Wir sind in dieser Stunde zusammengekommen, um Sam auf seinem letzten Weg zu begleiten. In unsere Trauer hinein will der Taufspruch von Sam sprechen. Er steht im ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 13, Vers 13.
»Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.«
Liebe Eltern,
liebe Angehörige,
liebe Trauergemeinde,
Sam ist tot. Siebeneinhalb Jahre ist er alt geworden. Sam ist etwas zum Verhängnis geworden, was für uns selbstverständlich, ja Genuss ist. Für ihn war es immer ein Kampf. Das Essen – und die Gefahr des Verschluckens. Oft – ja täglich – passiert. Am vergangenen Samstag hatte Sam keine Kraft mehr. Sein alltäglicher Kampf war zu Ende. Verschluckt, erstickt, gestorben.
Was bleibt in unseren Herzen und Gedanken, wenn wir heute an diesem kleinen Sarg stehen? Glaube – an was und warum? Oder Nichtverstehen? Hoffnung darauf, dass es Sam dort, wo er jetzt ist, vielleicht besser hat? Oder Hoffnungslosigkeit? Und dann noch die Liebe.
Sam fehlt seinen Eltern, seiner großen Schwester Sanne und dem kleinen Stan.
Wir erinnern uns gerne mit dir, liebe Svenja, und dir, lieber Sven, an die Vorfreude auf die Geburt. Es kam ganz, ganz anders. Komplikation, Notoperation, Sauerstoffmangel – dann der große Schreck. Sam hatte eine Behinderung. Hoffnung machten euch die Ärzte im Olgäle in Stuttgart nicht viel. Und trotzdem war da dieser Grashalm – es war die Hoffnung, an die ihr euch geklammert habt.
Deshalb spielt auch das Wörtchen Hoffnung eine große Rolle, als ihr den Taufspruch von Sam ausgesucht habt. Die Taufe – in einer Phase, als es Sam sehr schlecht ging. Die Hoffnung stirbt zuletzt – und Sam hat diese Phase seines Lebens überstanden, wie auch viele andere ebenso.
Sam kämpfte um sein Leben. Gefangen im eigenen Körper hat er jeden Lebenstag, der ihm geschenkt wurde, mit großer Freude und Sams eigener Energie begrüßt und ausgefüllt. Die Kommunikation mit Sam war anders – aber sie war da.
- sein Lachen, wenn er die Stimmen von Svenja und Sven wahrnahm,
- sein aufmerksames Zur-Seite-Drehen des Kopfes, wenn Kinder da waren,
- sein kleiner Unmut in Kaufhäusern, wenn ihn Trubel und Lärm störten,
- sein Spüren von körperlicher Nähe – das Behütetsein,
- das Grinsen, das Lachen und das Weinen,
- das Sich-Wohlfühlen, das Spüren von Freiheit im warmen Wasser.
Wenig Kommunikation? Nein. Eingeschränkt – und trotzdem, wenn man sich auf Sam einließ: unendlich viel.
Er schenkte Hoffnung – dann, wenn ihr ganz unten wart.
Manchmal der Gedanke, dass die Hoffnung vielleicht doch das Größte von den dreien ist?
Dann zum Beispiel, wenn Sam Fortschritte machte.
Doch immer wieder auch das Bild von Sam in seinem Spezialstuhl. Gestützt nach allen Seiten. Bewegungsunfähig. Die Ängste der Pflegenden: Wie lange reichen die eigenen Kräfte?
Das Größte also doch die Hoffnung?
Am Ende bleibt immer nur die Hoffnung. Oder?
Die Hoffnung – das haben wir alle schon erfahren – wie oft war sie es, die einen Menschen hindurchgetragen hat! Der Glaube, der kann einem schnell abhandenkommen. Die Hoffnung ist nur so lange stark, wie noch etwas zu hoffen ist.
Das Letzte und Größte aber, wenn weder etwas zu wissen noch etwas zu glauben noch etwas zu hoffen, geschweige denn etwas zu helfen ist, ist doch die Liebe.
Also doch die Liebe das Größte?
