sonnenstrahlen erhaschen. Es ist still. Noch bevor der Tag laut wird.

Ich schlage mein Losungsbuch auf – und lasse mir Gedanken schenken. Nicht machen. Nicht produzieren. Einfach empfangen. Paar Minuten nur.

Heute bleibe ich an zwei Versen aus dem Brief des Paulus an Titus hängen:

»Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen. Sie erzieht uns dazu, das gottlose Wesen und die weltlichen Begierden abzulegen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben.«

Oha.

Beim ersten Lesen: nichts. Keine Wärme. Kein Bild.

Das Wort »gottlos« sperrt sich.

  • Nichts verloren: Gottes Zuwendung bleibt bestehen (das ist Gnade)
  • Vieles verborgen: der Mensch nimmt sie nicht wahr oder lebt daran vorbei. Das ist Entscheidung. Die eigene. Das ist OK – widerrufbar – offenes Ende.

Drei Worte aus den Titus-Versen bleiben stehen:

Eins: Gnade – du bekommst, was du dir nicht verdient hast. Gnade ist das was dich hält, wenn alles wackelt. Gnade ist wie aus dem Irgendwo – nenn es Gott – den eigenen Atem wiederzufinden.

Zwei: Gerecht – alle gelten gleich. Keine Überholspur mit fremden Mitteln.

Drei: Fromm – und da wird’s eng. Zu oft benutzt wie ein Abzeichen. Zu oft verdreht zu etwas, das oben steht und runterblickt. Zu schnell wird daraus: höher, heiliger, besser. Und ganz ehrlich: wenn »fromm« so klingt, als könnte – irgendein jemand – Gott auf seine Seite ziehen – für seine Meinung, für seine Härte, für seine Gewalt – dann passt es nicht. Schein-Fromme Scheisse – ohne Herz. Fromm kippt, wenn jemand sich über andere stellt. Punkt.

Zurück zu Titus. Kein großer Name wie Mose oder Johannes. Kein Held mit Bühne. Eher einer, der läuft, wenn’s ernst wird. Organisiert. Vermittelt. Kümmert sich, wenn andere schon weitergezogen sind. Einer für die Strecke.

Möglicherweise meint »fromm« bei ihm gar nichts Großes.

Vielleicht meint er:

  • geerdet bleiben.
  • ehrlich vor sich selbst sein.
  • das Gute tun – leise.

Nicht: höher, heiliger, besser. Sondern: klar, echt, getragen.

Jetzt, kurz vor dem Start in Backnang, wenn es still wird und nur noch wenige Sekunden bleiben, bevor der Pfiff kommt: vielleicht kurz an Titus denken. An einen, der nicht glänzen muss. Es reicht, dass du da bist. Noch einmal tief durchschnaufen – den Atem finden, der dich trägt. Dann löst sich der Moment und du schwimmst, du radelst, du läufst los, der Ziellinie entgegen.

Hab Freude bei diesen drei Dingen, es darf dich ruhig anstrengen. Aber: sei milde, sei gnädig mit dir, sei sanft zu dir. Du brauchst dich – auf jedem Meter. Jeden Tag.