Das »Hohelied der Liebe«. Quelle: die Bibel, Neues Testament, genauer: 1. Korinther 13. Ein großes Stück Weltliteratur. Kaum zu übertreffen in seiner sprachlichen Schönheit. Unauslotbar in seiner gedanklichen Tiefe. Wirklich: ein »hohes Lied«. Es entspricht dem, wovon es spricht: dem Geheimnis des Lebens, der Liebe.
Liebe Trauergemeinde – lest diesen Text einmal in aller Ruhe zuhause durch. Ein Text, der für sich selber spricht. Wer meint, diese Worte vollständig deuten und auslegen zu können, hat ihren Charakter, ihr Geheimnis vielleicht schon verfehlt.
Rätsel soll man lösen. Aber Geheimnisse muss man stehen lassen. Denn sie sind es, die dem Leben Farbe und Tiefe geben, Charakter und Qualität. Geheimnisse sind wie Musik.
Was ist die Liebe?
Paulus antwortet: Die Liebe ist alles. Denn ohne Liebe ist alles nichts.
Damit macht er die anderen Qualitäten des Menschseins nicht schlecht: die Gabe der Einsicht in die Lebenszusammenhänge, die Gabe wissenschaftlicher Erkenntnis, die Bereitschaft zur Hingabe und zum Opfer, ja selbst den Glauben, der Berge versetzen kann.
Im Gegenteil: Das alles sind Gaben, die Menschen mitgegeben sind und mit denen sie ihr Leben gestalten können. Paulus geht aus vom »Kompetenz-Modell«. Wir, die wir diese Gaben haben, sind also keine Nichtsnutze.
Ohne Liebe aber nutzt das alles nichts. Erst die Liebe macht den Kenner zum Könner.
Der Glaube glaubt, die Hoffnung hofft, aber die Liebe ist die Erfüllung. Sie ist überhaupt das Größte. Sie ist ein Wunder.
Wir Christen sagen nicht: »Gott ist Glauben.«
Wir sagen auch nicht: »Gott ist die Hoffnung.«
Wir sagen: »Gott ist die Liebe.«
Und diese unermessliche Liebe Gottes ist ein Geschenk an dich und dich und dich – und an den kleinen Sam.
Sam war ein Geschenk Gottes – ein Stück Liebe an euch. Daran besteht kein Zweifel.
Da ist das Lachen von Sam, als wollte er sagen:
»Ja, ich war ein Geschenk Gottes. Ihr hattet mich nur kurz, ich war noch klein, aber deshalb war mein Leben nicht klein. Ich war eingeschränkt, aber deshalb hatte ich kein eingeschränktes Leben.
Ich wurde und werde vermisst. Das ist ein Zeichen des Gebrauchtwerdens – ein Zeichen der Liebe.
Ihr habt so viel, was ihr über mich erzählen könnt. Manchem fällt zu einem langen Leben weniger ein.
Ihr habt Dinge erfahren, gesehen und gefühlt, von denen ihr vorher nichts wusstet. Ihr habt Menschen kennengelernt, die Schweres erleiden und trotzdem das Lachen nicht verlernen.
So bin und bleibe ich ein wertvoller Teil eures Lebens.«
Sam war ein guter Gedanke Gottes. Und er bleibt es auch.
Und er bleibt es auch in Ewigkeit, liebe Svenja, lieber Sven.
Ich bin sicher, dass Sam in dem Augenblick seines Todes dankbar war für die Tage, die er mit euch verbringen durfte. Dass er im Tobiashaus sterben durfte, war sein letztes Dankeschön.
Ihr habt immer gern für Sam gesorgt. Ich denke, er hat euch auf seine Weise oft gesagt, dass euch das gelungen ist.
Gerne hättet ihr weiterhin für euren Sam gesorgt.
Heute müssen wir Adieu sagen.
Das heißt: »Gott befohlen.«
Wir befehlen Sam Gott an. Jetzt wird Gott für Sam sorgen. Er wird ihn wie auch uns mit seiner unermesslich großen Liebe umsorgen.
Und wir bitten Gott, dass er auch in unsere Herzen die helle Sonne wieder strahlen lässt. Dass die Trauer sich wandelt in Freude – in Freude darüber, dass es Sam gab.
Nicht von heute auf morgen.
Aber die Mitte der Nacht ist der Anfang eines neuen Tages.
Amen.